Die Lebensgeschichte des jüdischen Zahnarztes Fedor Bruck (1895-1982)

Von Liegnitz nach New York

Vom Amt als Schulzahnarzt entbunden, aus der Berufsausübung schrittweise verdrängt, in den Untergrund abgetaucht und nach den Kriegswirren in die USA ausgewandert: Das Schicksal des deutsch-jüdischen Zahnarztes Fedor Bruck steht stellvertretend für viele schwere Schicksale dieser Zeit. Brucks Name ist aus der Fachliteratur bekannt: Er war Zeuge bei der Identifizierung von Hitlers Gebiss. Sein Enkel, Kay Lutze, ist Historiker und hat für die zm Brucks Lebensgeschichte zusammengefasst.

Fedor Bruck wurde als Ältester von drei Geschwistern am 17. August 1895 in Leobschütz in Oberschlesien geboren. Seine Eltern Felix und Else Bruck waren gut situierte Bürger jüdischer Herkunft, die in Ratibor das Hotel „Prinz von Preußen“ betrieben. Fedor Bruck war Soldat im Ersten Weltkrieg. Nach dem Studium der Zahnmedizin in Breslau und der Approbation 1921 ließ er sich als Zahnarzt im niederschlesischen Liegnitz nieder.

Schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Fedor Bruck im März 1932 von seinem Amt als Stadtschulzahnarzt in Liegnitz „entbunden“. Ein relativ hoher Anteil der Zahnärzteschaft waren Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie. Viele Vertreter der zahnärztlichen Standesorganisationen haben ihre jüdischen Kollegen in „vorauseilendem Gehorsam“ gegenüber den Nationalsozialisten zu verdrängen versucht.

Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 bekamen die jüdischen Zahnärzte die rassische Diskriminierung der neuen Machthaber zu spüren. Sehr schnell waren die Standesorganisationen der Zahnärzteschaft auf nationalsozialistischen Kurs „gleichgeschaltet“. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom April 1933 verordnete, dass Beamte, die nicht arischer Herkunft waren, in den Ruhestand zu versetzen seien. Davon waren auch jüdische Zahnärzte in Schulzahnkliniken, an Hochschulen oder Gesundheitsämtern betroffen. Die Bevölkerung wurde von den neuen Machthabern zum Boykott jüdischer Zahnarztpraxen aufgefordert. Eine weitere Zahl diskriminierender Verordnungen und Gesetze erschwerten in den folgenden Jahren jüdischen Zahnärzten ihre berufliche Tätigkeit.

Ab 1936 war Fedor Bruck die Aufrechterhaltung seiner Praxis in Liegnitz nicht mehr möglich und er ging nach Berlin. Dort konnte er noch eine gewisse Zeit unter schwierigen Bedingungen als Zahnarzt arbeiten. Seine Praxis befand sich in der Fasanenstraße 20 in Berlin-Charlottenburg.

Approbation entzogen

Die schrittweise Verdrängung der jüdischen Zahnärzte gipfelte in der 8. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom Januar 1939, mit der jüdischen Zahnärzten die Approbation entzogen wurde. Von diesem Zeitpunkt an mussten sie sich „Zahnbehandler“ nennen und durften nur noch Juden und Familienangehörige behandeln.

Auch Fedor Bruck durfte ab Februar 1939 nicht mehr praktizieren und wurde nach etlichen Gesuchen erst im November wieder zugelassen. Er konnte noch als „Zahnbehandler“ zur ausschließlichen Behandlung von Juden bis 1942 praktizieren. Da er aber keine Praxis mehr hatte, beschränkte sich seine Tätigkeit in der folgenden Zeit lediglich darauf, bei anderen Kollegen Patienten von sich zu behandeln. Bruck hatte das Glück, im März 1941 einem mit Auswanderungsvorbereitungen beschäftigten Kollegen für einige Monate die Praxis zu führen. Im Juni 1941 übernahm er eine gut ausgestattete Praxis am Kurfürstendamm. Dadurch ging es ihm wirtschaftlich gesehen relativ besser, bis er im Januar 1942 von einem nationalsozialistischen Kollegen aus der Praxis hinausgeworfen wurde. In anderen Räumlichkeiten konnte er noch eine Weile weiter praktizieren.

Entrechtung und Lebensgefahr

Fedor Bruck war seit 1933 einer fortschreitenden Entrechtung ausgesetzt. Er musste Erniedrigungen und Beschlagnahmung über sich ergehen lassen. Am 20. Januar 1942 hatten Vertreter der Reichsbehörden auf der so genannten Wannsee-Konferenz die totale Vernichtung der deutschen und europäischen Juden beschlossen.

