Hochstapler in Medizin und Zahnmedizin

Der Wolf im Schafspelz

Der Beruf des Arztes/Zahnarztes ist seit jeher attraktiv für Hochstapler: Der Nimbus des Halbgotts in Weiß befriedigt narzisstische Motive, der zu erwartende Gewinn an Status und Ansehen ist erheblich. Hier eine historischaktuelle Übersicht über interessante Fallbeispiele aus dem Medizinerberuf.

Es haben sich in Vergangenheit und Gegenwart immer wieder Männer und Frauen gefunden, die mit geringer oder nonexistenter medizinischer Vorbildung, gepaart mit frechem Wagemut, Patienten und Kollegen etwas vorgemacht haben. Einige sind in der Öffentlichkeit sehr bekannt geworden, andere haben stillere „Formen des Abgangs” vorgezogen. Besonders krasse Ereignisse, wie der Fall eines Engländers, der als falscher Zahnarzt Patienten regelrecht misshandelte und unter anderem ohne Betäubung bohrte, beschäftigen die Medien und Gerichte [9]. Fast immer hatten Hochstapler ein Medienecho, bei dem Staunen, Neid, Bewunderung überwogen und das Rechtsgefühl „hier muss hart durchgegriffen werden” einen kleineren Anteil hatte, zum Teil unter erheblicher Missachtung des angerichteten Schadens bei Dritten.

Sehr beachtenswert sind die Auswirkungen von Hochstaplern auf Zahnärzte / Humanmediziner. Sie stellen manches in Frage, was wir als selbstverständlich anzunehmen geneigt sind. Sie demaskieren die mit ihnen befassten Vorgesetzten und teilweise auch Kollegen schmerzlich, noch schlimmer – sie halten den ehrlich approbierten Medizinern einen Spiegel vor, in den hineinzuschauen sich der „aufrechte Medicus” wehrt. Insbesondere die bei Patienten besonders erfolgreichen Hochstapler-Ärzte werfen ja die Frage auf, ob soziale Geschicklichkeit am Ende gar wichtiger für eine Medizinerkarriere ist, als solides medizinisches Wissen oder das alles entscheidende handwerkliche Geschick des Zahnarztes.

Formen der Hochstapelei

So vielfältig wie die beteiligten Personen, so abwechslungsreich sind auch die Formen der Hochstapelei. Manche bedienen sich nur gelegentlich ihres ärztlichen „Alias”, etwa zur Überbrückung finanzieller Unpässlichkeit, wie der später berühmte Karl May. Der Schöpfer von Winnetou gab sich im Sommer 1864 mit 22 Jahren als Augenarzt mit dem ausgefallenen Namen Dr. Heilig aus und ließ sich, obwohl völlig mittellos, vom Schneider standesgemäß einkleiden. Später wurde er für diese und drei weitere Taten zu vier Jahren und einem Monat Arbeitshaus verurteilt [16].

Manche sind nacheinander an verschiedenen Arbeitsstellen tätig, wie ein 28-jähriger Arbeitsloser aus Österreich, der sich als Zahnarzt ausgab und für diverse Kollegen Urlaubsvertretungen machte [11]. Für viele Hochstapler ist der Arztberuf nur einer von mehreren falschen Berufen und Titeln, mit denen sie sich schmücken: beispielsweise für den falschen „Fürst zu Sayn-Wittgenstein zu Berleburg”, der im Jahre 2005 monatelang die feine Düsseldorfer Gesellschaft narrte. Der verurteilte Urkundenfälscher hatte sich mal als Polizist, mal als Arzt ausgegeben, letztlich aber als falsche „Hoheit” in Nobelhotels residiert.

Von Karl May bis Gert Postel

Ganz anders dagegen der 59-jährige Friseur, der fast 20 Jahre als falscher Arzt in Oberbayern praktizierte. Nachdem er sich mit gefälschten Dokumenten eine Approbation erschlichen hatte, war er Assistenzarzt, Kassenarzt, Badearzt, später dann sogar als Chefarzt einer Kinder-Rehaklinik tätig [17]. Nachdem sein Schwindel aufflog – immerhin nach 20 Jahren quasi ärztlicher Tätigkeit – wurde er vom Landgericht Traunstein zu drei Jahren Haft verurteilt.

Mehrjähriges Praktizieren falscher Ärzte ist keine Seltenheit, nimmt doch die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, im Laufe der Zeit immer mehr ab, weil alle einen für den akzeptieren, den sie schon so lange als den Herrn Doktor kennen.

