Wissenschaftlicher Kongress

Treffen geballter Wissenschaft

Genau 5 920 Zahnmediziner trafen sich zu einem Kongress – der im Rahmen des Deutschen Zahnärztetags 2005 stattfand – wie ihn Deutschland noch nicht gesehen hatte. Nahezu alle Themen, die in der Zahnmedizin und ihren angrenzenden Disziplinen überhaupt nur möglich sind, wurden in Berlin in einer Gemeinschaftstagung aller wissenschaftlichen Fachgesellschaften der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde abgehandelt und lieferten einen aktuellen fachlichen Überblick über das gesamte Fachgebiet. Dieser Beitrag kann nur einen globalen Überblick liefern, umfangreiche Fachbeiträge der einzelnen Arbeitsgruppen und Assoziierten sind in Bälde unter zm-online.de zu lesen.

DGI: Jeder 10. implantiert

Die Implantologie ist der größte Wachstumsbereich in der Zahnheilkunde, so die Aussagen der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI). Bei jährlichen Zuwachsraten von zehn Prozent wurden allein im vergangenen Jahr schätzungsweise 500 000 Implantate aus Titan inseriert, so Professor Henning Schliephake, Göttingen, und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI). Immer mehr Patienten ziehen diese komfortable und ästhetisch akzeptablere Lösung für ihren Zahnersatz einer herkömmlichen Versorgung mit Brücken oder Prothesen vor. Viele der in Berlin vorgetragenen Beiträge zeigten deutlich, dass der wissenschaftliche Fortschritt immer mehr in Richtung Zeitersparnis, minimal chirurgische Operationsmethoden und Gewebemanagement ausgerichtet ist. Heute ist es möglich, durch enzymatische Prozesse den Heilungsprozess positiv zu manipulieren. Hoch aktive Titanoberflächen unterstützen zusätzlich eine schnelle und sichere Osseointegrität der Implantate. Diese Parameter sorgen dafür, dass, wenn es sich um einen erfahrenen Implantologen handelt, so Schliephake anlässlich der Eröffnungspressekonferenz, heute auch Patienten versorgt werden können, die aufgrund einer Vorerkrankung bislang mit dem Vermerk „Kontraindikation“ abgewiesen werden mussten. So ist es heute an der Tagesordnung, dass Patienten, die unter Osteoporose leiden oder an Diabetes, durchaus Zahnersatz via implantatem erhalten können. Voraussetzung allerdings ist immer noch eine gute Einstellung des Blutzuckerspiegels, am besten in Absprache mit dem behandelnden Internisten. Die Frage, ob bei Rauchern implantiert werden dürfe, wurde in Berlin immer noch kontrovers diskutiert. Bei guter Mundhygiene sowie einer guten Compliance sei auch der Nikotinabusus, so einige Referenten, keine Kontraindikation mehr.

Früherkennung in die Hand des Zahnarztes

Ebenso werden Nikotin und Alkohol als ätiologische Faktoren für Karzinome der Mundhöhle verantwortlich gemacht. Da die Tumorgröße ein entscheidender prognostischer Faktor für derartige Karzinome ist, kommt der Früherkennung eines Tumors oder einer präkanzerösen Schleimhautveränderung eine besondere Bedeutung zu. Hiermit ist der Hauszahnarzt besonders gefordert, eine Veränderung an Zungen-, Gaumen- oder Mundschleimhaut wahrzunehmen, und zwar neben einer umfassenden Anamneseerhebung – zu der auch die Risikofaktoren gehören. Eine Palpation der Lymph- und Speicheldrüsen sollte obligat sein. Heute stehen ihm hierzu die einfache Methode der Bürstenbiopsie und die Fluoreszenzdiagnostik zur Verfügung. Eine Überweisung zum Facharzt ist bei kleinsten Abnormitäten anzuraten, wie die Arbeitsgemeinschaft für Kieferchirurgie und der Arbeitskreis für Oralpathologie und Orale Medizin forderten.

Selbsttest vor dem Badezimmerspiegel

Sehr viele Patienten leiden unter Kopfschmerzen, Nackenverspannungen und Tinnitus, die allein auf Dysbalancen, also einer cranio-mandibulären Dysfunktion, basieren. Im Rahmen der Veranstaltung gab die DGZMK den Patienten hierfür ein neues Hilfsmittel an die Hand, um zu Hause für sich prüfen zu können, ob der Gang zum Zahnarzt eine sinnvolle Behandlungserweiterung darstellt. Zur besseren Unterstützung besteht die Anleitung aus einer Software (CMDcheck personal edition), die kurze Demonstrations-Videos und erläuternde Texte mit einer Auswertungsfunktion verbindet. Die Software wird gratis aus dem Internet herunterzuladen sein (www.dentaconcept. de).