Nun geriet auch Fedor Bruck in akute Lebensgefahr. Im Oktober 1942 erfuhr er von seiner bevorstehenden Deportierung durch die Gestapo. In einem Schreiben vom 12. Oktober 1942 hatte man ihm mitgeteilt, dass er statt zum Osttransport zum so genannten Alterstransport eingeteilt sei. Fedor Bruck wusste, dass die Zuteilung zu einem Alterstransport bedeutete, nach der Ankunft in einem Konzentrationslager sofort ermordet zu werden. Bruck flüchtete sofort zu einem guten Freund nach Berlin-Dahlem.

Für viele Juden oder Menschen jüdischer Herkunft war die Flucht in den Untergrund oft der letzte Ausweg, dem Abtransport in ein Konzentrationslager zu entkommen. Was der Transport bedeutete, wurde vielen Verfolgten immer deutlicher bewusst. Um den Jahreswechsel 1941/42 wurden in Berlin erste Hinweise bekannt, dass die deportierten Juden in den von der Deutschen Wehrmacht okkupierten Gebieten im Osten brutal und systematisch ermordet wurden. Das Leben in der Illegalität war sehr gefahrvoll. Überall lauerten Denunzianten und drohten Razzien der Gestapo, die auf der Suche nach untergetauchten Juden waren.

Untergetaucht

Fedor Bruck war einer der etwa 7 000 Juden, die in Berlin im Untergrund lebten. 1500 von ihnen erlebten die Befreiung vom Nationalsozialismus. Ungefähr die Hälfte der in Deutschland untergetauchten Juden lebte in Berlin. Die hohe Zahl der in der Reichshauptstadt Untergetauchten erklärt sich, weil Berlin 1933 die größte jüdische Gemeinde Deutschlands hatte und viele Jüdinnen und Juden aus anderen Städten und dem Lande in die Metropole flohen, da sie hofften, in der Anonymität der Großstadt vor Unterdrückung und Verfolgung sicherer zu sein.

Ein Leben im Untergrund war ohne die mutige Hilfe aufrechter Menschen nicht möglich. Die Helfer, deren Zahl für ganz Deutschland auf über 3 000 geschätzt wird, kamen aus allen Schichten der Gesellschaft. Mutige Arbeiter, Angestellte, Gewerbetreibende, couragierte Mitglieder des Hochadels, Militärs, Intellektuelle oder auch Bauern leisteten Unterstützung und gewährten Unterschlupf. Die Motivation zu helfen war für die einzelne Person sehr unterschiedlich. Oft war es die reine Menschenliebe, die sie veranlasste, den Untergetauchten zu helfen. Gläubige Christen halfen aus religiöser Überzeugung. Kommunisten und Sozialdemokraten, aber auch Liberale oder Konservative, handelten aus politischen Motiven. Die nicht jüdischen Helfer brachten sich selbst in Gefahr. Sie riskierten Gefängnisstrafen, die Einweisung in ein Konzentrationslager, Verhöre durch die Gestapo oder Geldstrafen. Aber anders als im besetzten Polen wurde in Deutschland für Helfer von Juden keine Todesstrafe angedroht oder vollzogen.

Hilfe und Schutz

Fedor Bruck hatte das große Glück, bis 1945 immer wieder Menschen zu finden, die ihm Hilfe und Schutz vor der Verfolgung durch die Gestapo boten. Am 15. Februar 1943 wurde sein Freund Dr. Sieber in seiner Gegenwart von der Gestapo verhaftet. Wie durch ein Wunder konnte er selbst entkommen. Die nächsten Monate verbrachte er teils bei einer Cousine und anderen Freunden oder er versteckte sich in Grünanlagen, Kohlenkellern oder in der Umgebung Berlins. Bei seiner Odyssee im Untergrund von Berlin war ihm vor allem der Dentist Otto Berger behilflich, der für ihn auch falsche Papiere unter dem Namen Dr. Friedrich Burkhardt beschaffte. Im Original ist ein Versorgungsnachweis für „F. Burkhardt“ erhalten geblieben.

