KZBV-Frühjahrsfest in Berlin

Die Kraft des Dialogs

Kaiserwetter in Berlin, zumindest die Aussicht vom Reichstag ist fantastisch. Auf Einladung von Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung und Bundeszahnärztekammer kamen hier prominente Gäste aus Politik, Presse und Gesellschaft zusammen, um sich in lockerer Runde auszutauschen. Thema Nummer eins: die Reform, insbesondere die geplante Änderung des Vertragsarztrechts, das in seiner ersten Fassung die Freiberuflichkeit und das Arzt-Patienten- Verhältnis massiv aushöhlen würde. Einhellige Meinung: Nur im konstruktiven Dialog können Politiker und Zahnärzte noch eine für alle Seiten tragbare Lösung finden.

„Vertrauen und Verlässlichkeit – das sind die zentralen Begriffe, auf die es uns in der Reformdebatte ankommt“, machte der Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Jürgen Fedderwitz, mit Blick auf die aktuellen Gespräche zwischen Politik und Zahnärzten klar.

Hauptsache verlässlich

Natürlich treffe man sich nicht zur Tanzstunde, trotzdem spielten Umgangsformen für den Verlauf der Verhandlungen eine große Rolle: „Vertrauen und Verlässlichkeit sind grundlegende Güter, die wir in der Politik verankern müssen.“

Selbstverständlich werde die KZBV wie gewohnt mithelfen, die im politischen Sektor getroffenen Entscheidungen umzusetzen, bekräftigte Fedderwitz. Unbedingte Voraussetzung für eine konstruktive Zusammenarbeit sei aber, dass man eben diese beiden Werte auch im alltäglichen Austausch auslebt.

„Mit den Festzuschüssen hat die Zahnärzteschaft ein für das gesamte Gesundheitswesen zukunftsweisendes, vernünftiges System geschaffen und damit erneut unter Beweis gestellt, dass man sich auf sie verlassen kann“, betonte der KZBV-Chef. „Das Vertrauen und die Verlässlichkeit, die in uns gesetzt wurden, sind berechtigt – der Erfolg der Festzuschüsse ist ein eindeutiger Beleg dafür. Auch die Analyse der Kassen hat klar bestätigt, dass wir richtig liegen.“ Mit dem Vertragsarztrechtsänderungsgesetz (VÄG) habe die Regierung indes ein Vorhaben ins Auge gefasst, das nicht nur, weil explizit im Entwurf genannt, die Ärzte, sondern auch elementar die Zahnärzte betrifft: „Das VÄG wird sich in erheblichem Maße auf die berufliche Zukunft der Zahnärzteschaft auswirken!“

VÄG – Entwurf mit Ungereimtheiten

Freilich seien einige Teilaspekte im VÄG durchaus begrüßenswert – etwa die mit dem Gesetz eröffnete Chance für Zahnärztinnen, Beruf und Job in Einklang zu bringen, indem sie Teilzeit und gegebenenfalls als Angestellte arbeiten. Dass in den kommenden Jahren immer mehr Frauen in die Praxis stürmen, wurde ja erst kürzlich vom IDZ prognostiziert. Gut, so Fedderwitz, wenn die neue Damenriege dann am Behandlungsstuhl exzellente Möglichkeiten vorfindet.

Insgesamt aber lasse das Gesetz noch viele Ungereimtheiten erkennen, Beispiel Zweitpraxen. „Wenn man sich mit zig Praxen quer durch die Republik niederlassen kann, müsste die Politik auch die Budgets streichen – alles andere wäre halbherzig.“

Außerdem befürchtet Fedderwitz, dass mit dem VÄG die rückhaltlose Auflösung der freiberuflichen Strukturen im Gesundheitswesen verbunden ist. Ärgermacher Nummer eins: die Medizinischen Versorgungszentren MVZ). „Das Einläuten der Versorgung durch die MVZ bedeutet klipp und klar das Ende der Freiberuflichkeit“, unterstrich Fedderwitz.

Nicht nur die Zukunft des Berufsstandes macht dem KZBV-Chef Sorge – auch die Versorgung der Patienten werde durch das VÄG verschlechtert. „Wer zulässt, dass künftig Praxen im Real oder Minimal entstehen, untergräbt das Arzt-Patienten-Verhältnis.“ Eine Supermarktmentalität im Gesundheitswesen ginge ohne Wenn und Aber zu Lasten der Patienten und werde deshalb von der Zahnärzteschaft kategorisch abgelehnt.

Der Präsident der Bundeszahnärztekammer, Dr. Dr. Jürgen Weitkamp, stimmte seinem Kollegen voll und ganz zu: Die Arbeit des Heilberuflers lasse sich nämlich nicht auf Faktoren wie Wirtschaftlichkeit und Leistungsbeschreibung beziehungsweise -ausgrenzung reduzieren. „Die Mediziner unter uns wissen: Wer täglich mit Patienten umgeht, muss auch stets etwas erbringen, was nicht abrechenbar ist.“ Das werde von der Politik oft vergessen, dafür von den Patienten umso deutlicher wahrgenommen. Auf den Punkt bringt es laut Weitkamp der im Spätmittelalter tätige Arzt und bedeutende Philosoph Paracelsus: „Das ist ein Arzt, der das Unsichtbare weiß, das keinen Namen hat, das keine Materie hat und doch seine Wirkung.“

An dem gemeinsamen Gesprächsfaden stricken

Gastrednerin Marion Caspers-Merck (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin im BMG, betonte daraufhin, wie wichtig eine konstruktive Zusammenarbeit aller Betroffenen sei, um die Reform überhaupt auf den Weg zu bringen. „Wir brauchen Mitmacher“, bekräftigte Caspers-Merck. „In diesem schwierigen Reformprozess ist ein gemeinsamer Gesprächsfaden wichtig.“ Sie hob hervor, dass dieser Gesprächsfaden zwischen dem BMG und der Zahnärzteschaft seit langem besteht und man ihn trotz der Meinungsverschiedenheiten auch weiterspinnen müsse.

Mit dem VÄG wolle die Regierung gleichwohl gerade im Osten ein Zeichen für den Ärztestand setzen und die oftmals starren Regeln des Berufsrechts zu ihren Gunsten aufweichen. Die MVZ wolle man nur dort einrichten, wo es auch Sinn mache. Veränderungen könnten durchaus auch ein Zeichen des Aufbruchs sein, „und zwar für mehr Freiheit im ärztlichen Beruf.“

Zufriedene Ärzte, zufriedene Patienten

Die Entgegnung Weitkamps folgte auf dem Fuße: „Wenn sich die Politik gegen das Wohl der Ärzte richtet, hat sie per se nicht das Wohl der Patienten im Sinn.“

INFO

VÄG – was steckt dahinter?

Ziel des Vertragsarztrechtsänderungsgesetzes (VÄG) ist eine Liberalisierung des Berufsrechts, die dem Vertragszahnarzt neue Möglichkeiten bietet, flexibler auf den Berufsalltag zu reagieren. Der von der Koalition erdachte erste Entwurf war allerdings überwiegend unbrauchbar, weil er die Zahnärzte in ihrer Berufsausübung gegenüber den MVZ klar benachteiligt, interne Prozesse behindert und grundlegende Werte beschnitten hätte. Nun wurde die Überzeugungsarbeit der Zahnärzteschaft offenbar belohnt: Das VÄG nimmt viele ihrer Vorschläge auf. Mehr dazu im Aktuellen Thema, Seite 22 und 23.

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