Befragung des Health Consumer Powerhouse – Gesundheit im Jahr 2020

Schöne neue Welt

Wie die medizinische Versorgungslandschaft in Europa in rund 15 Jahren aussehen wird, kann heute noch niemand exakt vorhersagen. Dennoch wagt sich ein europäischer Think Tank an ein Szenario. Demnach wird es so aussehen, dass die nationalen Gesundheitssysteme nur noch eine Minimalversorgung zu europaweit vergleichbaren Qualitätsstandards anbieten werden und den Bürgern ein Maximum an Informationen über Leistungen und Anbieter zur Verfügung steht. Gepuscht wird diese Entwicklung durch eine zunehmende Zahl von Patienten, die stärker in Entscheidungen über ihre Gesundheit einbezogen werden wollen

Grundlage für das Szenario sind die Antworten von 130 Patientenorganisationen aus 24 europäischen Staaten (alle EU-Länder mit Ausnahme von Malta). Sie hatte das Health Consumer Powerhouse (HCP) nach ihren Vorstellungen von einer Gesundheitsversorgung im Jahr 2020 befragt. Das HCP ist ein Verbund mit Niederlassungen in Brüssel und Stockholm, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, die europäischen Gesundheitssysteme aus dem Blickwinkel der Verbraucher unter die Lupe zu nehmen und Visionen aufzuzeigen. Die Ergebnisse wurden auf der Pfizer-Presseveranstaltung „The European Patient of Tomorrow“ vor kurzem in Brüssel vorgestellt.

„Der Einfluss der Patienten auf die Entwicklung der Versorgungslandschaft wird noch immer unterschätzt“, meint Johan Hjertqvist, Präsident des HCP. Seiner Ansicht nach müssen sich die Versorgungssysteme in Zukunft stärker an den individuellen Ansprüchen des Einzelnen orientieren. „Den Durchschnittspatienten gibt es nicht mehr“, sagt Hjertqvist. Daher benutzt er auch lieber den Begriff des Gesundheitskonsumenten, der wissen will, welche Leistungen er wo nachfragen kann und daraufhin weitgehend selbstbestimmt eine Auswahl trifft.

Glaubt man den Ergebnissen der Studie „Healthcare in 2020: a vision of the future“, so scheint die Reise tatsächlich in diese Richtung zu gehen. Knapp 60 Prozent der befragten Patientenorganisationen gehen zum Beispiel davon aus, dass es für Europäer im Jahr 2020 normal sein wird zu reisen, um die gewünschte Versorgung dort nachzufragen, wo sie angeboten wird – notfalls auch fern der Heimat. Ein weiteres Drittel hält dies immerhin noch für wahrscheinlich.

Antworten mit Vorsicht zu genießen

Die Frage, ob die Vertretungen ihren Patienten da nicht mehr Eigenverantwortlichkeit zutrauen, als sie tatsächlich besitzen (werden), ist natürlich rein hypothetischer Natur. Denn kein Mensch kann heute mit Gewissheit voraussagen, was in 15 Jahren sein wird. Deshalb sind die Antworten der Studie auch mit Vorsicht zu genießen.

Auf jeden Fall steht fest: Für alle 475 Millionen Bürger der Europäischen Union (EU) gilt die Annahme, sie reisten im Jahr 2020 auf der Suche nach der optimalen medizinischen Versorgung durch die Lande, sicherlich nicht. Vielmehr wird sich nur ein gewisser Teil der Bevölkerung in Bewegung setzen.

Der niederländische Dachverband der Vertretungen von Patienten mit Herz-Kreislauferkrankungen bringt auf den Punkt, welche Motive für den mobilen Patienten voraussichtlich die entscheidende Rolle spielen werden: „Menschen mit Krankheiten, die einer speziellen Behandlung bedürfen, sind bereit, auch ins Ausland zu gehen, wenn sie dort umgehend optimal versorgt werden können.“

Die gezielte Nachfrage nach bestimmten Leistungen, so eine weitere Schlussfolgerung der Studie, offenbart zwangsläufig auch Defizite in den einzelnen Systemen und wirkt sich folglich auf die zukünftigen nationalen Versorgungsstrukturen aus.

Drei Viertel der Befragten nehmen an, dass die gesetzlich finanzierten Systeme im Jahr 2020 nur noch die Grundversorgung sicherstellen werden. Mehr als die Hälfte glaubt zudem, dass über die Basisversorgung hinausgehende Leistungen entweder aus Steuermitteln oder mittels Zusatzversicherungen finanziert werden müssen. Gleichzeitig gehen 58 Prozent davon aus, dass innerhalb der nächsten 15 Jahre bei den Menschen die Bereitschaft wächst, sich eigenverantwortlich um ihr gesundheitliches Wohl zu kümmern.

Voraussetzung hierfür ist der Studie zufolge, dass die Behandlungsmöglichkeiten sowie die Qualität des Versorgungsangebots und der Leistungserbringer ausreichend transparent gemacht werden. Behörden, medizinischen Fachkräften sowie (zahn)ärztlichen Einrichtungen und Patientenorganisationen trauen die Befragten dabei am ehesten zu, seriöse Informationen bereitzustellen.

Dazu ein Vertreter einer englischen Patientenorganisation: „Ich bin sicher, dass das Informationsangebot weiter steigen wird. Das ist auch gut so, damit sich Patienten zum Beispiel über den vernünftigen Gebrauch von Antibiotika oder die Verwendung von Naturheilmitteln bei Erkältungen informieren können. Dennoch darf es nicht so weit kommen, dass sie im Zweifelsfall nicht mehr zum Arzt gehen.“

Das HCP zieht aus all dem den Schluss: Die Rolle des Staates in der Gesundheitsversorgung der Zukunft muss darin bestehen, einen Rechtsrahmen zu schaffen, der es den Bürgern erlaubt, sich jederzeit umfassend und seriös über unterschiedliche Therapieoptionen zu informieren und sich gegebenenfalls auch im Ausland behandeln zu lassen, wenn dies für eine optimale medizinische Versorgung erforderlich ist.

Petra Spielberg
Rue Colonel Van Gele 98
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