020. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung e.V. (DGZ)

Lebensstil und Zahngesundheit

Schon der programmatische Titel „Lebensstil und Zahngesundheit“ deutete an, dass die 20. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung e.V. (DGZ) enge disziplinäre Grenzen zu erweitern suchte. Sowohl zahnmedizinische Forschung als auch Praxis sollen – so die implizierte These – auf den gesellschaftlichen Wandel reagieren.

Aktuelle Probleme der Ernährung und ein durch hohe Mobilität geprägter Alltag erfordern entsprechende Betreuungs- und Behandlungsmethoden, wobei besonders die demographische Entwicklung Berücksichtigung finden muss. Folgerichtig stellte der Kongress über klassische Themen hinaus auch soziologische, sozialpolitische und kulturelle Befunde zur Debatte. Gerade in Zeiten hoher Spezialisierung seien interdisziplinäre Erkenntnisse hilfreich, um „Präventionsorientierung als Teil des Lifestyle-Managements“ umzusetzen, betonte Tagungspräsidentin Univ.-Prof. Dr. Brita Willershausen, Mainz, zur Begrüßung der Teilnehmer im Mainzer Schloss. Früherkennung von Zahn- und Zahnbetterkrankungen bei Einbeziehung von Aspekten der Verhaltensund Verhältnisprävention erhalten dabei künftig einen weiter steigenden Stellenwert. Die Tatsache, dass mit Dr. Sabine Ludt, Heidelberg, eine Allgemeinmedizinerin den Reigen der Hauptreferate eröffnete, demonstriert, wie ernst es den Veranstaltern mit einem erweiterten Ansatz war. So genannte Zivilisationskrankheiten, wie Herzund Kreislauferkrankungen, (Lungen-)Karzinom, Schlaganfall, Diabetes, Alkoholabusus, Fettleibigkeit und mehr, korrespondieren aufs engste mit dem Lebensstil des Einzelnen. Subjektiv erlebter Stress beeinflusse die gesundheitliche Lebensgeschichte negativ, während sozialer Rückhalt oder Optimismus die Widerstandsfähigkeit stärke. Basierend auf der breiten Akzeptanz von (Zahn-)Ärzten als primären Ansprechpartnern sei die Veränderungsbereitschaft des Einzelnen zu fördern. Wenn der behandelnde Praktiker zwischen salutogenen und pathogenen Faktoren beim Patienten unterscheide, seine Motivationslage im Spektrum von Absicht, über Vorbereitung zum Handeln und schließlich zur Festigung analysiere, könne aktives Gesundheitsverhalten nachhaltig gefördert werden. Auch wenn Rückfälle nie auszuschließen seien, so bliebe die Langzeitberatung sowie die direkte Kommunikation doch elementar.

Die Referentin arbeitete in ihrem Vortrag auch heraus, dass nicht nur das Verhalten des Einzelnen, sondern auch die Verhältnisse in denen er lebt bei den Anstrengungen zur Förderung des Gesundheitsverhaltens Berücksichtigung finden müssen.

Metabolisches Syndrom wird zum Massenproblem

Das Metabolische Syndrom im Blick fahndete Prof. Dr. Matthias M. Weber (Universität Mainz) nach dem dialektischen Verhältnis von Ernährung und Lebensstil. Wachsende Lebensdauer trotz zunehmender Übergewichtigkeit präge die Situation in hoch entwickelten Industrieländern. Zudem zeigten Untersuchungen einen dramatischen Anstieg von Diabetes. Die realistische Annahme, dass 40 Prozent der Deutschen von Diabetes mellitus oder Prädiabetes betroffen sind, lässt auf expansive Risiken, insbesondere bei Gefäßkrankheiten, schließen. Wenn Fettleibigkeit mit Insulinresistenz korrespondiert spricht man vom Metabolischen Syndrom, das schon in Kindheits- und Jugendalter diagnostiziert werden kann und dessen Häufigkeit bis zum Alter kontinuierlich wächst. Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Alkoholkonsum und Rauchen erhöhen das Risiko über genetische Veranlagungen hinaus. Die statistisch ausgewiesenen Fälle des Diabetes Typ 2 bezeichnete Prof. Weber als „Spitze des Eisbergs“. Früherkennung helfe, rechtzeitig mit der Behandlung zu beginnen. Veränderte Lebensführung, gegebenenfalls im Verbund mit einer gezielten Medikation als Erfolg versprechende Strategien setzten voraus, dass das Schlagwort „Lifestyle-Medizin“ ernst genommen werde.