In einer Analyse von 47 Hochstaplern hatten mindestens 22 ihre Praxis für mehr als ein Jahr ausgeübt. [6]. In Florida wurde im März 2006 ein falscher Zahnarzt verhaftet, der über ein Jahr lang tätig war [10]. Ein besonders hartnäckiger Betrüger hatte sich in den USA trotz mehrfacher Verurteilung immer wieder in einem anderen Bundesstaat niedergelassen, und so fast 30 Jahre diverse Arztpositionen inne gehabt.

Hier zu Lande besonders bekannt wurde Gert Postel, der ebenfalls mehrere falsche Identitäten hatte (unter anderem falscher Seminarist, Jurist und mehr) aber mit gefälschten Papieren jahrelang als Oberarzt in Sachsen praktizierte. Nach seiner Enttarnung stellte sich heraus, dass man ihn sogar nachdrücklich aufgefordert hatte, sich als Chefarzt zu bewerben [15].

Während es bei Postel vermutlich Geltungsdrang und finanzielle Motive waren, lagen bei anderen Fällen sexuelle Motive vor. Mal hatte sich ein 60-jähriger pensionierter Lehrer als Gynäkologe ausgegeben, führte intime Untersuchungen durch und filmte sein Tun noch mit versteckter Kamera. Mal hatte ein vorbestrafter Sexualstraftäter in 2005 als angeblicher Arzt im Landkreis Anhalt/Herbst sexuell getönte Einstellungsuntersuchungen bei Jugendlichen unternommen. Durch den Film „Catch me if you can“ besonders bekannt wurde die Biografie des Hochstaplers Frank Abagnale [1]. Ohne irgend ein medizinisches Vorwissen wurde er Oberarzt einer Abteilung für Kinderheilkunde an einem Krankenhaus in Georgia und behielt diese Position ganze elf Monate lang. Später nahm er andere falsche Identitäten an, etwa als College-Dozent oder als Anwalt.

Nicht nur Stellen in Krankenhäusern oder in Praxen streben Hochstapler an, auch in staatlichen Posten und im medizinischen Dienst der Armee können sie mit Bluff und Dreistigkeit bestehen. Eine der bekanntesten wahren Begebenheiten hierzu ist die Geschichte von Ferdinand Waldo Demara. Nachdem er mehrere andere falsche Rollen angenommen hatte, konnte er schließlich auf einem Zerstörer der Canadian Navy während des Koreakrieges arbeiten. Als solcher führte er zahlreiche Operationen durch, ohne entdeckt zu werden. Wie bei den meisten Hochstaplern ereignete sich die Enttarnung durch einen Zufall.

Der falsche „Dr. Joseph Cyr” wurde in einer kanadischen Zeitung lobend von einem Kriegsberichterstatter erwähnt. Als man daraufhin dem Kapitän des Zerstörers die Botschaft vom „falschen Schiffschirurgen” kabelte, weigerte sich dieser, ihr zu glauben, zu überzeugt war er von der Identität des angeblichen Dr. Cyr. Auch diese Ereignisse wurden verfilmt.

In den hier genannten Fällen haben ausschließlich Männer als falsche Zahn-/Ärzte gearbeitet. Bei dem kürzlich in England entdeckten Fall, hatte eine Zahnärztin allerdings den Schwindel ihres Mannes wissentlich gedeckt.

Weitere Beispiele und Formen der Hochstapelei finden sich in der Tabelle .

Risikobereitschaft und die Motive der falschen Ärzte

Liest man die Berichte von Menschen, die sich als Mediziner ausgaben, ohne eine entsprechende Qualifikation zu haben, finden sich interessante Motive. An erster Stelle stehen nicht die finanziellen Motive, obgleich sie auch eine Rolle spielen. Vielmehr geht es zahlreichen Hochstaplern um die Erfüllung eines unter Umständen seit der Jugend gehegten Traumes, wie etwa Karl May. Die Größe und Macht, die dem Arzt eigen waren (und augenscheinlich heute nur noch in geringerem Umfang bestehen) faszinierten manche Menschen schon lange: im Operationssaal stehen, Herr über Leben und Tod zu sein, das Vertrauen der Menschen in sehr einzigartiger Weise zu haben, ja zu genießen. Das kann ein mächtiges Glücksgefühl, etwas einzigartig Befriedigendes haben, was wir von Zeit zu Zeit ja auch als reguläre Ärzte erleben dürfen. Freilich, während der normale Arzt sich dafür lange Jahre abplagen, mühen (und auf dem Weg dorthin so manches an Verzicht, Ausbeutung zum Teil auch Demütigung ertragen) muss [12], wollen Hochstapler diese Mühe nicht auf sich nehmen.