Parodontitis fördert Allgemeinerkrankungen

Bei einer Prävalenz von 78 Prozent aller Deutschen Erwachsenen mit Gingivitis und 15 Prozent an einer schweren Parodontitis erkrankten Deutschen über 44 Jahren zeigt sich der dringende Behandlungsbedarf. Da in den letzten Jahren durch umfangreiche auch evidenzbasierte Studien der Zusammenhang zwischen Allgemeinerkrankungen und Parodontitiden belegt wurde, ist dieser um so dringlicher. So legte die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DGP) ihren Tagungsschwerpunkt auf das Umdenken des Allgemeinzahnarztes und machte deutlich, dass, wenn dieser bereits frühzeitig nach erster Diagnosestellung (zum Beispiel mit dem PSI-Screening) in den Pathogeneseprozess mit einer gewebeschonenden Therapie zur Minimierung des pathogenen Biofims eingreift, eine Erhaltung des (der) betroffenen Zahnes (Zähne) durchaus möglich ist, und damit ein Weg in die Richtung der Allgemeingesundheit des Patienten eingeschlagen wird.

Präventive und restaurative Trends

Viele Vorträge zeigten es wieder deutlich: Moderne Zahnheilkunde heißt nicht nur bohren, sondern so minimalinvasiv wie möglich therapieren und in vielen Fällen – zum Beispiel bei einer Initialkaries – oft nur abwarten und beobachten. Dieser Trend wurde anlässlich der Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) deutlich. Heute stehen verschiedene hoch qualifizierte diagnostische Methoden (wie Diagnodent, Quantitative Lichtindizierte Fluoreszenz) zur Verfügung, mit denen ein Monitoring durchgeführt werden kann, begleitet von präventiven Maßnahmen, um den beginnenden kariösen Prozess unter Umständen sogar vollständig auszuheilen.

Die Methode der Fissurenversiegelung, so Professor Dr. Andrej Kielbassa aus Berlin, hat in vielen Millionen Kindermündern eine Karies an den bleibenden Sechsjahrmolaren erst gar nicht aufkommen lassen. Moderne Komposite können heute sowohl am Dentin als auch am Schmelz sicher ästhetischen Zahnersatz befestigen, Exkavationen füllen, Sekundärkaries verhindern und den Zahn ästhetisch rehabilitieren. Moderne Hochleistungsverfahren und flexible Titanstifte machen die Aufbereitung eines Wurzelkanals ebenso problemlos möglich wie sein Verfüllen mit modernen Wurzelfüllmaterialien. Das Gewebemanagement gilt heute auch in der Endodontie als Innovation. Viele Beiträge beschäftigten sich mit der Rolle verschiedener Wachstumsfaktoren und der angestrebten Möglichkeit, bioaktive Moleküle (Stammzellen) zur Therapie nach Extirpation des Pulpagewebes einzusetzen.

Allgemeiner Rundblick

Knapp 6000 Teilnehmer in derart vielen Parallelveranstaltungen – das führte zu vielen übervollen Sälen und Räumen, viel Durcheinander, aber auch gleichsam äußerster Begeisterung anlässlich der Vielfalt der Themenauswahl.

Wie auch im vergangenen Jahr stellten sich die anwesenden Teilnehmer der Großveranstaltung immer wieder der Wissensüberprüfung. Mittels des inzwischen in vielen Fakultäten und Fortbildungsveranstaltungen eingeführten „Mobited-Systems“ fand dieses Verfahren in Zusammenarbeit mit dem Quintessenz Verlag einerseits zur Erfolgskontrolle der erlernten Kongressinhalte sowie zur Evaluation der Ideen und Weiterentwicklungswünsche der Teilnehmer statt. Eine große Life-OP, mit viel Aufwand organisiert von Dr. Gerd Basting, Quintessenz TV, sorgte für viel Spannung und Demonstration größter chirurgischer Kompetenz.


INFO

Gemeinsames Konzept

Die gemeinsame Tagung aller wissenschaftlichen Fachgesellschaften der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde , die erstmalig im Rahmen des Zahnärztetages stattfand (siehe auch ab Seite 26), hat eindrucksvoll belegt, über welche hoch entwickelten Diagnose- und Therapiemethoden die Zahn-Mund- und Kieferheilkunde heute verfügt. Ebenso zeigten eine Vielzahl der über 850 Vorträge und mehr als 450 Posterbeiträge, wie stark die Zahnmedizin heute durch interdisziplinäre Inhalte geprägt ist. Gleichsam wurde deutlich, wie sehr sich die Zahnheilkunde von der Reparaturzur Vorsorgemedizin gewandelt hat. Die wissenschaftlichen Fortschritte finden Ausdruck in dem Konzept der Neubeschreibung einer präventionsorientierten Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, die am 30. Oktober gemeinsam von der BZÄK, DZGZMK und KZBV in Berlin vorgestellt wurde (siehe dazu auch ausführlich Seite 46).

INFO

In seinem Festvortrag verblüffte Prof. Dr. Josef Penninger, Toronto und Wien, Wissenschaftler des Jahres 2003, die Teilnehmer mit seinen Forschungsergebnissen. Er stellte das System des RANK-Ligants vor, ein Protein, das maßgeblich in diverse Stoffwechselprozesse eingreift und mitverantwortlich unter anderem für die Entstehung der Osteoporose gilt. Es ist ihm und seinem Team gelungen, einen Inhibitor zu entwickeln, der in diese zerstörerischen Prozesse eingreift. Ergebnisse aus klinischen Studien werden in einem Jahr zum Abschluss kommen. Die derzeitig beobachteten Ergebnisse lassen bahnbrechende Therapieerfolge für diverse Krankheitsbilder erwarten.

 

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