Lebensstil und Mundgesundheit

Prof. Dr. Brita Willershausen, Mainz, sah es als Zeichen der Globalisierung, dass Fast Food Produkte „nahezu alle Bevölkerungsgruppen der europäischen Gesellschaft“ eroberten. Sind in den USA schon über 50 Prozent der Erwachsenen und mehr als ein Viertel der Kinder übergewichtig oder adipös, so sind in Deutschland ähnliche Tendenzen verifizierbar. Untersuchungen zeigen, dass diese Essgewohnheiten Defekte der Zahnsubstanz begünstigen. Gerade der regelmäßige Konsum von säurehaltigen Softdrinks (vermeintlich gesunde Fruchtsäfte einbezogen) leiten Schmelzerosionen und kariöse Läsionen ein, mitunter trotz guter Mundhygiene. Zukünftige Präventionsprogramme hätten diesem Zusammenhang zwischen Übergewicht und Karieshäufigkeit Rechnung zu tragen. Beratung in der Zahnarztpraxis müsse also allgemeinmedizinische und ernährungswissenschaftliche Aspekte einbeziehen.

„Mundgesundheit als Abbild des Lebensstils, Mundhygiene als Teil desselben“: Prof. Dr. Christof E. Dörfer, Kiel, plädierte nicht allein mit dieser bilanzierenden These dafür, die individuelle Charakteristik eines Patienten gegenüber dem allgemeinen Krankheitsbild aufzuwerten. So entspreche zum Beispiel das subjektive Empfinden, wie lange Zähne geputzt werden, keineswegs der tatsächlichen Dauer. Im Verlauf seines Vortrages ging Prof. Dörfer auch auf aktuelle Empfehlungen zum Gebrauch von Mundhygienehilfsmitteln und deren Akzeptanz durch die Bevölkerung ein. Selbst Menschen, denen zum Beispiel der Nutzen von Interdentalbürsten bekannt sei, verzichten auf diese wichtigen Hilfsmittel, da sie in Aufklärungskampagnen zu wenig thematisiert würden. Aufgabe des praktizierenden Zahnarztes sei es also, der Ist-Analyse konkrete Aufklärung folgen zu lassen. Was die Zahnbürste betrifft, so sah Prof. Dörfer auf Grund nur minimaler Unterschiede im Wirkungsgrad keine Notwendigkeit, bestimmte Produkte anzuraten. Im Rahmen der Interdentalraumhygiene sei allerdings ein Umdenken dringend notwendig. So seien Interdentalbürsten, zum Teil in neuen Modifikationen, der Zahnseide oder dem Zahnholz oft vorzuziehen. In den meisten Fällen sei ein individuelles Mundhygienetraining – nicht zu verwechseln mit professioneller Zahnreinigung – unabdingbar. Persönliche Beratung und Instruktion allein seien nicht ausreichend.

