Die Geschichte der Schmerzfreiheit

Einhundert Jahre Novocain

Extraktionen, Scalings, Beschleifen vor dem Zahnersatz – ohne die „Spritze“ geht es heute nicht mehr. Dass aber noch vor einhundert Jahren chirurgische und zahnmedizinische Eingriffe ohne Anästhesie stattfanden, ist nahezu unvorstellbar. Nun wurde die „Spritze“ einhundert Jahre alt. Hier eine Replique.

Mit der Entdeckung der Vollnarkose in den 1840er Jahren begann in der Geschichte der Medizin ein neues Kapitel. Zuvor hatte der Chirurg stets bemüht sein müssen, eine Operation binnen kürzester Zeit zu vollenden, fortan konnte er in aller Ruhe operieren. Zuvor konnte der Kranke kaum stillhalten, denn der Schmerz war meist unerträglich. Das war der Grund, warum der Berliner Chirurg Bernhard von Langenbeck sich rühmte, er benötige für eine Beinamputation, das Anlegen des Verbandes eingeschlossen, gerade einmal fünf Minuten. Wenn der Patient „Glück“ hatte, viel er zu Beginn der Operation vor lauter Schmerzen in Ohnmacht .

Anlässlich eines Jubiläumsworkshops, von Sanofi Aventis in Rheinhardshausen veranstaltet, beschreibt der Referent Prof. Dr. Dr. Johannes Klammt, Schwerin, die folgenden Jahre: „Versuche einer lokalen Schmerzausschaltung am Menschen waren bis etwa 1880 völlig unzureichend geblieben – Druck, auch auf das freigelegte Nervenkabel selbst, Unterbrechung der Blutzufuhr, lokale und allgemeine Kälte mögen mitunter geholfen haben, lösten aber nicht das Problem. Allerdings gab es auch schon Versuche, durch feine Hautinzisionen, später durch Injektion, zum Beispiel von Morphin, mittels der etwa um 1850 von dem schottischen Arzt Alexander Wood oder von dem Iren Francis Rynd erfundenen Hohlnadeln, den „hypodermatischen Nadeln“, wirksame Substanzen an die Stelle des Eingriffs zu bringen, offensichtlich aber ohne den erhofften Erfolg. Etwa zur gleichen Zeit hatte auch der Tierarzt Charles Gabriel Pravaz (1791 bis 1855) aus Lyon eine einigermaßen brauchbare Spritze entwickelt. Dennoch blieben alle Versuche damit zunächst reichlich unbefriedigend.

Auch die etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts „erfundene“ Inhalationsnarkose mithilfe von Lachgas, von Äther oder Chlorofom löste noch lange nicht das Problem der schmerzfreien Operation und bot zunächst vielfache Probleme und Gefahren. Es ist bezeichnend, dass in der Mitte des 19. Jahrhunderts sowohl die Lachgasanalgesie als auch die Äthernarkose eigentlich von Zahnärzten, von Horace Wells (1815 bis 1848) und William Thomas Green Morton (1819 bis 1868)) „erfunden“ und am Beispiel der Zahnextraktion zuerst erprobt beziehungsweise demonstriert worden waren.

Operieren mit der Stoppuhr

Trotz alledem war die Vollnarkose nach wie vor sehr unbefriedigend, denn sie belastete den Kreislauf stark, von der noch immer großen Gefahr einer Infektion (Spritzenabszess und mehr) einmal ganz abgesehen. Die gebräuchlichsten Narkotica waren im 19. Jahrhundert Äther und Chloroform, beide wirkten auf die Hirnzellen und konnten bei übermäßiger Verabreichung schwere Störungen verursachen. Selbst tödliche Lähmungen des Herzmuskels oder des Atemzentrums traten gelegentlich auf. Die Erfahrungen im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) bewiesen erneut, dass eine kurzfristige örtliche Betäubung eigentlich unverzichtbar war.

In den 1880er Jahren machte die Anästhesie einen Sprung nach vorn. Dem amerikanischen Arzt William St. Halstedt gelang es 1885 erstmals, einen Nervenstrang zu blockieren und damit eine Körperregion unempfindlich zu machen. Im Jahr davor wurde bereits in der Augenheilkunde eine erste Lokalanästhesie durchgeführt. Ein paar Jahre später entwickelte der deutsche Chirurg Carl Ludwig Schleich die Infiltrationsanästhesie, indem er einem begrenzten Gewebestück mehrmals eine Lösung einspritzte und es damit betäubte.