Frei nach dem Motto – lieber gleich an die Spitze – geben sie vor, jemand zu sein, der sie nicht sind. Die narzisstische Belohnung soll möglichst kurzfristig erreichbar sein! Interessant, dass nicht selbstsichere Zahnärzte und Ärzte mit gültiger Approbation manchmal glauben, dass sie eigentlich Hochstapler seien [14].

Für manche Hochstapler reicht die Befriedigung, Arzt zu sein nicht aus, sie müssen sich als solche noch hervortun. Mehrere falsche Ärzte hatten Fortbildungen für Kollegen angeboten, Prüfungen abgenommen, waren im Fernsehen als Experten aufgetreten, oder als Spezialisten auf Kongressen.

Für den Hochstapler, der in einer Baseler Schwerpunkt-Drogenpraxis jahrelang mitgearbeitet hatte, wurde seine Fortbildungstätigkeit zum Verhängnis, weil ihn jemand aus dem Ärztepublikum erkannte. Offensichtlich muss die Spannung immer wieder mal gesteigert werden. Für manche ist zudem das Spiel der Täuschung, das „so tun als ob“ ein erheblicher Reiz. Wird das Spiel zu mühsam oder anstrengend, wird es dann auch schnell wieder verändert.

Bei einigen Hochstaplern dürfte auch eine Motivation bestehen, das System von innen bloß zu stellen – also die Titelgläubigkeit, die Beschränktheit der Menschenkenntnis bei leitenden Direktoren, die Inkompetenz von Behörden möglichst öffentlich zu blamieren. Keine Frage, dass dies auch eine innere Befriedigung gibt, hiervon nährt sich unter anderem der Enthüllungsjournalismus, nur ist der Hochstapler eben kein Weltverbesserer oder Humanist von Herzen. Insofern haben solche pseudoaufklärerischen Selbstdarstellungen wie die von G. Postel auch etwas im Nachhinein Erfundenes und Aufgesetztes. Bei mehreren Männern ging es zentral auch um sexuelle Motive, also um den geplanten Missbrauch von Patientinnen und auch Patienten. Diese fallen in der Regel aber sehr schnell auf und werden von ihren Opfern angezeigt.

So etwa ein 56-jähriger Franzose, der als falscher Arzt mehrere Männer belästigte und vom Gericht in Nevers/Burgund 2003 zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Finanzielle Motive bestehen natürlich auch, und in Einzelfällen haben die HochstaplerÄrzte über Jahre erhebliche Summen verdient, die sie nach der Enttarnung und Verurteilung dann zurückzahlen müssen. In Österreich hatte ein Arbeitsloser seine schmale Kasse durch Urlaubsvertretungen als falscher Zahnarzt aufgebessert. Bezeichnend für die Dreistigkeit, die Hochstapler aufweisen, ist die Tatsache, dass sie diese Rückzahlung der immerhin unter Falschangaben zustande gekommenen Lohnzahlungen per Rechtsweg noch zu verhindern versuchen anstatt Ruhe zu geben und zu akzeptieren, dass ihre Gaunerei aufgeflogen ist.

In einem solchen Fall klagte ein angeblicher Gynäkologe, der in München viele Jahre in der Uniklinik der TU München gearbeitet hatte, bis zum Bundesarbeitsgericht. Seine Argumentation, sein Gehalt behalten zu dürfen: es sei auf Grund langjähriger Beschäftigung ein so genanntes faktisches Arbeitsverhältnis entstanden, ungeachtet der arglistigen Täuschung des Arbeitgebers. Das BAG verurteilte ihn trotzdem zur Rückzahlung der Arbeitsvergütung [BAG 5 AZR 592/03].

Charaktereigenschaften der medizinischen Täter

Die psychische Grundausstattung eines Hochstaplers ist gekennzeichnet durch: Dreistigkeit gepaart mit Schlagfertigkeit, soziales Geschick, insbesondere beim Lügen, sowie überdurchschnittliche Fähigkeiten in der Manipulation von Menschen. Der im Film „Catch me if you can” porträtierte Frank Abagnale antwortete auf die Frage, wie er es fünf Jahre geschafft hatte, als Pan Am Pilot, Oberarzt und Anwalt ohne die nötigen Qualifikationen durchzukommen: „Dreistigkeit – pure Dreistigkeit.” Diese ist so unglaublich, dass normale Menschen eher glauben, die Person vor ihnen sei im Recht und sie selbst hätten sich geirrt, als so tolldreiste Lügen für möglich zu halten. Als ein FBI-Beamter eine „Gemeinschaftspraxis” von drei Personen nach fünfjährigem Bestehen in Washington schließen wollte – die angeblichen Ärzte waren lediglich Mechaniker – erwirkten diese eine richterliche Verfügung, die ihnen gestattete, bis zum endgültigen Urteil in der Hauptverhandlung weiter zu praktizieren [6]. Auf so etwas muss man erst mal kommen!

