Infektionskrankheiten

Vogelgrippe nun auch in Deutschland

Das H5N1-Virus, der Erreger der gefürchteten Vogelgrippe, hat nun auch Deutschland erreicht. Massenhaftes Sterben bei Schwänen und inzwischen auch anderen Vögeln auf Rügen, erste durch die Infektion verendete Tiere auf dem deutschen Festland – die Behörden und die Bevölkerung sind alarmiert. Die Sorge ist groß, dass die Infektionsgefahr in den kommenden Wochen durch den Flug der Zugvögel noch erheblich ansteigt.

Zur Panik gibt es keinen Grund, beteuern die Experten. Dennoch ließ im vergangenen Herbst die Angst vor einer Pandemie die Verkaufszahlen des Grippemittels Tamiflu® explosionsartig in die Höhe schießen. Die Nachfrage war derart groß, dass das Mittel, von dem niemand weiß, ob es im Fall des Falles tatsächlich auch gegen das Vogelgrippe-Virus H5N1 wirksam ist, über Tage in den Apotheken ausverkauft und nicht mehr zu beziehen war.

Die bundesweite Reaktion der Menschen lässt erahnen, wie rasch sich bei uns Panik breit machen könnte, wenn der Influenzavirus- Subtyp sich tatsächlich weiter ausbreitet und auch hier zu Lande Fuß fasst. Dass es derzeit keinen Grund zur Panik gibt, liegt nach Angaben der Experten daran, dass das Virus nach wie vor hauptsächlich Vögel befällt. Menschen werden anscheinend nur dann infiziert, wenn sie sehr intensiven Umgang mit erkrankten Tieren haben.

Kein Grund zur Panik

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist bislang offenbar nicht möglich. Sie würde eine Mutation des Virus voraussetzen. Diese aber ist nicht unwahrscheinlich. Sie kann sich praktisch jederzeit vollziehen, wenn H5N1 auf für den Menschen pathogene Influenzaviren trifft und Teile des Genoms austauscht. Dann kann, so fürchten Seuchenexperten, ein äußerst aggressives Influenzavirus entstehen, das ähnlich gefährlich ist wie H5N1 und sich ebenso leicht von Mensch zu Mensch übertragen lässt wie die bekannten Grippeviren. Eine weltweite Pandemie mit bis zu 150 Millionen Toten könnte dann die Folge sein, eine Gefahr, die den Experten bereits lange bewusst ist und dazu geführt hat, dass in vielen Nationen bereits seit längerem fertig ausgearbeitete Katastrophenpläne für den Fall der Fälle in den Schubladen liegen.

Darauf, dass eine Gefahr für eine solche Mutation besteht, diese Sorge aber keineswegs übertrieben werden sollte, machten das Robert Koch-Institut, das Paul-Ehrlich- Institut und das Friedrich-Loeffler-Institut Ende Januar in einer gemeinsamen Erklärung aufmerksam. Pathogene Influenzaviren sind demnach bei Vögeln und insbesondere bei Geflügel schon seit Ende des 19. Jahrhunderts bekannt und wurden früher als „Geflügelpest“ bezeichnet. Da vor allem Hühnervögel, Puten sowie Enten und Gänse befallen werden, führten Epidemien des Virus regelmäßig zu erheblichen wirtschaftlichen Verlusten in der Nutzgeflügelhaltung und in manchen Regionen sogar zum Ernährungsengpass.

Viren haben an Aggressivität gewonnen

Seit 1997 vermehren sich aber, so die aktuelle Stellungnahme, Epidemien mit hoch pathogenen aviären Influenzaviren, und zwar mit verschiedenen Subtypen, wie H7N1, H7N3 und unter anderem eben auch H5N1, ein Virus, das nicht regional begrenzt bleibt, sondern sich offenbar besonders rasch ausbreitet. Seit Ende des vergangenen Jahrhunderts ist dabei auch bekannt, dass H5N1 ein humanpathogenes Potenzial besitzt, nachdem mehrere Menschen in Asien erkrankten. Die dortigen Lebensgewohnheiten mit zum Teil sehr engem Kontakt zu Geflügel scheinen die Übertragung des Virus vom Tier auf den Menschen zu begünstigen. Auch die Todesfälle der beiden Kinder in der Türkei sind auf das Spielen mit infizierten Tieren zurückzuführen.