Kokain gegen den Schmerz

Man verwendete dafür zunächst Kokain. Die Ärzte waren mit diesem Mittel allerdings nicht zufrieden, denn Kokain macht süchtig, und es ist giftig. Trotzdem waren die Chirurgen erst einmal froh, dass das Problem Schmerz in ihrem Arbeitsfeld nun gelöst zu sein schien. In den medizinischen Fachzeitschriften erschienen um die Jahrhundertwende eine Vielzahl von Aufsätzen über die lokale und die allgemeine Narkose.

Ein weiteres Problem bestand vorläufig darin, dass sich das Narkosemittel rasch verflüchtigte, denn es wurde auf dem Blutweg aus dem örtlich betäubten Gewebe „heraus“gespült. Man behalf sich nun damit, dem Kokain etwas Adrenalin beizugeben, sodass sich die örtlichen Blutgefäße unter der Einwirkung dieses Nebennierenrindenhormons kontrahierten. So wurde der Abfluss des Betäubungsmittels behindert und die Verweildauer des Medikamentes im Gefäßareal verlängert. In England begann man, Kokaintabletten mit Adrenalin herzustellen. Der Leipziger Chirurg Professor Dr. Heinrich Braun, der große Operationserfahrung besaß und seit langem auf ein geeignetes Lokalanästhetikum hoffte, versuchte die Wirkung dieser Tabletten zu verbessern, indem er ihnen statt des Adrenalins Suprarenin beimischte. Mit dem Ergebnis war er allerdings noch nicht zufrieden.

Die Chemiker gingen dieses Problem ganz anders an: Sie wollten zunächst die im Kokain wirksamen Bestandteile identifizieren, damit man sie dann isolieren und als ein Lokalanästhetikum herstellen könnte. Mit dieser Frage beschäftigten sich vor allem die beiden Chemiker Professor Dr. Einhorn und Dr. Heinz in München. Sie gingen der Frage nach: Welche chemische Gruppe im Kokainmolekül trägt die anästhesierende Wirkung in sich? Einhorn ahnte, ganz richtig, wie sich später herausstellte, dass der im Kokain enthaltene hydroaromatische Ring das eigentlich betäubende Element darstellt. Mit dieser Erkenntnis versuchten die beiden nun ein Mittel herzustellen, das zwar die Vorteile des Kokains, die narkotisierende Wirkung, besaß, ohne aber seine schlechten Eigenschaften in sich zu tragen. So testeten sie in den folgenden Jahren ein Präparat um das andere und entwickelten eine Reihe von Medikamenten, wie das „Orthoform“, „Orthoform Neu“ und andere. Mit keinem waren sie recht zufrieden. 1898 gelang den beiden die Herstellung einer subkutan injizierbaren Lösung. In Anlehnung an buddhistische Vorstellungen vom höchsten Glück nannten sie es Nirvanin. Zufrieden berichteten sie darüber im selben Jahr in der „Münchner Medizinischen Wochenschrift (MMW)“. Allerdings hielt auch dieses Präparat, seines schönen Namens zum Trotz, nicht, was es versprochen hatte.

Testnummern 337 und 376, das „neue“ Kokain

Erst vor nunmehr hundert Jahren, im Jahr 1905, gelang der entscheidende Durchbruch: Es lagen zwei Testpräparate mit den gewünschten Eigenschaften vor, vorläufig trugen sie die Bezeichnungen Nr. 337 und 376, das waren die Testnummern. Nun begann die nächste Stufe der Forschung, das Austesten. Der Chirurg Prof. Dr. Heinrich Braun, der heute gelegentlich als der „Vater der Lokalanästhesie“ bezeichnet wird, prüfte die beiden Präparate am eigenen Leib und fand sie „sehr interessant“, wie er am 29. Juli 1905 schrieb. Allerdings erwies sich ihre Wirkung noch immer als allzu flüchtig. „Die Eigenschaften des Mittels 376 müßten es aller Wahrscheinlichkeit nach auch für die Medullar-Anaesthesie besonders geeignet machen“, schrieb er weiter. Er schlug vor, einem Bekannten, dem Leipziger Zahnarzt Dr. Sachse, den er für einen „wissenschaftlich hochgebildeten und kritischen Mann“ hielt, eine kleine Menge davon zu Testzwecken zu überlassen. Außerdem regte er an, dem Präparat einen Namen zu geben, unter diesem neuen Namen wollte er es in das von ihm herausgegebene „Handbuch der Lokalanästhesie“ aufnehmen. Man entschied sich für Novocain, das neue – und zugleich verbesserte – Kokain.