Lügen und Fälschen gehörten dazu, denn ohne eine „getürkte Approbation” bekäme ja niemand eine Stelle. Die Methoden dabei sind teilweise so geschickt, dass Original und Fälschung schwer auseinanderzuhalten sind. In einem Fall in Österreich brach ein Arbeitsloser in eine Zahnarztpraxis ein, entwendete den Zahnarztausweis und bewarb sich dann damit an der Wiener Zahnklinik und in verschiedenen Praxen als Urlaubsvertretung. In Bayern hatte der Friseur, der als Doktor über 20 Jahre lang dort praktizierte, seine Urkunden gefälscht und damit die bayrische Ministerialbürokratie düpiert.

Ein mehrfach vorbestrafter Betrüger, Robert Barnes, bewarb sich 1995 in Los Angeles als Arzt. Er wurde mit einem hohen Gehalt eingestellt und untersuchte etwa ein Jahr lang viele FBI-Beamten und beurteilte ihre Arbeitsfähigkeit! Die entsprechende Klinik hatte gegenüber ihren Patienten geworben mit: „dem hocherfahrenen, ärztlichen Mitarbeiterstab” [7].

Soziales Geschick haben zwar nicht alle Ärzte aber sehr viele Hochstapler. Intuitiv erkennen sie, wie der Patient, wie der Kollege oder Vorgesetzte am Geschicktesten zu manipulieren ist, ob durch Drohung / Einschüchterung, durch Servilismus, Anbiedern oder irgendeine andere Maske.

Ein ärztlicher Kollege, der mit einem damals noch nicht entdeckten Hochstapler beruflich zu tun hatte, äußerte sich wie folgt: „Der war so überzeugend, im Traum wäre ich nicht auf die Idee gekommen, den für falsch zu halten.”

G. Postel macht in seinem Buch „Doktorspiele” detaillierte Aussagen dazu, wie er sich auf Vorstellungsgespräche vorbereitete, wie er Farbskala, Kleidung, Auto, Stimme, Selbstaussagen auf maximale Wirkung hin optimierte. Diese Stimmigkeit bis in die Nuancen hinzubekommen, ist Teil der erfolgreichen Maskierung, die ja ähnlich auch im Theater oder bei Verbindungsmännern der Polizei beziehungsweise im Geheimdienst gebraucht und trainiert wird.

Folgen für Hochstapler und Betroffene

Ob nun nach wenigen Tagen oder erst nach zwanzig Jahren, irgendwann reißt das Netz der Täuschung und der vermeintliche Herr Doktor wird als Hochstapler enttarnt. Es ist spannend, wie vielfältig das Leben hier spielt. Da verliert der eine sein Portmonee, in dem ein Ausweis auf den anderen Namen liegt, beim anderen schöpft ein Zahnarzt Verdacht, dass mit seinem jungen Assistenten etwas nicht stimmt. Beim dritten beschwert sich ein Patient und fragt bei der Ärztekammer nach, wie bei dem Mann, der in Rom 20 Jahre lang operiert hatte. Dieser war aber nicht bei der Kammer registriert. Also kam der Stein ins Rollen. Manchmal taucht zufällig ein Bekannter aus einer anderen Lebensphase auf und ist irritiert über den Rollenwechsel. Was passiert dann?

Manche Hochstapler tauchen ab, bevor die Polizei kommt, wie etwa Gerd Postel. Bei anderen steht plötzlich und unerwartet die Polizei in der Praxis und verhaftet den Doktor, wie bei dem Friseur in Traunstein oder dem falschen Zahnarzt aus Österreich. Nicht selten gelingt es Hochstaplern durch Drohung, gespielte Empörung oder Ähnliches, noch etwas Zeit herauszuschinden, um einen Abgang zu inszenieren, wie etwa bei den drei Automechanikern, die eine einstweilige Verfügung erwirkten. Andere werden verhaftet, bestraft, ziehen um, legen sich einen anderen Namen zu und beginnen die Scheinexistenz von Neuem. Nur in einem Fall wurde berichtet, dass sich ein falscher Arzt selbst richtete, in Form eines erweiterten Suizides mit dem Flugzeug [3]. In einem weiteren aber nicht vollständig belegten Geschehen gab sich ein französischer Mann jahrelang als Arzt der WHO (Weltgesundheitsorganisation) aus und tötete seine gesamte Familie und schließlich sich, als alles herauszukommen drohte [4].

