Die ersten drei Monate sind entscheidend

Zu hoher Blutzucker schädigt Ungeborene

Eine Schwangerschaft ist für zuckerkranke Frauen heute fast ebenso problemlos möglich wie für stoffwechselgesunde Frauen. Allerdings nur unter einer Bedingung: Der Blutzuckerspiegel der werdenden Mutter muss streng im normal-niedrigen Bereich gehalten werden.

Für die Gesundheit des Kindes entscheidend sind besonders die ersten drei Schwangerschaftsmonate: In dieser Zeit kann ein zu hoher Blutzuckerspiegel zu Fehlgeburten oder kindlichen Fehlbildungen führen. Wie wichtig es für Diabetikerinnen ist, eine Schwangerschaft zu planen und bereits vor der Empfängnis einen erfahrenen Diabetologen zu Rate zu ziehen, wird nun erneut durch eine Studie untermauert, die Jenaer Mediziner um Wilgard Hunger- Dathe in der Fachzeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2005) vorstellen.

Das Ziel der Jenaer Studie war es, festzustellen, wie gut die Forderungen der so genannten St. Vincent-Deklaration von 1990 in Thüringen erfüllt sind. In dem von Diabetesexperten, Vertretern von Patientenorganisationen und Gesundheitspolitikern erstellten Papier ist unter anderem das Ziel formuliert, dass Schwangerschaften von Diabetikerinnen genauso oft mit der Geburt eines gesunden Kindes enden sollten wie Schwangerschaften von stoffwechselgesunden Frauen. Medizinisch sei dies durchaus möglich, sagt die Diabetologin Wilgard Hunger-Dathe und verweist auf Studien, in denen intensiv betreute Diabetikerinnen nicht häufiger Kinder mit Fehlbildungen zur Welt brachten als gesunde Frauen. Außerhalb von spezialisierten Zentren sei dieses Ziel dagegen noch lange nicht erreicht – was sich auch in der aktuellen Studie bestätigte.

Zwar beherbergt auch die Klinik für Innere Medizin III der Universität Jena, an der Hunger- Dathe tätig ist, ein diabetologisches Zentrum. Die fachärztliche Betreuung wurde jedoch oft zu spät in Anspruch genommen: In den Jahren von 1992 bis 2002, die die Studie umfasst, zogen nur 43 Prozent der Patientinnen bereits vor der Konzeption einen Diabetologen zu Rate. Im Durchschnitt konsultierten die Schwangeren erst in der neunten Schwangerschaftswoche zum ersten Mal einen Spezialisten, jede fünfte Frau sogar erst nach Ablauf des ersten Schwangerschaftsdrittels. „Die entscheidende Phase der kindlichen Organentwicklung ist dann bereits abgeschlossen“, so Hunger-Dathe. Den mit über 17 Prozent recht hohen Anteil kindlicher Fehlbildungen sieht die Ärztin als Folge der ungenügenden Blutzuckerkontrolle in dieser Zeit. Eine detaillierte Auswertung der Studiendaten ergab, dass der durchschnittliche Blutglukosewert in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten 6,4 Millimol pro Liter (mmol/l) nicht überschreiten sollte. Der Anteil des glykosylierten Hämoglobins (HbA1c) – ein Maß für die längerfristige Blutzuckereinstellung – sollte zur Sicherheit des Kindes unter 6,3 Prozent bleiben. sp/pme

W. Hunger-Dathe et al.:
Prävalenz kindlicher Fehlbildungen bei Frauen
mit einem präexistenten Diabetes mellitus in
Abhängigkeit von der Stoffwechseleinstellung
Geburtsh Frauenheilk 2005; 65: 1147-1155