376 erhielt den Zuschlag

Noch vor dem Jahresende, am 20. Dezember 1905, erschien eine Veröffentlichung „Über einige neue örtliche Anaesthetica“. Darin wurde das Novocain glänzend beurteilt. Novocain war im Vergleich mit Kokain ungiftig und reizlos, dazu wasserlöslich und dennoch in seiner chemischen Struktur stabil. Das Schwesterpräparat, Nr. 337, schied damit aus, obgleich es durchaus auch gute Beurteilungen fand. Aber Nr. 376 war einfach besser. Professor Braun, die erste Autorität in diesem Fach, empfahl das Novocain, damit war es schlagartig das führende Lokalanästhetikum. Und bald sogar weltweit.

Als Erfinder ist Alfred Einhorn nicht sehr berühmt geworden, daher soll er hier mit ein paar Worten zu seiner Person vorgestellt werden: Einhorn wurde am 27. Februar 1856 in Hamburg geboren, er studierte in Leipzig und Dresden Chemie. Weitere Stationen seiner akademischen Laufbahn waren München, Aachen und Darmstadt, wo er sich 1885 habilitierte. 1891 ging er nach München zurück und arbeitete dort mit dem jungen Richard Willstätter zusammen, der 1915 den Nobelpreis für Chemie erhielt. Einhorn starb während des Ersten Weltkriegs, im August 1917.

Experimente mit Novocain

Die Menschheit hört nicht auf, nach Besserem zu verlangen, und so ging auch die Erforschung der Lokalanästhetica weiter. Auf Anregung von erfahrenen Zahnärzten versuchte man, Novocain in Tabletten- oder Pulverform herzustellen. Diese Entwicklung kostete viel Geld, ein Erfolg war ihr nicht beschieden. Im Jahr 1912 bemerkte Prof. Braun, dass das Novocain seine Wirkung noch verstärkte – und diese sogar länger anhielt –, wenn man noch etwas von dem Lösungsmittel Kaliumsulfat beigab. Diese Beobachtung ermöglichte es, die Novocainkonzentration zu senken, ohne indes die betäubende Wirkung zu verringern. Diese neue Erkenntnis war gewaltig. Bevor man dieses neue Präparat allerdings entwickeln und zu vertretbaren Preisen auf den Markt bringen konnte, vergingen einige Jahre – der Erste Weltkrieg (1914 bis 1918) zog ins Land und brachte vielen Menschen Schmerz und Tod. Erst nach dem Weltkrieg ging Hoechst zu diesem Verfahren über und setzte der zweiprozentigen Novocain-Suprarenin- Lösung noch etwas Kaliumsulfat zu. Nach dem Ersten Weltkrieg begannen in der internationalen Politik ganz neue Entwicklungen: In Genf trat der Völkerbund zusammen, der Vorläufer der Vereinten Nationen. Er erließ 1924 Ausführungsbestimmungen zu dem Internationalen Opiumabkommen, dem das Deutsche Reich schon 1912 beigetreten war. Dieses Abkommen berührte Opium, Morphium, Kokain sowie deren Abkömmlinge. Sie waren gefährlich und sollten daher nur gegen Bezugsschein abgegeben werden. Das Novocain fiel nicht unter dieses Gesetz, weil es mit dem Kokain eben nur die betäubende Wirkung gemein hatte, nicht aber die Suchtgefahr. In der Medizin ersetzte es voll und ganz das ältere, gefährliche Kokain.

Heute noch weltweit führend

Heute ist das Novocain weltweit das bedeutendste Lokalanästhetikum. Das ist auch der Grund, warum es im „Webster“ zu finden ist, dem großen amerikanischen, einsprachigen Wörterbuch der englischen Sprache, in dem ein solcher Eigenname eigentlich nichts zu suchen hat. Novocain ist trotzdem erwähnt, denn in den USA sagt man einfach „Novocain“, wenn man eigentlich ‘örtliches Betäubungsmittel’ meint, vergleichbar mit dem weltweit bekannten Papiertaschentuch.

Wo es heute dieses Mittel nicht gibt oder wo es für viele unerschwinglich ist, in den Ländern Asiens und Afrikas beispielsweise, da sind die Zähne der allermeisten in einem schrecklichen Zustand. Zahnersatz ohne örtliches Betäubungsmittel ist so gut wie ausgeschlossen. Generationen von Menschen vor unserer Zeit hätten viel darum gegeben, wenn es zu ihren Lebzeiten schon erfunden gewesen wäre.

Dr. phil. Manfred Vasold
Veilchenstr. 7
83101 Rohrdorf

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