Die jungen Alten und die alten Alten

Die Lebensqualität im Alter schwanke zwischen „Last und Lust“, so drückte es Prof. Dr. Andrea Kruse, Heidelberg, in ihrem Beitrag aus. Einerseits halten sich zwar Über-Sechzigjährige im Schnitt für 10,1 Jahre jünger als sie in Wahrheit sind, doch werteten Hochbetagte ihr Alter als Gnade, trotz eingeschränkter Möglichkeiten. Mit Viktor von Weizsäcker sah Kruse „Gesundheit nicht als Kapital, das man aufzehre“. Sie sei vielmehr „dort vorhanden, wo sie in jedem Augenblick des Lebens neu erzeugt“ werde. In dem Prozess, Wohlstandskrankheiten zum Trotz subjektives Wohlbefinden zu mehren, spielten Ärzte eine entscheidende Rolle. Insbesondere die aktive Rolle des Patienten könne gestärkt werden. Die zurzeit relativ gute materielle Ausstattung von Rentnern erlaube, diese Bevölkerungsgruppe zahnärztlich auch hochwertig zu versorgen. Allerdings belastet die demoskopische Entwicklung zunehmend die Kostenträger-Systeme. Im vierten Lebensalter (ab 85 Jahre) wächst die Wahrscheinlichkeit der Pflegebedürftigkeit, so dass die stationäre Altenhilfe als Ort zahnärztlichen Engagements aufzuwerten sei. Präventionspotentiale würden unterschätzt, Zahnerhaltenden Therapien müsse mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Prof. Dr. Thomas Kocher, Greifswald, sah nach neuesten bevölkerungsbezogenen Studien bezüglich der markantesten Erkrankungen bei älteren Menschen (chronische Herzleiden, Bronchitis, Diabetes, Gefäßkrankheiten) kaum relevante Bezüge zur Mundgesundheit. Eher erhöhe sich das Risiko bei jüngeren Erwachsenen: Ausgeprägte Parodontitis stünde in gewisser Relation zu AK-Erkrankungen. Auch chronische Entzündungen seien bei Jüngeren häufiger. Bezüglich der Invasivität zahnärztlicher Eingriffe plädierte der Referent dafür, die Optionen des Zahnerhalts auch bei älteren Menschen stärker auszuschöpfen

Zahnerhaltung im höheren Lebensalter

Schon heute leben in Deutschland mehr Über-Sechzigjährige als Menschen unter zwanzig, stellte Prof. Dr. Christoph Benz, München, fest. Nur eine „neue Sicht“ verhindere, dass die Mehrheit ins Abseits gerate.

Gute Pflege korreliere mit der rapiden Abnahme von Lungenkrankheiten. Siebzig Prozent weniger Zähne seien zu extrahieren. Das Alter sei eben kein „Elendsgebiet“, das mit der „Sterbebegleitung für Zähne“ Hand in Hand gehe. Weil aber die Prophylaxekenntnisse nicht gleich bleiben, helfe nur Aufklärung weiter. Aktionen für Senioren („Gesund im Mund, wir auch“) zeigten Erfolge. Als Zielgruppe entdeckt werden sollte auch Pflegepersonal in stationären Einrichtungen. Um dem dualen Konzept von Vorbeugen und Behandeln zum Durchbruch zu verhelfen, gelte es, weniger auf Notfallversorgung denn auf „mobile Prophylaxe“ zu setzen, so Benz. Dr. Esther Hofer, Zürich, wies auf Besonderheiten der Restaurativen Versorgung älterer Menschen hin. Dabei müsse unter anderem berücksichtigt werden, dass Dichte und Elastizität der Zahnsubstanz im Alter abnähmen. Auch die Oberflächenstruktur sei in manchen Fällen problematisch. Trotz verschiedener Vorschäden (wie durch falsche Ernährung, Medikamente oder Prothesen) stehe der Schutz vorhandener Zähne immer im Vordergrund. Wurzelkanalfüllungen und Zahnaufbau wären auch im Alter möglich, doch sei neben finanziellen Grenzen auch die individuelle „Zumutbarkeit“ zu beachten.

Privatdozentin Dr. Claudia Barthel, Düsseldorf, konkretisierte diverse aktuelle Möglichkeiten der Endodontologie. Insgesamt wertete sie die Erfolgsaussichten als äußerst positiv, auch bei gut eingestellten Diabetes-Kranken. Schwierigkeiten bereiteten mitunter anatomische Gegebenheiten. Bei von Demenz, Parkinson oder Alzheimer Betroffenen riet Barthel an, den Behandlungsplan mit Familienangehörigen durchzugehen. Eine erhaltende Sanierung scheitere mitunter an materiellen Möglichkeiten, so dass reduzierte Behandlungsziele ins Auge gefasst werden müssten.

Nächster Termin

Die nächste Jahrestagung der DGZ wird vom 22. bis 24. November 2007 in Düsseldorf stattfinden.

PD. Dr. Susanne Gerhardt-Szép
Generalsekretär der DGZ
Poliklinik für Zahnerhaltungskunde
Johann-Wolfgang Goethe-Universität
Frankfurt am Main
Theodor-Stern-Kai 7
60596 Frankfurt am Main
S.Szep@em.uni-frankfurt.de

Achim Schiff
Friedrich-Ebert-Str. 50
55276 Oppenheim

 

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