Differentialdiagnose der Weichgewebstumoren der Mundhöhle

Intraorales Lipom

Ein 72-jähriger, differenzierter Patient in gutem Allgemein- und normalem Ernährungszustand (72 kg, 180 cm) stellte sich aufgrund einer kugeligen Geschwulst im Bereich der rechten hinteren Mundhöhle vor, welche er zum ersten Mal vor zirka drei Monaten bemerkt hatte. Er berichtete, dass die Veränderung seitdem, wenn überhaupt, nur gering gewachsen sei. Zusätzlich gab er an, dass die Gewebsvermehrung zwar nicht schmerzen, ihn aber beim Tragen seiner Prothesen stören würde.

Bei der intraoralen Untersuchung zeigten sich Ober- und Unterkiefer zahnlos. Im Bereich des Überganges des rechten Kieferwinkels zum Arcus palatoglossus imponierte eine zirka 2,5 Zentimeter (cm) im Durchmesser große, kugelige, glatt begrenzte Raumforderung mit einem oberflächlichen, fibrinbelegten Ulkus (Abbildung 1). Palpatorisch stellte sich der Tumor weich und prall-elastisch dar. Die Zunge war in alle Richtungen frei beweglich. Das Orthopantomogramm ließ keine Osteolysen als Zeichen einer knöchernen Infiltration beziehungsweise Destruktion erkennen (Abbildung 2).

Als weiterer diagnostischer Schritt erfolgte ein Probeexzision in Lokalanästhesie. Die histopathologische Begutachtung diagnostizierte ein oberflächlich ulzerierendes Lipom. Es schloss sich die vollständige Exzision ohne Sicherheitsabstand, aber mit Entfernung der durch das Tumorwachstum überschüssigen Mundschleimhaut an (Abbildung 3). Die abschließende histopathologische Begutachtung sicherte sowohl die Diagnose als auch die vollständige Entfernung des abgekapselten Tumors (Abbildung 4).

Diskussion

Das Lipom (WHO-Tumorhistologieschlüssel ICD-O 8850/0) bezeichnet einen gutartigen Weichegewebstumor mesenchymalen Ursprungs, welcher überall im Körper entstehen kann. Während im Mund-, Kieferund Gesichtsbereich der Hals eine Prädilektionsstelle darstellt, treten Lipome intraoral, wie im vorliegenden Fall, selten auf [Thompson et al., 2005]. Sie bestehen aus reifen Fettzellen, die in Läppchen angeordnet sind und von gefäßreichen bindegewebigen Septen durchzogen werden [Said-Al- Naief et al., 2001; Darling and Daley, 2005]. Geht der Anteil des fibrösen Bindegewebes über das im normalen Fettgewebe übliche Maß hinaus, wird der Tumor als Fibrolipom bezeichnet [Darling and Daley, 2005], ohne dass hieraus ein unterschiedliches Behandlungskonzept resultiert [Fregnani et al., 2003].

Das vorgestellte intraorale Lipom besaß das klassische biologische Verhalten gutartiger Tumoren. So ließ sich das Lipom intraoperativ aufgrund seiner histopathologisch bestätigten, bindegewebigen Kapsel gut vom umgebenden Gewebe trennen und erlaubte eine größtenteils stumpfe Präparation. Die klinisch und im Orthopantomogramm ausgeschlossene Infiltration und Destruktion der Zunge, des Mundbodens, Rachens und des Unterkiefers sprachen eindeutig für die gutartige Dignität des Tumors. Da Lipome als gutartige Entität nicht metastasieren, wurde bewusst auf ein weiteres Tumorstaging verzichtet. Trotz des langsamen Wachstums können Lipome bei längerem Bestehen eine erhebliche Größe annehmen und zur Verdrängung sowie zur Druckatrophie der angrenzenden Weichgewebe führen [Ehrenfeld und Prein, 2002]. Aufgrund der Tumorgröße ist im vorliegenden Fall von einem längeren Tumorwachstum auszugehen, als es vom Patienten beobachtet wurde. Das oberflächliche Ulkus war am ehesten traumatischer Genese.

Noch seltener als intraorale Lipome können in der Mundhöhle andere benigne Fettgewebstumoren, wie das Lipoblastom, das Angiolipom, das Myolipom, das spindelzellige Lipom oder das Lipom der kleinen Speicheldrüsen, auftreten [Weiss and Goldblum, 2001; Fregnani et al., 2003]. Von diesen gutartigen Fettgewebsgeschwülsten müssen die unterschiedlichen Subtypen des Liposarkoms als maligne Entitäten durch eine Gewebeuntersuchung abgegrenzt werden [Ehrenfeld und Prein, 2002; Thompson et al., 2005]. Insbesondere eine Unterscheidung des gutartigen Lipoms vom gut differenzierten Liposarkom (Grad I) kann sich schwierig gestalten [Thompson and Fanburg-Smith, 2005].

Während bei allen gutartigen Fettgewebstumoren die vollständige Exzision die Behandlungsmethode der Wahl bietet [Thompson et al., 2005] und das Auftreten von Rezidiven unwahrscheinlich werden lässt [Fregnani et al., 2003; Darling and Daley, 2005], erfordern Liposarkome ein invasiveres Therapiekonzept mit ausgedehnter chirurgischer Resektion und eventueller postoperativer Strahlen- und Chemotherapie [Ehrenfeld und Prein, 2002].

Dr. Dr. Oliver Driemel
Dr. Dr. Rainer S. R. Buch
Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Universität Regensburg
Franz-Josef-Strauß-Allee 11
93053 Regensburg

Die histopathologischen Bilder (Abbildungen 4a und 4b) wurden uns freundlicherweise von Dr. med. Stephan Schwarz, Institut für Pathologie der Universität Regensburg, zur Verfügung gestellt.

Fazit für die Praxis

• Lipome können sich nicht nur extraoral am Körperstamm und in den Organen bilden, sondern selten auch in der Mundhöhle auftreten.

• Die auffallend prall-elastische Konsistenz ermöglicht zwar meist bereits klinisch eine zuverlässige Verdachtsdiagnose, erfordert aber stets eine histopathologische Diagnosesicherung und Abgrenzung von malignen Fettgewebsgeschwülsten.

• Während oberflächliche intra- und extraorale Lipome durch eine gelbliche runde Vergrößerung imponieren, kann bei tiefer gelegenen Fettgewebstumoren der typische gelbliche Farbton nicht durch die Haut- beziehungsweise Mundschleimhaut scheinen.

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