Bei Bombenangriffen verlor Fedor Bruck seine persönliche Habe, die er Freunden zur Aufbewahrung gegeben hatte. Im November 1943 wurde auch seine zahnärztliche Einrichtung, die er in einem Dentaldepot in der Pragerstraße untergebracht hatte, bei alliierten Flugangriffen zerstört. Im März 1944 überlebte Fedor Bruck mit Otto Berger den Einsturz des Hauses in Berlin-Lichterfelde nur knapp. Von 44 Personen kamen nur neun mit dem Leben davon. Für eine kurze Zeit fand Bruck wieder Zuflucht bei seiner Cousine, bis sein Freund Berger ein Haus mit Garten in Berlin-Zehlendorf mietete. Hier lebte er den Sommer 1944. Er besaß nur noch ein paar Kleidungsstücke und eine Aktenmappe mit den wichtigsten Papieren. Im Dezember 1944 zog Bruck dann in eine Wohnung in Berlin-Steglitz, die Berger zugewiesen worden war. Am 25. April ging auch der letzte Zufluchtsort durch Angriffe in Flammen auf.

Am 26. April wurde der Berliner Stadtteil Steglitz von den Russen erobert. In der Stadtmitte Berlins wurde noch gekämpft.

Nacktes Leben gerettet

Doch für Fedor Bruck war die zweijährige schlimme Zeit im Untergrund zu Ende. Er hatte buchstäblich nur sein nacktes Leben retten können. In den folgenden Tagen folgte Bruck den vordringenden russischen Truppen, um in die Nähe seines alten Wirkungskreises am Kurfürstendamm zu gelangen und nach Freunden und Bekannten zu forschen.

Nun beginnt eine Phase in Brucks Leben, die man sicher als eine Art „Treppenwitz der Weltgeschichte“ bezeichnen kann. Am 4. Mai suchte Bruck seine frühere Helferin Käthe Heusermann in der Pariserstraße in Berlin-Wilmersdorf auf. Sie war seit 1937 bei Professor Hugo Blaschke, Hitlers Zahnarzt, als Helferin angestellt und viele Jahre bei den zahnärztlichen Behandlungen Hitlers zugegen. Bruck kannte Käthe Heusermann und ihre Familie aus seiner Zeit in Liegnitz. Er hatte sie in der Liegnitzer Praxis als zahnärztliche Helferin ausgebildet. Sie bestärkte ihn in seinen Überlegungen, die Praxis Blaschkes zu übernehmen. Denn als Verfolgter des NS-Regimes hätte er ein besonderes Recht darauf.

Hitlers Zahnarzt Prof. Blaschke praktizierte bis zu seiner Flucht aus Berlin am Kurfürstendamm 213. Das Gründerzeithaus, das heute noch steht, war durch den Krieg nur leicht beschädigt. In den Tagen Anfang Mai 1945 zog Bruck in das Haus am Kurfürstendamm, nachdem er von der Russischen Kommandantur, dem Ärzteverband und dem Gesundheitsamt die Zuweisung in die Praxis und die dazugehörige Wohnung erhalten hatte.

Hitlers Überreste identifiziert

Fedor Bruck wurde nun Zeuge der Identifizierung von Hitlers sterblichen Überresten, die die Russen im Garten der Reichskanzlei gefunden hatten (siehe dazu auch zm 14/1969, Seite 698 f). Die Begebenheiten um die Obduzierung von Hitlers Überresten schildert unter anderem die Russin Jelena Rshewskaja in ihrem Buch „Hitlers Ende ohne Mythos“, in dem auch Bruck erwähnt wird. In dem Buch „Hitlers letzte Tage“ von H. R. Trever-Roper wird Fedor Bruck als jüdischer Arzt aus Schlesien genannt.

Käthe Heusermann beantwortete in Gegenwart von Fedor Bruck die Fragen der Russen über Hitlers Mundverhältnisse und etwaige Besonderheiten (siehe Brucks Schilderung im Kasten). Auf der Suche nach den Behandlungsunterlagen Hitlers folgte Frau Heusermann ihnen in die zerstörte Reichskanzlei. Sie berichtete Bruck einige Tage später darüber. Da man die Unterlagen nicht fand, musste sie die ihr vorlegten Kieferteile aus der Erinnerung begutachten. Sie erkannte welche wieder, die mit Bestimmtheit zu Hitler gehörten. Somit wusste Bruck als einer der Ersten, dass sein Peiniger Hitler zweifelsfrei tot war.

