21. Karlsruher Konferenz

Noch große Lücke zwischen gelehrter und praktizierter Zahnheilkunde

Die Kluft, die zwischen der in Fortbildungsveranstaltungen durch forschende Wissenschaftler vorgetragenen Zahnmedizin und jener herrscht, die an der Basis betrieben wird, galt es bei dieser Tagung zu verkleinern, wie Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Michael Heners, in seiner Begrüßungsrede avisierte. Weit über 500 Zahnärztinnen und Zahnärzte und 300 Mitarbeiterinnen waren aus dem gesamten Bundesgebiet sowie Europa in die badische Metropole gereist, um hier wieder Wissenschaft vom Feinsten zu erfahren. Vier Vorträge von namhaften Referenten schafften es, die Kluft zum Praktischen zukünftig zu verringern.

Heners postulierte, dass die Implantation ein relativ neues Therapieverfahren darstelle. Sie unterliegt damit der Gefahr aller neuen Therapieverfahren, nämlich modisch zu sein. Aus ärztlicher Sicht ist damit die nicht zu unterschätzende Gefahr verknüpft, dass das modische Therapieverfahren Implantation unkritisch, unüberlegt und / oder als Allzweckmittel eingesetzt werden, wie sich der Direktor der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung ausdrückte. Insofern spielen bei neuen Therapien die Differentialdiagnostik und die sorgfältige Abwägung zur adäquaten Entscheidung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Dieses genauer zu hinterfragen, das war die Aufgabe der Referenten. So ließ Professor Dr. Torsten Jemt, der in der Brånemark-Klinik in Göteborg arbeitet, rund 25 Jahre Implantatinsertion Revue passieren. Seine Aufgabe sollte es sein, die über viele Jahre beobachteten einzelnen Misserfolge bei Implantattherapien zu analysieren und die Erfahrungen für den weiteren Fortschritt nutzbar zu machen. In einem Streifzug über die Entwicklung der Architektur der künstlichen Wurzeln sowie einer Veränderung ihrer Oberfläche kam er zu dem Ergebnis, dass die heutige Implantatgeneration zwar optimal gestaltet sei, man jedoch erst seit Kurzem wisse, dass sich im Laufe der Jahre die Biologie des Patienten ändere. So konnte Jemt zeigen, dass es bei Erwachsenen auch nach Abschluss der normalen Wachstumsphase zu einem kontinuierlichen Wachstum des Schädels, besonders des Oberkiefes komme. Das könne eine leichte Infraposition bei vor längerer Zeit inserierten Implantaten zur Folge haben und schließlich zu einem Verlust führen.

Stetiges Schädelwachstum auch beim Adulten

Weiter machte sich Jemt Gedanken über die üblichen Implantatmisserfolge. Diese sind seiner Erfahrung nach nicht der Verlust des Implantats, sondern sie sind vorwiegend ästhetischer Art. Er hat in Verlaufsstudien über zehn, 15 und in wenigen Fällen über zwanzig Jahre zweierlei Probleme beobachten können: Einerseits die Rezession am implantatgetragenen Zahn, die bei Frauen eine größere Prävalenz erfährt als bei männlichen Patienten. Es kann immer wieder beobachtet werden, dass die Suprakonstruktion nach einem längeren Beobachtungszeitraum in eine Infraposition geht. Diverse Untersuchungen auch mit 3D-Aufnahmen konnten schließlich das Ergebnis liefern. Auch beim Adulten erfährt der Schädel ein stetiges Wachstum, das im Oberkiefer mit einem Höhenzuwachs im Mittel bis zu 1,2 Zentimetern besonders ausgeprägt ist. Die Infraposition ist dann die klinische Folge. Bei Risikopatienten mit offenem Biss, Rotation im Seitenkiefer, geringerer Bisskraft und mesialem Drift sollte man diese Erfahrungen in die Therapieplanung mit einbeziehen, da der Zeitfaktor letztendlich hier für einen Misserfolg sprechen wird. Noch gibt es keine Möglichkeit, so der Referent, diesem Problem bei der Therapieplanung im Vorfeld zu begegnen.

