Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Wirksame kardiovaskuläre Prävention

Finnland ist nicht nur Europameister in Sachen Schulbildung, es hat auch einen Weltrekord in Sachen Prävention realisiert. Prof. Heikki Karppanen vom Biomedicum der Universität Helsinki, Urheber dieses Weltrekords, stellte sich vor kurzem im Center for Cardiovascular Research (CCR) an der Berliner Charité dem Fachpublikum in einem Internationalen Wissenschaftlichen Symposium.

Karppanen konnte in seiner Evening Lecture: „Novel approaches have decreased cardiovascular diseases at a world-record rate in Finnland“ das Geheimnis lüften, auf welchem Wege Finnland seine Provinz Nord Karelien aus einem belastenden Risikogebiet durch einfache Maßnahmen in ein Vorbild an wirksamer Prävention von Herz- Kreislauf-Erkrankungen machen konnte. Tatsächlich hatten die Weltrekorde in Karppanens Heimat Nord-Karelien in den 70er Jahren zunächst negative Vorzeichen. Die dortigen Sterblichkeitsraten an kardiovaskulären Erkrankungen wurden kaum irgendwo in Europa übertroffen. Ein Gegensteuern schien unaufschiebbar. Dank breiter Öffentlichkeitsarbeit konnte Karppanen schon 1972 das Nord-Karelien-Projekt beginnen. Es sollte auf nationaler Ebene bis hin zu den Kommunen zur Eindämmung von Herzinfarkt und Schlaganfall speziell durch Motivationskampagnen bewegen. Besonders wichtig schienen der Verzicht auf das Rauchen und der Übergang zu einer fett- und salzarmen Diät und Lebensmittelherstellung. Bei der Diät erkannte man sehr früh schon die Wirkung der üblichen Überbelastung mit Kochsalz auf die Entstehung von Hypertonie und deren Komplikationen.

Kochsalzreduktion senkte die Mortalität

Die damaligen „Dienstwege“ in Finnland waren kurz. So konnte sich Prof. Karppanen einfach telefonisch mit dem zuständigen Minister kurzschließen und allenthalben wurde Kochsalz durch „Pansalt“ ersetzt, das mit Kalium und Magnesium angereichert war, so dass sich vor allem die Natriumaufnahme verminderte, die bekanntermaßen den Blutdruck hochtreibt.

In offiziellen Publikationen der Universität Helsinki, später live auf deren Website, konnte die interessierte Öffentlichkeit den Salzgehalt populärer Wurstsorten nachlesen – und die Bevölkerung reagierte durch ein verändertes Kaufverhalten. Der Markt reagierte ebenfalls...

Die Erfolge sprechen für sich: Seit 1975 sank die Mortalität an Herzinfarkt und Schlaganfall bei Personen im Alter unter 65 Jahren im Aktionsgebiet um 75 Prozent. Die durchschnittlichen Blutdruckwerte verringerten sich bevölkerungsweit um 15mmHg systolisch beziehungsweise 12 mmHg diastolisch. – Karppanen wurde in der Diskussion gefragt, ob diese günstige Wirkung einer Kochsalzreduktion nicht nur dem „kochsalzsensitiven“ Teil der Hypertoniker zugute käme. Seine Antwort war so einfach und treffend, wie die gesamte Aktion in Finnland: „Wenn jemand erhöhte Blutdruckwerte hat, ist er auch kochsalzsensitiv!“. Das widerspricht zwar der gängigen Lehrmeinung, wurde aber letztlich als Denkanstoß von den Hypertonologen auf dem Berliner Symposium angenommen.

Der Anteil der Kochsalzreduktion an diesen Veränderungen ließ sich herausrechnen und betrug immerhin 30 bis 35 Prozent. – Heute wäre es in der EU nicht mehr so einfach möglich, derartige diätetische Veränderungen durchzusetzen. Nicht einmal der Hinweis auf die gesundheitliche Wirkung von Pansalt-haltigen Fertiggerichten ist dank administrativer Einschränkungen erlaubt. Doch in den USA ist der Gesundheitssektor liberaler. Dort gibt es bereits entsprechend etikettierte Produkte. Die Welle werde bald nach dem Alten Europa zurückschwappen, meint der noch immer agile Wissenschaftler.

Weitere Ansätze für die Prävention

Weitere Themen, die von renommierten Forschergruppen vorgetragen wurden, seien hier noch kursorisch genannt: So untersuchte Ulrich Dirnagl von der Charité in Berlin die Auswirkungen von zerebralen Traumata (etwa nach Schlaganfall) auf das Immunsystem und konnte die Wege aufzeigen, die zu einer doch recht erheblichen Schwächung der Abwehr führen. Hier ist ein prophylaktischer Einsatz von Antibiotika, wie Moxifloxacin, in der Akutphase des Insults oft lebensrettend, so die Forscher.

Faktoren, die kardiovaskuläre Verkalkungen urämischer Patienten fördern, untersuchte Jürgen Floege, Aachen. Hier zeigte sich eine entscheidende Bedeutung von Fetuin A (a2-Heremans-Schmid Glykoprotein), das vor allem bei chronisch-entzündlichen Prozessen herunterreguliert wird.

Eine ähnliche Rolle für die Entstehung des Metabolischen Syndroms spielen die Peroxisom Proliferator-aktivierten Rezeptoren (PPARs), wie Bart Staels, Lille/Frankreich, herausfand. Als praktische Konsequenz dieser Erkenntnis fand sich auch ein Hemmstoff der PPARs, der AT1-Rezeptor-Antagonist Telmisartan, der auch im Unterschied zu anderen (angeblich gleichen) Sartanen in der Lage ist, nicht nur den Blutdruck zu senken, sondern auch die Insulin-Resistenz zu vermindern (Forschungsprojekt von André J. Scheen, Lüttich/Belgien). Diese Beobachtung könnte helfen, durch Einsatz moderner Antihypertensiva gleichzeitig die wachsende Epidemie des Metabolischen Syndroms einzudämmen.

Mit einem weiteren Risiko im Rahmen der kardiovaskulär bedingten Organinsuffizienz beschäftigte sich das Team um Herwig-Ulf Meier-Kriesche, Gainesville (Florida/USA). Sie fanden heraus, dass einer der wichtigsten Faktoren für eine schlechte Funktion von Nierentransplantaten die Dauer der Dialyse vor der Organverpflanzung darstellt. Als Fazit schlagen sie vor, möglichst noch vor Dialysebeginn vielleicht einen Organspender aus der Verwandtschaft für eine mögliche Lebendspende auszutesten.

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