Weihe der Dresdener Frauenkirch

Ein Kirchenfest, wie es nur wenige gibt

An drei von hunderttausenden besuchten Festtagen wurde vom 30. Oktober bis zum 1. November in Dresden die wieder aufgebaute Frauenkirche eingeweiht und mit ihren architektonisch und akustisch interessanten Eigenschaften ihrer Bestimmung übergeben. Die Veranstaltungen mit ihren christlichen, kulturellen und sogar politischen Dimensionen fand große Aufmerksamkeit über Deutschlands Grenzen hinaus, als Zeichen der protestantischen Identität, der nationalen und internationalen Solidarität und des Willens zur Versöhnung.

Die Weihe der Dresdener Frauenkirche war ein würdiger Abschluss des großartigen Projektes, über das in der Öffentlichkeit – und auch in den zm – über mehr als zehn Jahre berichtet und für dessen Verwirklichung mit großem Elan geworben, gestiftet und gespendet wurde. Insgesamt über 100 Millionen Euro, davon fast eine Million Euro von der deutschen Zahnärzteschaft. Ein Jahr früher als ursprünglich geplant und mit genau eingehaltener Finanzierung versammelten sich nun zur großen Weiheveranstaltung am 30. Oktober in der fertigen Kirche mehr als 1 800 geladene Gäste und Zehntausende vor den Türen auf dem Dresdner Neumarkt. Sie erlebten eine zu Herzen gehende Feier, die alle Sinne ansprach. Bei strahlendem Sonnenschein brillierten das Äußere und Innere der Kirche in opulenter Optik während drinnen die Blechbläser, der Kammerchor der Frauenkirche, der Dresdner Kreuzchor und die neue Orgel die wunderbare Akustik dieses Bauwerks zum Genuss werden ließen.

Zuversicht und Gottvertrauen

Alle Glocken der Frauenkirche und ein großer Posaunenchor begleiteten die festliche Prozession in das Gebäude hinein, allem voran junge Leute, die das Kreuz, die Altarbibel, das Taufbecken und den Altarkelch trugen, danach die kirchlichen und weltlichen Würdenträger. „Oh komm, du Geist der Wahrheit“, sang die Gemeinde, als dann als erstes die goldverzierte Kanzel geweiht wurde. Danach stellten Sachsens Landesbischof Jochen Bohl und seine beiden Vorgänger im Amte, Hempel und Kreß, die liturgisch besonders wichtigen Elemente in den Dienst der Kirche: Bibel, Taufbecken, Kelch, die Orgel und schließlich das ganze Gotteshaus. Nun bietet dieses Haus die Heimat für Christen aus aller Welt in einer Umgebung, in der die Mehrheit der Menschen Atheisten sind – ein steinernes Zentrum des Glaubens.

Als Zeichen für Verständigung und Versöhnung bezeichneten der Landesbischof und der Frauenkirchen-Pfarrer Stephan Fritz das Wiederaufbauwerk. Die Frauenkirche sei ein Beispiel dafür, sich nicht stets mit den Realitäten abzufinden, sondern einfach etwas zu unternehmen. Zuversicht und Gottvertrauen müssten wachsen, die Menschen brauchten Überzeugungen, die sie tragen, sonst könne man nicht mehr leben. In einer „merkwürdigen Zeit“, nach sechzig Jahren Frieden liege dennoch „eine Art Angststarre“ über dem Lande. Der Wiederaufbau der Frauenkirche sei das Gegenteil „dieser verzagten Welt“, sei die Geschichte des Möglichen, wenn man nur wolle und einig sei.

