Doping im Leistungssport

Schneller, höher, weiter

Jan Ullrichs Ausschluss von der Tour de France gab den Anstoß. Seitdem lodert sie wieder, die Doping-Debatte. Öl ins Feuer war auch der positive Befund von Toursieger Floyd Landis. Die Diskussion ist vielschichtig und berührt rechtliche, ökonomische, ethische und medizinische Aspekte.

Der Kampf gegen den Pharmabetrug im Sport ist alt. Schon 1928 verbot der Internationale Leichtathletikverband Doping mit Stimulanzien. Doch das Problem blieb aktuell. Ende der 70er schrieb die Medizinerin Christa Schneider-Grohe in einem Lehrbuch für Sportmedizin: „Das von Offiziellen gezeichnete Bild eines sauberen Sports steht in eklatantem Widerspruch zu dem tatsächlich bestehenden verheerenden Unwesen der künstlichen Leistungssteigerung.“

Das Jahr 2006 wartet mit neuen Skandalen auf: Den Anfang machte die Sperre für die österreichischen Langläufer und Biathleten bei der Olympiade. Vorläufige Höhepunkte sind die Fälle Ullrich, Landis und die der amerikanischen Leichtathleten Justin Gatlin und Marion Jones. Das Streben nach einem dopingfreien Sport scheint ein Kampf gegen Windmühlen zu sein. In der laufenden Debatte hört man so selten das Wort Prävention. Stattdessen geht es hauptsächlich um rechtliche Maßnahmen, mit denen man die Täter leichter fassen kann.

Sport und Staat

Im Arzneimittelgesetz (AMG) gibt es bisher einen einzigen Paragraphen, mit dem Doping strafrechtlich verfolgt werden kann. Er betrifft Personen, die mit verbotenen Substanzen handeln oder sie Dritten verabreichen. Der Besitz oder der Eigengebrauch von Dopingmitteln bleibt von dieser Regelung unberührt. Das ist nicht ausreichend, fand die Rechtskommission des Sports gegen Doping (ReSpoDo) und forderte 2004 in einem Gutachten schärfere Strafgesetze. „Dazu gehört die Aufnahme des gewerbsund bandenmäßigen Dopinghandels mit höheren Strafen, ferner die Einführung der Strafbarkeit des viel leichter als der Handel nachweisbaren Besitzes von klar definierten Dopingsubstanzen“, schrieb der ehemalige ReSpoDo-Vorsitzende Markus Hauptmann kürzlich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). Sein Standpunkt: Nur wenn Sportler endlich vorgeladen und verhört werden können, lassen sich Dopingnetzwerke effektiv aufspüren und zerschlagen.

Einwände gegen diese Argumentation erhebt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB). Er plädiert für ein zweigleisiges Vorgehen: Athleten sollen weiterhin nur sportrechtlich belangt werden, also mittels Dopingkontrollen und Wettkampfsperren. Für ihr Umfeld – dazu gehören Ärzte, Trainer und Betreuer – sollen dagegen schärfere Strafgesetze erlassen werden. „Das Urteil eines deutschen Amtsgerichts, gefällt nach langwierigen Ermittlungen (...), ist international – wenn überhaupt – nur schwer durchsetzbar“, begründete der DOSB-Vorsitzende, Dr. Thomas Bach, ebenfalls in der FAZ. Sanktionen internationaler Sportverbände und -gerichte, zum Beispiel Startverbote, wirkten jedoch sofort und träfen die Sportler viel härter.

Internationaler Wächter

Um den Kampf gegen Doping international zu koordinieren, wurde 1999 die Welt-Antidoping-Agentur (WADA) gegründet. Sie arbeitet mit den internationalen Sportfachverbänden zusammen, um etwa Dopingkontrollen während des Trainings und bei Wettkämpfen zu koordinieren. Zu diesem Zweck unterhält die Organisation weltweit 28 Labore (unter anderem in Köln), die Urin- und Blutproben von Sportlern untersuchen. Zurzeit erschweren nationale Unterschiede bei Sportgerichtsverfahren, Strafmaß und bei den verbotenen Substanzen das gemeinsame Vorgehen. Die Weiterentwicklung eines weltweit gültigen Antidopingcodes und die Harmonisierung der Gesetzeslage zählt daher außerdem zu den Aufgaben der WADA.

In Deutschland hilft die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) in Bonn dabei, diese Ziele zu erreichen. Als unabhängige Stiftung ist sie unabhängig von Sportverbänden, Wirtschaft und Staat. Ihrer Handlungsfähigkeit sind finanziell jedoch Grenzen gesetzt: So wurden bei der Gründung der NADA im Jahr 2002 als Startkapital ursprünglich zwischen 60 und 100 Millionen gefordert – zusammengekommen sind jedoch nur etwa 6 Millionen. Zum Vergleich:

In Frankreich liegen die Ausgaben für die Dopingbekämpfung rund zehnmal höher als in Deutschland.

