Adipositas

Zu dick, weil das Gehirn hungert

Übergewicht und Fettleibigkeit sind möglicherweise dadurch bedingt, dass das Gehirn nicht adäquat mit Glukose versorgt wird. Auf eine derartige Fehlregulation scheint das Gehirn mit dem Signal „Hunger“ zu reagieren – so neue Befunde einer Arbeitsgruppe in Lübeck.

Weltweit nehmen Übergewicht und Adipositas zu, und das in Ländern wie den USA mit praktisch schon epidemieartigem Ausmaß. „Durch genetische Faktoren ist das nicht zu erklären, weil wir dieses Phänomen erst seit rund 20 Jahren beobachten“, erklärte Professor Dr. Hans Lorenz Fehm aus Lübeck. Der Neurologe hat sich zusammen mit seinen Mitarbeitern sehr intensiv mit der Adipositas und entsprechenden Veränderungen im Gehirnstoffwechsel sowie in der Regulation von Hunger und Appetit beschäftigt. Auf dem Boden neuer wissenschaftlicher Befunde haben die Lübecker Forscher nun eine neue Theorie entwickelt, die die Grundlagen der Fettleibigkeit in völlig neuem Licht erscheinen lassen.

Hungergefühle werden zentralnervös gesteuert

Demnach wird das Körpergewicht des Menschen zentralnervös gesteuert. Grundlage der Regulation ist der Energiebedarf des Gehirns, der als Substrat praktisch ausschließlich Glukose nutzt. So macht das Gehirn nur etwa zwei Prozent der Körpermasse aus, verbraucht aber 20 bis 25 Prozent der Gesamtenergie, die wir zu uns nehmen.

Wird dem Gehirn vom Organismus zu wenig Glukose und damit zu wenig Energie zugeführt – ein Phänomen, das als Allokation bezeichnet wird –, so reagiert das Gehirn mit der Bildung von Neurotransmittern, die dem Körper das Gefühl „Hunger“ signalisieren. Es kommt fast zwangsläufig zu einer vermehrten Nahrungsaufnahme, was zu einer besseren Versorgung des Gehirns, aber aufgrund der Allokation auch zu einer Überversorgung des Körpers führt – und damit zur Speicherung der überschüssigen Energie in Form von Fettdepots.

Verschiedenste Faktoren sind laut Fehm an der komplexen Regulation beteiligt. Auf der Ebene der Neurotransmitter nannte er das Leptin, das offenbar bei Frauen eine Rolle spielt, sowie Insulin, das als Feed-back-Signal, insbesondere bei Männern, in die Regulationsprozesse im Gehirn involviert ist. Reguliert werden die Signale laut Fehm im Hippokampus, der damit quasi den Setpoint des Körpergewichtes bestimmt. „Warum dieser Setpoint bei adipösen Menschen verschoben ist, wissen wir noch nicht“, sagte der Mediziner.

Dennoch liefert die neue Theorie möglicherweise Ansatzpunkte für die Entwicklung einer innovativen Adipositastherapie. Diese könnte auf nasalem Insulin beruhen. Denn wie die Lübecker Wissenschaftler zeigen konnten, führt die nasale Gabe von Insulin oder von Melanocortin bei gesunden Probanden und insbesondere bei Männern zu einer Abnahme des Körpergewichtes.

Hoffnung auf innovative Mittel gegen die Adipositas

Generell ist nach Fehm aber zu beachten, dass eine dauerhafte Veränderung des Körpergewichtes nur möglich ist, wenn es vorher zu einer Veränderung des hippokampalen Setpoints gekommen ist. Denn, so führte der Neurologe aus, wenn der Setpoint nicht verändert wird, wird der Körper auch bei einer vorübergehenden Änderung der Nahrungsgewohnheiten nicht zu einer dauerhaften Änderung des Körpergewichtes kommen. Vielmehr wird das Gewicht nach einer Phase der Überernährung ebenso wie nach einer Phase der Reduktionskost zum „Sollgewicht“, dem Setpoint, zurückkommen.

Christine Vetter
Merkenicherstraße 224
50735 Köln

 

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