Dritter bundesweiter Protesttag der Ärzte

Es brodelt, von der Basis bis zur Spitze

Am 19. Mai 2006 signalisierten die Ärzte einen ungewohnten Zusammenhalt. Auf dem dritten nationalen Protesttag gingen Ärzte und Zahnärzte, Niedergelassene wie auch Angestellte, geschlossen für ihre Forderungen auf die Straße: Sie wollen angemessene und kalkulierbare Honorare statt fiktiver Punktwerte. Sie wollen Patienten behandeln statt Formulare auszufüllen. Sie wollen Krankheiten heilen statt Rezeptkosten zu zählen. Und sie wollen weiter einen freien Beruf ausüben.

Tausende von Trillerpfeifen schrillten. 25 000 Ärzte, Zahnärzte und Helferinnen wedelten vor dem Brandenburger Tor mit Transparenten in der Luft. 13 000 Kollegen starteten in Stuttgart durch. 5 000 zeigten in Köln Flagge. Auch in anderen Städten gingen Ärzte auf die Straße. Seit dem Morgen hatten die Organisatoren neben dem Podium vor dem Brandenburger Tor Stände aufgebaut, Kisten mit Trillerpfeifen, Westen und Kappen herangeschleppt.

Um elf Uhr strömten über tausend Demonstranten auf den Platz. Mit drei Bussen warnen zum Beispiel Ärzte und Zahnärzte aus Dresden angereist. Insgesamt über 50 Busse verstopften schließlich die Straße zur Siegessäule.

Kurz vor zwölf verdichtete sich das Gedränge. Die Demonstranten mit langen Anfahrtswegen trafen ein. „Wir sind heute morgen um sechs losgefahren, Aber an dem Protest hier teilzunehmen, das ist uns die sechs Stunden Fahrt her und auch heute abend zurück allemal Wert. Wir wollen hier Flagge zeigen“, bekräftigt eine Gruppe aus Schleswig-Holstein ihr Engagement. Eine Vergnügungsreise in die Hauptstadt war das jedenfalls nicht.

Andere, aus Süddeutschland und dem Rheinland zum Beispiel, waren wohlweislich bereits am Vorabend angereist. Das hatte den Vorteil, das sie in der ersten Reihe agieren konnten. Dr. Andreas Crusius, Vizepräsident der Bundesärztekammer (BÄK) und Kammerpräsident von Mecklenburg- Vorpommern, stand oben auf dem Podium und heizte seinen Kollegen ein. Unermüdlich brachte er die Forderungen der Ärzteschaft aufs Tapet, holte die Mitorganisatoren ans Mikro.

Unter ihnen Dr. Karl-Heinz Sundmacher vom Freien Verband Deutscher Zahnärzte. Er kritisierte, dass ohne Geld Leistungen „eingekauft“ werden: „Wie kann man etwas bestellen mit dem Wissen, dass man nicht zahlungsfähig ist?“ Solange die Sachleistung die Norm sei, werde sich das nicht ändern. „Wir haben die Bürger an unserer Seite, und das schätzen wir!“, schloss der Zahnarzt sein Statement.

Gewitterwolken türmten sich über der Quadriga auf. Das beeindruckte die Demonstranten wenig. Sie schlugen die Jackenkragen hoch. Und skandierten, pfiffen, klatschten. Der Redner auf dem Podium, Dr. Wolfgang Wesiack vom Berufsverband der deutschen Internisten, kritisierte, dass immer von zu hohen Ausgaben gesprochen werde. Doch die hohe Arbeitslosigkeit sei das Problem, weil sie die Einnahmen der GKV erodiere.

Beifall. Ein Platzregen. Einige flüchteten unter das Brandenburger Tor, andere teilten sich den Schirm mit dem bis dato unbekannten Nachbarn, wieder andere setzten nur ein Käppi auf und gaben sich unbeeindruckt. Das Unwetter schweißte die Demonstranten eher zusammen, als dass es sie auseinandertrieb.

Dr. Kuno Winn, Vorsitzender des Hartmannbundes, rief eine Kernforderung ins Mikro: Zu einem tragfähigen Konzept gehöre auch, dass gut ausgebildete, engagierte Mediziner wieder anständig in Euro für ihre Leistungen bezahlt würden.

Die Massen zogen los, zum Protestmarsch durch die Stadt. Der Regen war längst vergangen, als endlich die letzten der 25 000 Menschen sich eine Stunde später wieder zwischen Tor und Siegessäule versammeln konnten. Ein Lichtblick erwartete sie.

„Was wir hier erleben, ist etwas ganz besonderes“, begeisterte sie Dr. Frank-Ulrich Montgomery, der überraschend eingetroffen war.

Der Vorsitzende des Marburger Bundes erklärte ausdrücklich die Unterstützung der Klinikärzte für die niedergelassenen Kollegen und fuhr fort: „Wir sind wie ein schneller Brüter von Solidarität! Wir werden immer solidarischer! Wir fangen an, uns zu emanzipieren, weil wir anfangen, uns die Fesseln abzustreifen.“ Es könne aber sein, dass die Ärzte 70 000 auf der Straße brauchen werden, wenn die Politik nicht lernen wolle, so der MB-Chef.

Gemeinsam sind wir eine Macht

Die Redner postulierten die immer noch offenen Forderungen nach gerechter und kalkulierbarer Bezahlung, nach einer Rückkehr vom Schreibtisch zum Patienten, nach Transparenz bei der Abrechnung. Nach Freiberuflichkeit. Das besondere aber war die Stimmung, der Eindruck von Geschlossenheit, der sich von Minute zu Minute intensivierte. Auch andere Organisationen stellten sich hinter die Organisatoren. Bundeszahnärztekammer und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung erklärten ihre Solidarität mit den ärztlichen Kollegen. Eine Reform, die sich gegen die Berufsstände richte, sei zum Scheitern verurteilt. In den letzten Monaten sei es gelungen, die Öffentlichkeit und insbesondere die Patienten zu sensibilisieren, um deutlich zu machen, dass das Gesundheitssystem in Deutschland am Scheideweg steht. Erforderlich seien nachhaltige Strukturreformen und betriebswirtschaftliche Kalkulierbarkeit.


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