Ruhm und Geld

Für den Showdown der beiden schnellsten Männer der Welt war schnell ein Name gefunden: „The Match“. Die Akteure: der Jamaikaner Asafa Powell und Justin Gatlin aus den USA. Beide hatten die 100 Meter in 9,77 Sekunden geschafft. In diesem Sommer sollte ein Wettkampf endgültig entscheiden, wer der Beste ist. Für potenzielle Veranstalter des Laufs kein Schnäppchen: Mindestens 200 000 Euro sollte es kosten, die beiden Sprinter an den Start zu bringen. Die Dopingaffäre um Gatlin hat allen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

„The Match“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie das System des modernen Leistungssports nach Ansicht des Soziologen Uwe Schimank funktioniert. Laut dem Hagener Wissenschaftler bewegt der sich heute vor allem zwischen zwei Polen: Ruhm und Geld. Athleten müssen es schaffen, innerhalb weniger Jahre Erfolg zu haben. Der Wille, über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen, treibt sie an. Auch der Druck von außen ist groß. Trainer und Sponsoren erwarten hervorragende Leistungen, Medien und Fans wollen spannende Wettkämpfe. Dazu gehören sensationelle Ergebnisse. Schimank nennt das die „gnadenlose Sieges-Logik“.

Ein ähnliches Fazit zieht auch der Sportökonom Frank Tolsdorf von der Uni Witten/Herdecke. Für ihn ist der „saubere Sport“ ein Marketinginstrument – und ein Mythos. „Heutzutage sind alle Sportler austrainiert. Den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage macht oftmals das Dopingmittel“, erklärt er. Für den Wissenschaftler steht daher fest: Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Einen „sauberen“ Leistungssport wird es nicht mehr geben.

Anabolika bis EPO

Die Grundlage des Dopings widerspricht allen ärztlichen Prinzipien: Gesunde Menschen nehmen Medikamente, die sie nicht brauchen. Gefährlich, wie Dr. Andrea Gotzmann vom Dopinglabor am Institut für Biochemie der Sporthochschule Köln findet: „Jede Wirkung hat auch eine Nebenwirkung. Welches Risiko der Medikamentenmissbrauch für ihre Gesundheit bedeutet, verdrängen die Athleten aber einfach – so wie das auch Raucher tun.“

Mit Abstand am häufigsten verwenden Sportler synthetische anabole Steroide (Anabolika), wie Nandrolon, oder körpereigene, wie Testosteron. Laut WADA-Statistik waren 2005 etwa 43 Prozent aller positiven Proben auf Anabolika zurückzuführen. Gotzmann erklärt die Häufigkeit damit, dass Anabolika relativ billig sind. Ihre Wirkung: Sie fördern das Wachstum der Muskulatur, verbessern die Regenerationsfähigkeit und erhöhen das Autoaggressionslevel – geben also im entscheidenden Moment den richtigen Kick. Zu den Gesundheitsgefahren gehören Herz- und Leberschäden, Herzinfarktrisiko, Potenzstörungen oder Aggressivität. Gut für die Dopingfahnder ist, dass Anabolika sich leicht nachweisen lassen. Floyd Landis wurde das zuletzt zum Verhängnis: Sein Testosteronwert lag zu hoch.

Jan Ullrich wird Blutdoping vorgeworfen. Ziel dieser Methode ist die bessere Sauerstoffversorgung des Organismus. Dazu wird dem Sportler am Ende eines Höhentrainings – wo durch die Sauerstoffarmut der Luft die Bildung zusätzlicher Erythrozyten angeregt wird – Blut entnommen und kurz vor dem Wettkampf wieder zugeführt. Ende der 80er Jahre wurde das aufwendige Blutdoping durch synthetisch hergestelltes Erythropoietin (EPO) abgelöst. Dieses in der Niere produzierte Hormon ist ein wichtiger Baustein für die Bildung der roten Blutkörperchen. Durch eine EPO-Injektion wird also auf einfachere Weise der gleiche Effekt wie beim Höhentraining erzielt. Seit dem Jahr 2000 kann das Hormon jedoch mit einem Standardverfahren nachgewiesen werden. Athleten satteln laut Gotzmann seitdem wieder auf das ursprüngliche Blutdoping um.

Neue Methoden, wie das Gendoping – wobei menschliche Zellen so verändert werden, dass zum Beispiel Muskeln schneller wachsen – sind ständig in Entwicklung. Für den Ökonomen Tolsdorf helfen hier als Gegenmittel nur klare Sanktionsandrohungen: „Gendoping und andere Methoden sind kaum nachweisbar. Allerdings sollte es möglich sein, durch wirklich effektive Kontrollen die Kosten des Dopings für den Sportler zu erhöhen. Kosten in der Weise, dass die Wahrscheinlichkeit des Entdecktwerdens relativ hoch liegt.“

Viel hilft auch viel

Ein Kernproblem des Doping ist die Polymedikation, denn meistens nehmen Sportler nicht nur ein Medikament. Der Mix aus legalen und illegalen Mitteln kann den Organismus schwer belasten und das Immunsystem beeinträchtigen. In letzter Instanz geht das auch zu Lasten der Leistungsfähigkeit. Auch Tod kann als Folge nicht ausgeschlossen werden. Als beispielsweise die Sprintweltrekordlerin Florence Griffith-Joyner 1998 im Alter von nur 38 Jahren starb, vermuteten viele dahinter Spätfolgen des Dopings – auch wenn die Amerikanerin dessen nie überführt worden war. Trotz solcher Fälle weiß Andrea Gotzmann: „Beim Doping scheinen die Sportler zu denken: Viel hilft auch viel. Das ist aus ihren Köpfen einfach nicht wegzukriegen.“


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