Endokrinologie

Neue Therapie der Akromegalie

Patienten mit Akromegalie können seit Einführung eines gentechnisch hergestellten IGF-1-Rezeptorantagonisten mit wesentlich besseren Therapiechancen rechnen, als unter Einsatz der bislang verfügbaren Medikamente. Das wurde auf der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie Anfang März in Essen anhand neuester Studiendaten bekannt.

Die Pathophysiologie der Akromegalie ist seit Jahren bekannt: Adenome der Hypophyse, die gewöhnlich im mittleren Erwachsenenalter symptomatisch werden, führen zu vermehrter Ausschüttung des Somatotropen Hormons (STH), auch als humanes Wachstumshormon (hGH) bekannt. Dieses Hormon bewirkt eine vermehrte Synthese des „Insulin-like Growth Factor-1 = IGF-1“, wodurch es zur vermehrten Knorpel- und Knochenbildung kommt. Patienten mit einem solchen Tumor erkranken an Akromegalie, das heißt einem abnormen Längenwachstum der Extremitäten und des Schädels. Seit bekannt ist, dass das ebenfalls körpereigene Hormon Somatostatin als Gegenspieler des hGH fungiert, suchte man nach Analoga, die sich als Medikamente mit der gleichen Wirkung, aber pharmakologisch günstigeren Eigenschaften als Somatostatin selbst einsetzen lassen. Man fand solche Stoffe sowohl als Dopamin- wie auch als Somatostatin-Analoga. Derartige Medikamente stellten dann auch die erste kausale medikamentöse Therapie der Akromegalie dar. Daneben existieren chirurgische und strahlentherapeutische Behandlungsschemata.

Die neuen Medikamente vermochten bei einigen Patienten die chronisch erhöhten IGF-1-Serumspiegel zu normalisieren. Viele Patienten kamen allerdings mit den Nebenwirkungen der Analoga nicht zurecht beziehungsweise erreichten keine Normalisierung der IGF-1-Spiegel. Das könnte damit zusammenhängen, das die Wachstumshormon- Wirkung im Organismus, welche die Analoga tangieren, nicht nur die eines Pathogens der Akromegalie ist, sondern noch eine ganze Reihe anderer und teilweise für einen gesunden Stoffwechsel wichtige Prozesse erreicht, deren Störung für unerwünschte Wirkungen der Therapie verantwortlich ist.

Therapieversager jetzt behandelbar

An diesem Punkt setzt eine neue pharmakologische Erfolgsgeschichte ein, die bereits in den Bereich der „maßgeschneiderten“ gentechnisch hergestellten Medikamente gehört: Die gezielte Synthese von Antagonisten, die den Rezeptor blockieren, der für die Bildung von IGF-1verantwortlich ist. Damit wird lediglich die IGF-1-Wirkung und nicht die des menschlichen Wachstumshormons blockiert. Der erste Vertreter von hGH-Rezeptorantagonisten, Pegvisomant, steht heute bereits zur Verfügung und hat in ersten Studien einen deutlichen Fortschritt für bislang therapieresistente Akromegalie-Patienten gebracht. In der

„German Acrostudy“, einer Anwendungsbeobachtung, die im Januar 2005 begonnen hat und mit Stand vom Dezember 2005 Daten von 229 Patienten umfasste, geht hervor, dass unter Pegvisomant bei 76 Prozent der zuvor ergebnislos mit Dopamin- oder Somatostatin-Analoga behandelten Patienten im Laufe einer zweijährigen Therapie normale IGF-1-Spiegel und damit eine Beendigung des Knochenwachstums erreicht werden konnten. Die Studie wurde von Prof. Christian J. Strasburger, Berlin, vorgestellt.

Alle behandelten Patienten litten unter einer klinisch aktiven Akromegalie. 90 Prozent der Patienten waren voroperiert. 43 Prozent von ihnen waren auch mit einer Strahlentherapie behandelt worden. Gründe für die Umstellung der Patienten waren bei mehr als drei Viertel der Patienten die unzureichende Wirkung der bisherigen chirurgischen, strahlentherapeutischen und/oder medikamentösen Behandlung und bei jedem zehnten Patienten spielten Nebenwirkungen der zuvor eingesetzten Medikamente eine Rolle. Beide Gründe kamen bei sieben Prozent der eingeschlossenen Patienten zum Tragen.

In die in Essen vorgelegte Analyse der bisherigen Studienresultate gingen 177 Patienten mit mindestens sechsmonatiger Behandlung ein. 127 von ihnen waren bereits ein Jahr und 59 Patienten zwei Jahre in der Studie. Prof. Strasburger erläuterte, dass die individuelle Einstellung der Pegvisomant- Dosis noch nicht bei allen Patienten abgeschlossen sei. Dennoch könne man bereits bei den knapp 60 am längsten eingeschlossenen Patienten konstatieren, dass 76,3 Prozent von ihnen unter der Studie normale IGF-1-Werte erreicht hätten. Dieses Ergebnis ist statistisch hoch signifikant. Damit ging ebenso signifikant eine Verbesserung der klinischen Symptomatik, wie Schwitzen, Weichteilschwellung und mehr, einher.

Die unter der Vortherapie als Nebenwirkung geläufige Verschlechterung der Glukosetoleranz war unter Pegvisomant nicht zu sehen. Alle Patienten mit normalisierten IGF-1-Werten hatten vielmehr eine verbesserte Blutzuckereinstellung. Die einzigen unerwünschten Wirkungen, die mit Pegvisomant in Verbindung gebracht werden konnten, waren lokale Reaktionen an der Einstichstelle der Injektionen, leicht bis mäßig erhöhte Leberfunktionswerte und gastrointestinale Beschwerden.

Nicht beeinflusst wird das Tumorwachstum durch die bisher eingesetzten Behandlungsmethoden. Es betrifft im Durchschnitt unter den Analoga 2,2 Prozent, nach Chirurgie zehn Prozent (!), nach Radiotherapie weniger als ein Prozent und nach Pegvisomant 1,6 bis 2,9 Prozent der Patienten.

T. U. Keil

Fotos aus zm 6/2003,
R. Fritzen, S. Alisch: Akromegalie


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