55. Jahrestagung der DGZPW in Basel

Wissenschaftliche Standortbestimmung in der rekonstruktiven Zahnmedizin

Unter dem Motto „Vollkeramik-Implantologie-Teilprothetik – V.I.T. für die Praxis“, fand die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde (DGZPW) als Gemeinschaftstagung in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Rekonstruktive Zahnmedizin (SSRD – Swiss society for reconstructive dentistry) Ende April in Basel statt.

Die Quintessenz der diesjährigen Jahrestagung der DGZPW ließ bereits das Tagungsthema „Vollkeramik-Implantologie- Teilprothetik – V.I.T. für die Praxis“ erahnen. Die 600 Tagungsteilnehmer konnten sich durch die zahlreichen Daten und vorgetragenen Tagungsbeiträge von der wissenschaftlichen Evidenz und Praxistauglichkeit der Vollkeramiksysteme überzeugen. Ein weiteres Schwerpunktthema der Tagung befasste sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Implantologie sowie der Teilprothetik, die eine Renaissance in Zeiten der präventiven Zahnheilkunde erlebt.

In seiner Eröffnungsrede machte der Tagungspräsident Prof. Dr. Peter Pospiech, Homburg/Saar, auf die Bedeutung der Gemeinschaftstagung aufmerksam. Viele Innovative Techniken, die mittlerweile Standard in der zahnärztlichen Prothetik geworden sind, haben ihren Ursprung in der Schweiz, und umgekehrt haben einige deutsche Wissenschaftler einen Ruf an schweizerische Hochschulen angenommen.

Gerostomatologie

Das immer wichtiger werdende Gebiet der Gerostomatologie nahm einen großen Part ein. Die demographische Entwicklung unserer Gesellschaft und die missachteten Versorgungsnotstände im Bereich der prothetischen Altersmedizin machen die Forschung auf diesem Gebiet unabdingbar. In dem ersten Hauptvortrag zeigte Prof. Dr. Frauke Müller, Genf, dass Implantatprothetische Versorgungen keineswegs durch das Alter des Patienten limitiert sein müssen. Demnach eignet sich gerade der herausnehmbare implantatgetragene Zahnersatz für die Minimierung der Komplikationen in der Totalprothetik bei geriatrischen Patienten. Die Bedeutung eines gut funktionierenden Zahnersatzes für die Ernährung und Kaufunktion im Alter stellte Dr. Gerald Kolb, Lingen, in seinem Vortrag dar. Der Leiter einer Geriatrischen Klinik plädierte für eine enge Kooperation zwischen dem Geriater und dem Zahnarzt in Fragen der Ernährung des älteren Patienten.

In den zahlreichen Kurzvorträgen und Posterpräsentationen veröffentlichten weitere Autoren ihre Untersuchungen zur Lebensqualität in Abhängigkeit zu der zahnärztlich- prothetischen Versorgung. Demnach haben die in diesem Zusammenhang gebräuchlichen Stichworte wie Somatisierung, Prothesenakzeptanz oder Kiefergelenkserkrankungen oft einen entscheidenden Einfluss auf die Lebensqualität des Patienten.

Werkstoffe und Dentale Technologie

In seinem Vortrag über Werkstoffe für die Implantatprothetik kam PD Dr. Jens Fischer, Zürich, auf die immer wiederkehrende Problematik der metallischen Korrosion zu sprechen. Die Gründe können, angefangen von labortechnischen Verarbeitungsfehlern, über mangelhafte Legierungen, bis hin zu der Problematik mit verschiedenen metallischen Elementen in der Mundhöhle, vielfältig sein.

Am folgenden Tagungstag wurde das wissenschaftliche Programm mit der immer wieder kontrovers diskutierten Thematik: „Teilprothetik versus Implantatgestützter Zahnersatz“ fortgeführt. Prof. Dr. Carlo Marinello, Basel, trat in seinem Vortrag dem Vorurteil entgegen, dass die Teilprothetik gegenüber der Implantation ein Auslaufmodell sei. Oft kann auf herausnehmbaren Zahnersatz selbst bei Einsatz von mehreren Implantaten nicht verzichtet werden, da der Gewebeverlust (Hart- und Weichgewebe) nach parodontalen Vorerkrankungen zu groß ist.

Weitere Argumente und Anregungen für die Entscheidungsfindung und Indikation einer Teilprothese im Gegensatz zu implantatgetragenem Zahnersatz hatte Prof. Asbjorn Jokstad, Toronto, in seinem Vortrag parat. Die Datenlage in der Fachliteratur sei auf diesem Gebiet sehr spärlich. Bestehen Kontraindikationen bezüglich einer Implantatbehandlung, wie bestimmte Allgemeinerkrankungen, schlechte Mundhygiene oder ungünstige Knochenmorphologie, ist die Entscheidung für eine Teilprothese naheliegend. Bei der individuellen Entscheidung für festsitzenden oder herausnehmbaren Zahnersatz sollten prinzipiell die drei Parameter „zahnärztlicher Befund, wissenschaftliche Evidenz und der Patientenwunsch” berücksichtigt werden, so Prof. Jokstad.

