Leitartikel

Übernehmen, gestalten, gewinnen

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

König Fußball regiert und natürlich sind auch wir Deutschen von den Socken. Die ansonsten als politisches Sommerlochthema geeignete „Gesundheitsreform“ bleibt außen vor: Wo Blatter regiert, fällt eh kein anderes Blatt mehr.

Dabei hat sich, um im Bild zu bleiben, in Berlin ein neuer Verein aufgestellt: Concordia Berlin – eine Spielgemeinschaft aus ehedem zwei Vereinen, die ihre sportlichen Ziele jeweils nicht erreicht hatten. In der Gesundheitspolitik spielt meist ihre zweite Mannschaft.

Auch wenn Angela Merkel bisweilen mitkickt – Linie ist nicht ins Spiel gekommen. Dabei hat sich Concordia Berlin viele ehrgeizige Ziele gesetzt – kurz-, mittel- und langfristige. Zu den kurzfristigen zählt das Vertragsarztrechtänderungsgesetz (VÄndG), zu den eher mittelfristigen die nächste Gesundheitsreform.

Alles in allem haben wir manche Intention des VÄndG im Entwurfsstadium schon verändern können. Es ist uns durch beharrliche Kärnerarbeit gelungen, klar zu machen, dass nicht alles, was für die Vertragsärzte gut oder zumindest gut gemeint ist, auch für uns Zahnärzte als segensreich oder zumindest ebenso notwendig gelten muss. Dennoch: Auch mit diesem Entwurf sieht die Zahnärzteschaft ihre berufliche Zukunft, ganz besonders ihre freiberufliche Zukunft, mit Skepsis und Sorge. Die Arbeit ist noch nicht getan.

Denn was die große Koalition über das VÄndG hinaus an Sanierungsmaßnahmen plant, bleibt im Nebel. Vieles von dem, was im schwatzhaften Grundrauschen der Berliner Szene zu vernehmen ist, läuft auf profunde Einschnitte mit weitreichenden Konsequenzen hinaus. Gerade deshalb reicht es nicht, wenn wir uns fragen: Wohin will die Politik? Wir müssen uns vielmehr auch fragen: Wohin wollen wir, die Zahnärzteschaft?

Die Strukturen des Berufsstandes müssen auch künftig freiberuflich geprägt sein. Einfach wird es nicht, in dieser Liga zu bleiben. Klar ist: Die marode GKV soll zahlungsfähig bleiben und wird weiterhin aufgepäppelt. Klar ist auch: Die Beiträge der Versicherten sollen stabil bleiben – also bleibt die Beitragssatzstabilität die alles prägende, aber auch alles lähmende Größe. Klar ist allemal, wer letztlich dem Angriff der Politik ausgeliefert ist.

Wie müssen wir uns also aufstellen? Festzuschüsse sind und bleiben der richtige ordnungspolitische Rahmen, eine nachhaltige zahnmedizinische Versorgung zu sichern. Doch zu einem freiheitlicher orientierten Gesundheitswesen gehört mehr als das. Es braucht Wettbewerbsstrukturen, in denen der in eigener Praxis tätige Zahnarzt eine Chance hat und nicht als Einzelkämpfer der Marktübermacht von Kassenoligopolen und Einkaufsmodellen einerseits und fremdkapitalgesteuerten MVZ’s andererseits ausgeliefert ist. Es braucht einen Wettbewerb um Qualität und Leistung, keinen destruktiven Verdrängungskrieg um den niedrigsten Preis. Es braucht eine Selbstverwaltung, die ihren Namen verdient und sich aus allzu restriktiven und nicht sachgerechten Vorgaben befreien kann. Und es braucht – last not least – die freie Arztwahl. An diesen Herausforderungen müssen wir arbeiten. Für die zahnärztlichen Organisationen bedeutet das, sich gut zu formieren:

• Sie müssen sich dem Strukturwandel offensive stellen und die Zahnärzteschaft darin unterstützen, ihn zu bewältigen.

• Sie müssen auch weiterhin da Gegengewicht sein, wo die Marktmacht der Kassen sonst verbrannte Erde hinterlässt.

• Sie werden um den Erhalt von Kollektivverträgen kämpfen, damit in der zahnärztlichen Versorgung kein Heuschreckenwesen Fuß fassen kann, das durch fremdbestimmte Kapitalgeber gefüttert wird.

• Sie müssen die weiterhin in der Gesundheitspolitik vorhandenen Spielräume nutzen und die „Versozialrechtlichung“ des Berufsstandes verhindern

• Im Fokus ihrer Aufgaben muss weiterhin der einzelne Zahnarzt stehen, egal ob er Angestellter oder Freiberufler ist. Unsere Organisationen werden dabei serviceorientierte, flexible Dienstleistungseinheiten für ihn sein müssen, wenn sie denn bestehen wollen.

Da müssen wir hin. Da müssen wir, um auf den zurzeit so prominenten Fußball zurückzukommen, das Spiel übernehmen, gestalten und gewinnen.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Jürgen Fedderwitz
Vorsitzender der KZBV