Optimales Studiendesign wird es nicht geben

Professor Steven Eckert, Mayo Clinic Rochester, Minnesota, begann seine Ausführungen mit einer Darstellung von Misserfolgen, wovon schon der Einzelfall ein Horrorszenario für den niedergelassenen Zahnarzt darstellen würde. Von der falschen Lokalisation des Implantates, über die frakturierte Schraube oder das abgebrochene Gewinde, bis hin zum großen Knochendefekt nebst Implantatverlust oder der Knochenwandablösung bei einem vor etwa sieben Jahren inserierten Implantat mit Hydroxylapatitbeschichtung war wirklich alles vertreten, was die Komplikationenliste zu bieten hat. Er kam zu dem Schluss, dass in solchen Fällen eine schnelle Entscheidung gefordert ist, um das Problem im Einzelfall sinnvoll zu beheben. Der Wissenschaftler diskutierte verschiedene Möglichkeiten, ein Studiendesign so zu wählen, dass evidenzbasierte Ergebnisse dokumentiert werden können. Er kommt nach längerer Reflexion zu dem Ergebnis: „Eine perfekte Studie wird es nie geben!“ Denn, so der Wissenschaftler weiter: ... „eine perfekte Studie kann es allein deshalb schon nicht geben, weil die Entwicklungen der Industrie so schnell sind, dass sie letztendlich nicht mehr in die Studienergebnisse integrierbar wären.“ Weiter provoziert Eckert: „Die Implantatindustrie stellt deshalb ständig auf neue Produkte und Systeme um, weil sich ein neues Implantatsystem leichter vermarkten lässt, als ein altes.“

Natur imitieren

Professor Dr. Manfred Wichmann, Erlangen stellte sich die Frage, warum es so viele Jahre gedauert hat, bis die Zahnversorgung letztendlich der „Natur“ angeglichen wurde. Er stellte verschiedene Beispiele vor, bei denen das Gesicht des Patienten durch die Wahl der Zahnfarbe, Zahnlänge, Zahnform und altersgemäßen Oberflächenstruktur in seiner Ästhetik erheblich gewinnen konnte. Der Erlanger Wissenschaftler empfahl den Tagungsteilnehmern, ein Wax-up zu machen und dieses dem Patienten mit nach Hause zu geben. So kann dieser ganz in Ruhe unter Einbeziehung seiner Familienmitglieder entscheiden, ob der Zahnersatz auch wirklich „zu ihm passt“. Wichmann stellte diverse computeranimierte Beispiele von heute möglichen modernen Therapielösungen vor. So zeigte er Lösungen von der Galvano-Prothese über die CAD/CAM-Version, dem Zirkon- Abutment bis zur totalen Zirkonversorgung – alles als 3D-Simulation. Er stellte trotz allen technischen Fortschritts klar: „Wir können nicht immer Keramikfrakturen verhindern, sie treten immer noch zu fünf bis sieben Prozent auf. Wir können zu hohe Kaukräfte dann nicht verhindern, wenn der Patient kein Feedback über die Rezeptoren erhält, und wir können nie garantieren, wie sich das Weichgewebe verhalten wird. Das biologische System ist eben trotz allen Fortschritts nicht zu überlisten.“

Spagat zwischen zwei Extremen

Die Zufriedenheit des Patienten nach einer größeren Zahnversorgung muss nicht immer der Zufriedenheit des Zahnarztes entsprechen und umgekehrt. Diesen Kernsatz erörterte Dr. Florian Tröger, Karlsruhe, in seinen Ausführungen. Der Referent stellte verschiedene Therapiekonzepte vor, die aufgrund einer falschen Planung bereits im Vorfeld zum Scheitern verurteilt waren. Tröger zeigte auf, dass bei einer sicheren Diagnose verschiedene Lösungswege zum Ziel führen. Bei der Therapiewahl ist letztendlich die Kompetenz des Behandlers gefragt. Diese beinhaltet auch, dass der Zahnarzt erkennt, wann der Patient mit der Therapielösung nicht überfordert ist, ob seine Autonomie gewährleistet bleibt und ob alles unter Berücksichtigung seines Anliegens und auch seiner finanziellen Möglichkeiten erfolgt. Wenn das alles dann auch noch mit dem besten Fachwissen über die Behandlungsweise einhergeht, wird es keinen Misserfolg geben. 

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