Die Tatsache, dass bei den Lebensumständen in unseren Breitengraden ein derart enger Kontakt zwischen Geflügel und Mensch äußerst selten vorkommen dürfte, darf die westliche Welt nach Ansicht der Experten aber keinesfalls in falscher Sicherheit wiegen. Es besteht durchaus die Befürchtung, dass sich das asiatische H5N1 so an den Menschen adaptiert, dass eine effiziente Ausbreitung von Mensch zu Mensch möglich wird. Dann droht tatsächlich eine weltumspannende Pandemie mit unbekannten Folgen.

Hoffnung Impfstoff

Derweil wird intensiv daran gearbeitet, potenzielle Übertragungswege des Virus zu unterbinden, beispielsweise durch eine Stallpflicht von Geflügel während der Zeit des Flugs der Zugvögel. Es wird ferner intensiv an der Entwicklung eines Impfstoffs gearbeitet, wobei lediglich Prototypen möglich sind. Es besteht nämlich die etwas abwegig anmutende Situation, dass von den Forschern ein Vakzin entwickelt werden muss, das gegen ein Virus wirksam ist, welches überhaupt noch nicht existiert.

Die bislang üblichen Grippe-Vakzine wurden übrigens in Hühnereiern produziert, und es wird ebenfalls intensiv an der Entwicklung anderer Produktionsverfahren gearbeitet. Die Herstellung des Impfstoffs mithilfe von Hühnereiern ist sehr aufwändig und langwierig, was die Situation massiv erschwert, falls es zu einer Pandemie kommen sollte und sehr rasch große Mengen an Impfstoff benötigt werden. Amerikanische Forscher haben erst vor wenigen Tagen gemeldet, ein neuartiges Pandemie- Vakzin entwickelt zu haben, das sich mithilfe von Adenoviren, die in Zellkulturen einfach zu vermehren sind, herstellen lässt. Auch mit den neuen Erkenntnissen aber wird es, so die Einschätzung von Forschern des Paul-Ehrlich-Institutes in Langen, noch Monate bis sogar Jahre dauern, ehe ein Pandemie- Vakzin auf der Basis des neuen Impfstoffkonzeptes verfügbar sein wird.

Durch die Vogelgrippe geriet vor allem ein Medikament in die Schlagzeilen: Tamiflu®. Hinter diesem Markennamen verbirgt sich der Wirkstoff Oseltamivir, der seit 2002 zur Behandlung der Grippe zugelassen ist. Der Wirkstoff hemmt das Enzym Neuraminidase, das für die Vermehrung der Influenza- Viren wichtig ist. Ob Oseltamivir auch gegen H5N1- Viren wirksam ist, ist bislang unbekannt.

Derweil treibt die Vogelgrippe in anderen Nationen zum Teil skurrile Blüten. So gibt es in den USA bereits Wettbüros, in denen die Zocker auch darauf wetten können, wann genau das Virus erstmals in den USA auftaucht.

Christine Vetter
Merkenicherstraße 224
50735 Köln
info@christine-vetter.de

INFO

Risiko Zugvögel

Im Herbst machen sich viele Vogelarten auf in wärmere Länder, im Frühjahr kehren sie in die heimischen Gefilde zurück. Von den Graugänsen und Kranichen, die in Südspanien und an der portugiesischen Küste überwintert haben, geht nach Angaben von Experten keine Vogelgrippe- Gefahr aus. Auch Bussarde, die aus Afrika über die Südroute (Portugal und Spanien) zurückkehren, sind laut Franz Conraths, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Friedrich-Loeffler-Instiut, unproblematisch, obwohl dort vor wenigen Tagen das Virus erstmalig bestätigt worden ist. Gäbe es tatsächlich unter den Vögeln infizierte Tiere, die noch den Flug antreten, so würden diese nach seinen Angaben wohl die lange Reise nicht überstehen. Ganz anders sieht es bei den Tieren aus, die auf der Ostroute, also über die Türkei, Kroatien und Rumänien zurückkehren. Denn dort grassiert das Vogelgrippe-Virus bereits unter den Tieren. Die Gefahr der Ansteckung und Weitertragung der Epidemie ist entsprechend größer. Über die Ostroute kommen nach Conraths Gaugänse und Weißstörche zurück nach Deutschland, bei entsprechend großen Schlechtwetterfronten über Sizilien und Italien nehmen allerdings durchaus auch Schwalben den Umweg über Rumänien in Kauf. Bei Redaktionsschluss war bekannt, dass bereits erkrankte Vögel in Griechenland und seit dem 14.2. auf Rügen und dem deutschen Festland bestätigt wurden.

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