Fedor Bruck sah Käthe Heusermann nicht wieder. Sie und der Zahntechniker Fritz Echtmann wurden von den Russen mitgenommen und blieben einige Jahre in Gefangenschaft. Die sowjetische Regierung unter Stalin wollte keine Zeugen, die den Tod Hitlers bestätigen konnten. Im Juli 1945 waren die westlichen Alliierten in Berlin eingerückt. Am 5. Juli suchten Bruck amerikanische Journalisten auf und befragten ihn nach Käthe Heusermann und seinem eigenen Schicksal. Am 7. Juli erschienen drei britische Korrespondenten. Unter ihnen war William Forrest vom News Chronicle. Am 9. Juli 1945 berichtete die britischen Zeitung dann über die Identifizierung von Hitlers Überresten anhand der Informationen, die Fedor Bruck William Forrest gegeben hatte.

Auswanderung

Fedor Bruck wurde offiziell als Verfolgter des Naziregimes anerkannt und praktizierte noch eine Zeit lang als Zahnarzt in der Praxis am Kurfürstendamm. Da Bruck vom Tod Hitlers wusste, bestand für ihn die Gefahr, ebenfalls von den Russen verschleppt zu werden. Die Amerikaner warnten ihn. Fedor Bruck entschied sich 1947 in die USA auszuwandern.

Dort fing er mit über fünfzig Jahren ein neues Leben an. Leider konnte er in den USA nicht mehr in seinem erlernten Beruf als Zahnarzt arbeiten, obwohl Zeitungen auf sein Schicksal aufmerksam machten. Die Vereinigten Staaten erkannten die deutschen Abschlüsse nicht an. Mit einer Reihe von Jobs bestritt er seinen Lebensunterhalt, unter anderem als Highway-Polizist.

Sein Bruder und seine Mutter folgten ihm in die USA. Sie hatten die Verfolgung durch die Nationalsozialisten überlebt. Die Schwester war nach ihrer Flucht aus Deutschland im unbesetzten Teil Frankreichs im August 1942 aufgegriffen und im September nach Auschwitz deportiert und ermordet worden. Im Dezember 1952 wurde Bruck Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika und änderte seinen Namen legal in Theodore A. Brook. Er lebte bis zu seinem Tode im Februar 1982 in New York City.

Kay Lutze
Lievenstraße 13
40724 Hilden

Zeugenschilderung

Fedor Bruck schildert in seinen Aufzeichnungen die Ereignisse Anfang Mai in der Praxis am Kurfürstendamm:

„Mittwoch den 9. Mai 1945 erschienen ein Russischer Oberleutnant, eine Russische Geheimagentin, … sowie ein Herr in Zivil, der als Dolmetscher fungierte…, im Hause und erkundigten sich beim Hausmeister, wo Blaschke wäre. Er konnte keinerlei Auskunft geben, und als ich zufällig dazu kam, nahm ich die drei Personen, die nach Unterlagen über Hitlers Mundverhältnisse fragten, mit in die Praxis herauf. Wir suchten alles durch, fanden aber von Hitler weder Röntgenaufnahmen noch Kartothekkarten, dagegen welche von Himmler, Ley, Göring, Goebbels und anderen, welche die Russen an sich nahmen. Als ich die Bemerkung machte, ob man anhand der gesuchten Unterlagen irgendwelche gefundenen Fragmente identifizieren wolle, machte der Oberleutnant ein sehr ärgerliches offizielles Gesicht und legte den Zeigefinger auf den Mund, woraus ich entnahm, dass ich mit meiner Annahme auf dem richtigen Wege wäre. Auf die Frage, ob denn niemand da wäre, der über Hitlers Zähne Bescheid wisse, holte ich den Techniker Echtmann herein, der aber keinerlei Auskunft geben konnte, da er nie bei einer Behandlung dabei war und die technischen Arbeiten bei Hitler zu einer Zeit gemacht worden waren, wo er noch nicht in Blaschkes Diensten stand.

Als es sich nun herausstellte, dass Käthe Heusermann seit vielen Jahren immer bei Hitlers Behandlungen assistiert habe, wurde ich beauftragt, sie zu holen. Die Geheimagentin ging mit mir zur Tür, wo sie den Chauffeur beauftragte, meinen Anweisungen Folge zu leisten. Der russische Chauffeur brachte mich also nach der Pariserstraße zu Käthes Wohnung…

Sie kam nur sehr ungern mit, da sie fürchtete, man vermute in ihr ein prominentes Mitglied der Nazipartei und würde ihr etwas Böses tun. Ich überredete sie mitzukommen…“

Aus: Fedor Bruck, private Aufzeichnungen, 1948, Sammlung Kay Lutze

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