Erste Hilfe für WM-Fans

Not am Mann im Stadion

Am 9. Juni startet die Fußball-WM. Rund 66 000 Zuschauer werden beim Eröffnungsspiel Deutschland – Costa Rica live dabei sein und das Münchner Stadion in einen tosenden Hexenkessel verwandeln. Vom Kollaps bis zum Krawall kann hier alles passieren. Während Klinsis Jungs um den Sieg kicken, kümmern sich Sanitäter, Polizisten und Ordner um Sicherheit und Erste Hilfe. Eine Herkulesaufgabe – auch für die Technik.

Block C, Reihe 221: Ein Mann bricht zusammen, verliert das Bewusstsein. Er braucht dringend ärztliche Hilfe. Seine Freunde geraten in Panik , doch drei Meter weiter kriegen die Fans schon nichts mehr von dem Schwächeanfall mit. Am anderen Ende der Arena, in einem der Parkhäuser, demoliert derweil ein betrunkener Fan die Autos.

Zwei von vielen Zwischenfällen, die bei der Fußball-WM geschehen könnten. Aber wie soll man in diesem Chaos fix den Arzt benachrichtigen? Wie den Randalierer finden? Wir sind schließlich auf einem Mega-Event: Das WM-Stadion ist ausverkauft. Überall Menschenmassen, ungeheurer Lärm.

Das Chaos bezwingen

Wie schnell der Mediziner zur Stelle ist, hängt deshalb vor allem von der Koordination des Notfallteams ab. Der Einzelne kann in diesem Tohuwabohu unmöglich den Überblick behalten – umso wichtiger also, dass das Management den Einsatz zentral steuert. Damit der Patient schnell Hilfe erhält, reicht es nicht, den Notfall zu orten. Auch die aktuelle Position der Rettungskräfte muss bekannt sein.

Nur dann können die Einsatzleiter den Mann, der „am nächsten dran“ ist, zur Unfallstelle schicken.

Dasselbe gilt für Krawalle und Überfälle: Auch hier ist es wichtig, dass Polizisten und Ordner den Ort des Geschehens und den Standort der eigenen Leute lokalisieren können. Wie in einem Koordinatensystem werden Standort von Täter, Opfer und Helfer ausgemacht bevor sich die Ordnungshüter einschalten.

Aber alles einfacher gesagt als getan. Stellen wir uns das Münchner Stadion vor: Ein Riesenzeppelin mit weit ausladendem Zeltdach, 259 Meter lang, 227 breit und 50 hoch. Allein die Fundamente sind zum Teil so groß wie Einfamilienhäuser und wiegen bis zu 180 Tonnen; die Membrandachhülle bedeckt eine Fläche von 64 000 Quadratmetern. Die Ränge, beinahe so steil wie in einem medizinischen Hörsaal, umfassen 20 000 bis 24 000 sich auftürmende Sitzplätze. Die Spieler erscheinen dadurch fast zum Greifen nah, wie in einer römischen Arena.

Alles in allem ein riesiges Areal. Viel Platz, aber ungeheuer unübersichtlich. Denn Block-Absperrungen, Notausgänge und Treppenzüge machen aus dem Stadion ein Labyrinth. Das heißt, nicht unbedingt der Arzt, der sich laut Luftlinie unmittelbar am Unfallort befindet, ist auch am schnellsten da.

Damit die Erste Hilfe trotzdem funktioniert, hat die Telekom, Hauptsponsor der WM, sich eine neue Technik einfallen lassen. Tetra, neudeutsch Terrestrial Trunked Radio, heißt das digitale Funksystem. Kämpften Sicherheitsleute auf Gigaveranstaltungen bislang mit Rauschen, Knacken und instabilen Netzen, loggten sich umständlich ein und haderten deshalb mit reibungslosen Abläufen im Notfall, soll mit Tetra alles anders werden. „Schnelle und störungsfreie Kommunikation“ sind die Vorzüge, mit denen die Telekom-Tochter T-Systems punkten will. Der Ruf baut sich innerhalb einer halben Sekunde auf und ist absolut abhörsicher, verspricht die Telekom. Wie beim Handy kann man gleichzeitig hören und miteinander sprechen. Sogar durch die Stahlbetonwände des Stadions. Selbst wenn 1 000 Fans ihren Freunden zu Hause den Führungstreffer Prinz Poldis als Bild aufs Handy schicken, bricht die Leitung nicht zusammen – Tetra nutzt einen autarken, von Mobilfunknetzen unabhängigen Frequenzbereich. Außerdem schluckt das System die Störgeräusche. Dadurch ist die Sprachqualität trotz La-Ola- Wellen und Fanhymnen einwandfrei.

Nur ein Wimpernschlag

Im Unterschied zum analogen Funkverkehr, den die Polizei trotzdem weiter nutzen kann, stellt Tetra ein Netz für alle parat, sodass nicht mehr jede Gruppe abgeschottet ihr eigenes Netz betreibt. Von Klinsmann bis zum Platzanweiser sind alle auf Knopfdruck erreichbar. Jedes Einsatzteam, egal ob im Bereich Sicherheit, Notfallversorgung oder Organisation, kann per Funk Kontakt aufnehmen. Alles in allem können sich 2 000 Anwender einschalten. Insgesamt deckt das Netz die Arena, alle vier Parkhäuser, die Esplanade und den Außenbereich ab.

Binnen eines Wimpernschlags kann ein einzelner Arzt mit Tetra alle anderen kontaktieren. Per Gruppenruf lassen sich Teams von mehreren Tausend Mann von der Zentrale übergreifend dirigieren. Hat ein Einsatz Priorität, können die Leiter Anrufe vorziehen und eine Rangfolge der Gespräche festlegen. Absoluten Vorrang hat der Notruf – er unterbricht alle laufenden Gespräche und erreicht alle Nutzer gleichzeitig.

Mit Tetra kann man sich aber nicht nur verständigen. Neben Sprache lassen sich auch Daten, beispielsweise Kurztexte und Bilder, übertragen. Außerdem hat das Walkie Talkie-ähnliche Gerät ein Display. Damit können die Notärzte und Sanitäter sehen, wer aus der Gruppe wo steht und gezielt den anpiepen, der gerade gebraucht wird. Angezeigt wird außerdem, wer zugeschaltet ist und mit wem spricht. Für den Einsatzleiter ein großes Plus: Geht bei ihm ein Notruf ein, kann er den Mediziner schicken, der strategisch günstig steht und ruckzuck am Ziel ist.

T-Systems plant jedoch noch weiter: Ist der Digitalfunk erst bundesweit eingeführt, könnten die Sanitäter, so das Unternehmen, Infos und Diagnosen direkt ans nächste Krankenhaus übertragen. Sind alle Betten belegt, informiert die Klinik die Rettungskräfte über die Kapazitäten anderer Häuser. Eine erste Generalprobe hat Tetra in Bundesligaspielen bereits bestanden. Vieles ist dennoch Zukunftsmusik – ob die Technik taugt, zeigt die WM.

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