46. Bayerischer Zahnärztetag

Vorfahrt für die Prophylaxe

Prävention als ethisch-moralische Herausforderung für lebenslang gesunde Zähne? Einen der ersten Ansätze bietet die Kinderzahnheilkunde. Der diesjährige Bayerische Zahnärztetag (13. bis 15. Oktober in München) zeigte die Mittel und Wege auf, wie die Jüngsten im Feld zwischen „oral self care“ und „professional care“ bestens betreut werden.

Die Regierung Bayerns will „kein verstaatlichtes Gesundheitswesen, sondern ein freiheitlich orientiertes, auf Wettbewerb beruhendes System“. Was Staatsminister Erwin Huber mit Blick auf die Berliner schwarz-rote Koalition in seinem Grußwort zum Festakt des 46. Bayerischen Zahnärztetages erklärte, passte den vom Minister als „Leistungsträger“ apostrophierten Zahnärzten genau so gut ins Konzept wie die von ihm positiv herausgestellte Ehrenamtlichkeit der in den Kammern von Bund und Land agierenden Zahnärzte.

Weit weniger zuversichtlich stimmte die Teilnehmer das Thema des Festvortragsredners Prof. Dr. Robert K. Freiherr von Weizsäcker. Der Volkswirt an der TU München referierte über das „strategische Verhängnis“ von „Staatsverschuldung und Demokratie“. Trotz einer Schuldenstandsquote von 60 Prozent, trotz der Zinsausgaben, die inzwischen den drittgrößten Posten des Staatshaushaltes ausmachen, sei das Instrument der Verschuldung „für fast alle Wähler so gut wie undurchschaubar“. Von Weizsäcker machte die Zusammenhänge transparent, appellierte aber auch an die Politik, weitere Bereiche aus dem Staatshaushalt auszugliedern, damit zum Abbau der Staatsverschuldung beizutragen.

Bayerns Kammerpräsident Michael Schwarz zeigte sich überzeugt, dass „sich der Wachstumsmarkt Gesundheit mit seinen 4,2 Millionen Beschäftigten dynamisch weiter entwickeln kann“, so er durch reellen Wettbewerb gestützt wird. Ausdrücklich wandte sich der BLZK-Präsident gegen Vorgaben, die in Deutschland zu gegenüber dem europäischen Ausland diskriminierenden Wettbewerbsbedingungen führen. Maßnahmen wie die Kostenerstattung, von den Krankenkassen für deutsche Bürger im Ausland durchaus toleriert, seien innerhalb Deutschlands nur schwer umsetzbar. Schwarz mahnte aber auch: „Wir sollten als Europäer nicht die freien Dienstleistungen blockieren, damit wenigstens in diesem Gebiet Arbeitsplätze entstehen.“

Dr. Dr. Jürgen Weitkamp, Präsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), betonte, dass sich „die Politik zwar für das Gesundheitswesen verantwortlich zeige, wir aber selbst dafür zu sorgen haben, dass unsere Patienten und die, die die Zukunft des Landes darstellen, auf das Beste und Pfleglichste behandelt werden.“ Weitkamp: „Wir haben zu allem, was es in der Gesundheitspolitik gibt, unsere eigene Meinung erarbeitet.“ Der BZÄK-Präsident warb dafür, „die Verkammerung des Berufsstandes als Modell für Europa“ zu nutzen. Weitkamp warnte aber davor, auf nationaler Ebene weiterhin „unseren Berufstand durch Fremdkontrolle zu kujonieren“.

Mehr Spezialisten für Kinderzahnheilkunde

Mit dem Thema Kinderzahnheilkunde griff der Bayerische Zahnärztetag einen Trend auf, der nach Ansicht des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGK), Prof. Dr. Ulrich Schiffner, den großen Bedarf der Zahnärzte aufzeigt, „über die universitäre Ausbildung hinausgehend umfassende Kenntnisse und Fähigkeiten für die Betreuung kindlicher und jugendlicher Patienten zu erwerben“. DGKFortbildungsreferent Prof. Dr. Norbert Krämer eruierte für Deutschland einen Bedarf an 500 bis 600 auf Kinderzahnheilkunde spezialisierten Kollegen. Bis heute hätten sich bei der DGK etwa 120 Zahnärzte in diesem Spezialbereich zertifiziert.