Im Hauptvortrag am Nachmittag stellte Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Hubertus Spiekermann, Aachen, das Implantat als zentrales Konstruktionselement in der prothetischen Therapie ins Rampenlicht. Als größte Errungenschaft für die zahnärztliche Implantologie bezeichnete er die Sinusbodenaugmentation, die seiner Meinung nach schon heute zum Standard gehört. Mit dem Hinweis, dass in Zukunft die Technik der Implantatinsertion durch 3D Navigation und „flapless-surgery“ derart vereinfacht wird, hielt Prof. Spiekermann ein Plädoyer für die Implantologie als zentralen Bestandteil und Element der zahnärztlichen Prothetik.

Die Vollkeramikbrücke als Versorgung der Zukunft stand als wissenschaftliches Thema für den Samstag auf dem Programm. Als Einstieg in das Tagungsthema gab Dr. Paul Weigl, Frankfurt, dem Zuhörer einen umfassenden Überblick über die derzeit auf dem Markt befindlichen Vollkeramiksysteme. Viele Verfahren haben eine gewisse Marktreife erlangt, obschon noch viel Entwicklungspotential in der Verarbeitung und der Bereitstellung der vorfabrizierten Industrie- Keramiken steckt. Das Laserschleifen scheint dabei in naher Zukunft eine weitere viel versprechende Entwicklungsstufe auf dem Weg zur Etablierung der Vollkeramiksysteme zu sein. Misserfolge beim Einsatz von Vollkeramikrestaurationen führte Dr. Weigl auf Verarbeitungsfehler des Werkstoffs Zirkonoxid oder dessen Unterdimensionierung bei der Gerüstherstellung zurück.

Dass die Vollkeramik in Labor und Praxis flächendeckend zur Anwendung kommt, bewiesen Zahntechnikermeister Hans-Peter Spielmann und Dr. Urs Brodbeck, Zürich, in ihrem gemeinsamen Vortrag. Ihr Fazit: Vollkeramikbrücken funktionieren nicht nur unter Studienbedingungen und an der Universität, sondern auch unter wirtschaftlichen Aspekten in der Privatpraxis!

Einen Schwenk in die Grundlagenforschung der Zirkongerüste machte Prof. Van Thompson, New York. Seinen Untersuchungen zu Folge liegt der Schlüssel einer verringerten Bruchanfälligkeit nicht in der Wahl des keramischen Werkstoffes oder der Gerüstdimension, sondern vielmehr müssen die Einsetzzemente an Festigkeit gewinnen, damit frakturverursachende Spannungen auf das Gerüst vermieden werden können.

Über die Vor- und Nachteile der Vollkeramikrestaurationen und den direkten Vergleich zu der alt bewährten VMK Brücke referierte Dr. Irena Sailer, Zürich. Das Problem der Vollkeramikgerüste liege in der Opazität und Transluzenz. Deshalb zielen die Untersuchungen der Referentin auf die Optimierung der Verblendmassen für Vollkeramikgerüste ab, die eine verbesserte Ästhetik zulassen.

Die letzten Unklarheiten über das Thema Vollkeramik konnten in der anschließenden Roundtablediskussion erlörtert werden. Die Vorteile der Vollkeramik liegen in der geringeren Temperaturleitfähigkeit und in Zukunft bei der Kostenersparnis gegenüber eines stetig steigenden Goldpreises. Zur Diskussion kam auch noch mal die Frage nach dem bevorzugten Befestigungszement. Angefangen bei der adhäsiven Befestigung, über Phosphatzement bis hin zur Verwendung von Glasionomerzement scheinen viele Möglichkeiten Erfolg versprechend zu sein.

Das wissenschaftliche Fazit

Vollkeramische Systeme sind auf dem besten Wege zur Langzeitbewährung, da schon bis zu siebenjährige klinische Daten existierten. Keramisches Denken und werkstoffgerechte Verarbeitung sind eine unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg.

Implantate sind mittlerweile bewährt und sollten zum Standardrepertoire des Prothetikers gehören. Planung, Ausführung und Versorgung von Implantaten sind Aufgaben der modernen prothetischen Rehabilitation, wobei für die Vorbereitung des knöchernen Fundamentes die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit einem (Oral-)- Chirurgen angestrebt werden sollte. Dabei steht nicht immer die festsitzende Versorgung im Vordergrund, sondern es kann schon hilfreich sein, wenn durch ein Implantat aus einer Freiendlücke eine Schaltlückensituation entsteht.

Teilprothesen gehören auch nach wie vor zum Standardrepertoire. Nicht immer sind die komplizierten und kostenträchtigen die besten Lösungen. Die Planungsaufgabe des Prothetikers liegt darin, für den jeweiligen Patienten das individuelle Optimum zu finden.

Jeder, der nicht teilgenommen hat, hat es versäumt, in so kurzer Zeit so kompetent einen Überblick über die drei Hauptthemen zu bekommen und „V.I.T.” für die Praxis zu werden, zumal alle Themen praxisnah abgehandelt wurden. Für die niedergelassenen Kollegen gab es zum ersten Mal auch einen Preis für die beste Fallpräsentation. Auch hier wurde deutlich, wie leistungsfähig die deutsche Prothetik selbst unter den Bedingungen der Gesundheitsreformen sein könne.

Alles in allem eine überaus gelungene Veranstaltung, die im nächsten Jahr in Bonn vom 03.bis 05. Mai 2007 ihre Fortsetzung unter dem Motto: „Simplify your Implantology“ finden wird.

Thomas Kindermann
Universitätsklinikum des Saarlandes
Klinik für Zahnärztliche Prothetik und
Werkstoffkunde, Gebäude 71.2
66421 Homburg/Saar
Thomas.Kindermann@uniklinikumsaarland.de


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