Mehr Mut für Deutschland

Der Landesbischof dankte den vielen Personen und Organisationen, die dazu beigetragen hätten, „dass dieser Tag überhaupt möglich wurde“, unter anderen dem schon verstorbenen „Retter der Ruine“ in DDR-Zeiten, dem ehemaligen Denkmalschützer Prof. Nadler, den Mitgliedern der Friedensbewegung, die schon 1982 an der Frauenkirche demonstrierten, den 14 Dresdner Bürgern, die mit dem „Ruf aus Dresden“ 1990 die Wiederaufbau-Initiative starteten, den vielen Stiftern und Spendern, dem unermüdlichen Werber Trompeten-Virtuose Ludwig Güttler, der Dresdner Fördergesellschaft und den Vereinen im Inund Ausland, darunter besonders dem britischen Dresden-Trust, der unter anderen das goldene Turmkreuz gespendet hatte, vertreten durch den Herzog von Kent.

Die Festrede des Weihegottesdienstes hielt Bundespräsident Horst Köhler. Er richtete an die Zuhörer vor allem Appelle zu mehr Mut, Tatkraft und Zuversicht als „Ausdruck der Guten“; er lobte die 14 Dresdner, die sich 1990 „gegen alle Vernunft“ engagierten und einfach handelten. „Was in Dresden erreicht wurde, sollte Deutschland Mut machen“. Das zähle zum besten, was freie Bürger leisten könnten, es sei der Ausdruck des Guten in der Bürgergesellschaft.

In Abwandlung des bekannten Gerhart-Hauptmann-Wortes („Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Anblick Dresdens“) sagte der Bundespräsident: „Wer die Zuversicht verloren hat, der gewinnt sie wieder beim Anblick der Dresdner Frauenkirche“. Ungewöhnlich in einer Kirche, doch hier am Platze war großer Beifall der Festversammlung und der Menschenmenge vor der Kirche für Köhlers Festrede wie schon vorher für die Förderer des Baus und die Mitwirkenden der Feierstunde und schließlich auch, als unter Orgelklängen und Glockengeläut die Festgesellschaft die Frauenkirche wieder verließ.

Die Seele von Dresden

Aber das Fest ging noch weiter, mit ersten Besichtigungsmöglichkeiten für das Publikum. Die ganze Nacht durch besuchten mehr als 11 000 Menschen das Innere der Frauenkirche. In einem ökumenischen Gottesdienst am Abend predigte unter anderem der Bischof von Coventry. Zum Reformationsgottesdienst am 31. Oktober waren besonders alle die Bürger geladen, die noch in der alten Frauenkirche getauft, konfirmiert oder getraut worden waren; es gab zu Herzen gehende Reminiszenzen, die das Wort des Dresdner Oberbürgermeisters Roßberg bestätigten, der formulierte „Dresden hat seine Seele wieder“.

Festgottesdienste und Konzerte prägten auch in der Folgezeit das Leben der neuen Frauenkirche. Bis zum Erscheinen dieses Berichts gab es neben vielen anderen Veranstaltungen Beethovens „Missa Solemnis“, Verdis „Messa da Requiem“, Bachs „H-Moll-Messe“ und das Weihnachtsoratorium, drei Konzerte der „New York Philharmonic“, Auftritte der Dirigenten Lorin Maazel und Kurt Masur. Von Siegfried Matthus wurde das Te Deum uraufgeführt. Im Dezember gibt es unter vielen anderen Veranstaltungen auch Konzerte unter der Leitung von Ludwig Güttler.

Die Gespenster begraben

Die Dresdner Frauenkirche rüstet sich nun für die neue Phase des aktiven Handelns und zwar – wie immer wieder betont wurde – sowohl als Gotteshaus für eine weltweite Gemeinde, Symbol des Friedens und der Versöhnung wie auch als kultureller Kern von „Elbflorenz“ und als Beispiel für Bürgersinn und Aufbauwillen im vereinigten Deutschland. Die außenpolitische Dimension des nun vollendeten Werks des Wiederaufbaus der Frauenkirche hat der Herzog von Kent in einer Ansprache so formuliert: „Der Bau steht für die Versöhnung zwischen Großbritannien und Deutschland und für unsere Entschlossenheit, die Gespenster der Vergangenheit zu begraben.“ Dresden möchte nun möglichst vielen Besuchern ein wenig von diesem Geist mitgeben.

Hartmut Friel
Jägerhofstr. 172
42119 Wuppertal

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