Dr. Rüdiger Schott, Leiter des Bayerischen Zahnärztetages, betonte die Notwendigkeit, in den Anstrengungen der Prophylaxe für Kinder und Jugendliche nicht nachzulassen. Es sei „moralische Verpflichtung, sich intensiv um jene Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen zu kümmern, um optimale Ausgangsvoraussetzungen für die Oralhygiene zu schaffen und Spätfolgen zu vermeiden“. Für das Ziel weg von der Reparatur zur Präventivmedizin seien allein in Bayern rund 3 500 Zahnärzte in Kindergärten und Schulen „unterwegs“. Diese selbst initiierte Vorsorge funktioniere.

Erschwerend wirkten sich dagegen die Rahmenbedingungen aus, unter denen diese Arbeit geleistet werde. Die Zahnärzte müssten nach den Radiologen für ihre Praxis das meiste Geld unter Deutschlands Heilberuflern investieren. Honoriert werde die zahnärztliche Arbeit dagegen immer weniger. In diesem Umfeld werde „allen immer mehr klar, dass auch der Arzt wie ein Unternehmer denken, planen, agieren und seine Praxis wie einen Betrieb organisieren muss“. Mit ein Grund für die Bayerische Kammer, „durch ausgewiesene Experten post-graduate fachliches und unternehmerisches Wissen zu vermitteln und den Brückenschlag, den Spagat zwischen Ethik und Monetik, zu bewältigen“. Bayerns Kammer beabsichtige deshalb, ausdrücklich auch Themen mit wirtschaftlich-unternehmerischen Aspekten in die eigenen Fortbildungsangebote einzubinden. Ein dem Zahnärztetag integrierter „Unternehmertag“ mit Referaten zum Themenbereich zwischen „Ethik und Monetik“ sollte hier erste Zeichen setzen.

Trotz hohen Niveaus die Bemühungen verstärken

Was die finanzielle Unterstützung der Gruppenprophylaxe in Bayern angeht, zeigte sich der LAGZ-Vorsitzende und Mitglied des Bayerischen Kammervorstandes, Dr. Herbert Michel, nicht unzufrieden: In Bayern würde derzeit 3,8 Millionen Euro für diesen Bereich investiert. Allerdings bemängelte Michel auch hier die Maßgaben des Gesetzgebers, dass die über Zwölfjährigen in der Gruppenprophylaxe nicht mehr betreut werden. Da auch in Bayern die DMF-TWerte aufzeigten, dass die Gesamtentwicklung zwar nach wie vor auf qualitativ hohem Niveau bleibe, aber etwa ein Fünftel der Zwölfjährigen fast zwei Drittel der gesamten Karieserfahrung auf sich vereine, seien, so Prof. Schiffner, gerade in diesem Bereich „verstärkte Bemühungen notwendig“.

Die hohe Teilnehmerschaft von rund 1 700 Besuchern der Fortbildung machte deutlich, dass diese Botschaft unter Bayerns Zahnärzten angekommen ist und umgesetzt wird. Sie nutzten das umfangreiche Angebot zur Kinderzahnheilkunde, das von der Vorstellung und Einschätzung moderner Methoden der Karieserkennung und Empfehlungen zur Kariesdiagnostik über den aktuellen Stand des Wissens um die Fluoridierung, prothetischen Konzepten bei Kindern, Füllungstherapien, den Umgang mit besonders ängstlichen Kindern, der Behandlung in Hypnose, von Sedierung und Narkose bis zum Notfallmanagement bei Kindern reichte.

 

Weitere Bilder
Bilder schließen