Die juristischen Folgen der Hochstapelei sind teilweise gering. Es gibt oft Fälle einfacher Verwarnung, Bewährungsstrafen, zum Teil nur kurze Haftstrafen. Im Falle von Surgeon Lieutnant Joseph Cyr, dem falschen Marinearzt an Bord eines Zerstörers, verzichtete die Royal Canadian Navy auf eine Anklage, die ganze Sache war ihr zu peinlich. Bei Wiederholungstätern und größerem Schaden sprechen Richter auch schon mal Urteile über drei Jahre Haft aus. In einem amerikanischen Fall hatte ein Hochstapler mehrere Jahre in einer Kleinstadt gearbeitet. Er wurde verhaftet und vor ein Geschworenen-Gericht am Praxisort gestellt. Viele Geschworenen waren seine ehemaligen Patienten. Sie sprachen ihn trotz eindeutiger Faktenlage frei. Daraufhin verlegte der Staatsanwalt die Berufungsverhandlung in einen anderen Bezirk. Diesmal reisten so viele ehemalige Patienten an, dass der Hochstapler erneut freigesprochen wurde.

In vielen Ländern wurden in letzter Zeit Sonderermittlungsbüros für Betrug im Medizinsystem ins Leben gerufen. Eine solche Kommission ermittelte bei einem Zahnarzt in Florida das Praktizieren ohne Lizenz und wies ihm Medicaid Betrug nach. Hier ist eine sehr hohe Haftstrafe von bis zu 30 Jahren möglich, ein Urteil aber noch nicht gefällt. In England wurde einer Zahnärztin, die einem Bekannten half, als Hochstapler Zahnmedizin zu praktizieren, die eigene Zulassung entzogen!

In der Öffentlichkeit liegen die Sympathien oft auf Seiten des Täters, die betroffenen Opfer müssen zu dem Schaden auch noch den Spott ertragen. Die Verantwortlichen sehen sich schweren Vorwürfen ausgesetzt, der Name einer Klinik, eines Chefarztes geht unrühmlich durch die Medien, das ist sicherlich eine doppelte Bestrafung.

Aber es können sich auch noch weitere Folgen einstellen. Die Baseler Schwerpunktpraxis, in der ein Hochstapler arbeitete, war auserkoren, eine umfangreiche Stufe-3-Pharmastudie zur Therapie mit Heroin in Tablettenform durchzuführen. Der Studienvertrag war praktisch schon unterschriftsreif. Nachdem bekannt wurde, dass gerade in dieser Praxis ein falscher Arzt tätig war, wurde umgeplant, es kam zu gewaltigen Verzögerungen der groß angelegten Pharmastudie. Bei nachfolgenden Bewerbungen um weitere Forschungsmittel, wurde die Praxis nicht mehr berücksichtigt.

Ärzte, deren Namen von einem Hochstapler fälschlicherweise benutzt werden, verlieren ihren guten Ruf, müssen sich gegen falsche Haftung wehren, wie etwa für teure Anschaffungen, bestellt vom Hochstapler, der ihre Identität gestohlen hatte. Die Versicherungsprämien der Betroffenen steigen, ihre Kredite werden von der Bank gekündigt. Das alles ergibt eine Menge juristische Scherereien.

Beim falschen Notarzt aus Erftstadt mussten seine ehemaligen Prüflinge alle wieder antreten und die Prüfung wiederholen, subjektiv sicher auch eine Härte. Bliebe noch die Frage, inwieweit die Schädigungen auch die Patienten und Patientinnen betreffen. Erstaunlicherweise viel seltener als man denkt. Bei Frank Abagnale, dem falschen Oberarzt der Pädiatrie, wäre fast ein Baby gestorben, weil er mit dem Ausdruck „ blue Baby” also „hypoxisches Baby” nichts anzufangen wusste. Aber all die Patienten und Patientinnen, die von Hochstaplern sexuell ausgenutzt beziehungsweise belästigt werden, nehmen Schaden. Nicht bekannt ist, wie die Begutachteten in den Sozialgerichtsverfahren von Gerd Postel gelitten haben. Es gibt Behauptungen, dass keine einzige der falschen Expertisen zurückgewiesen oder angefochten wurde [13]. Wurden diese Prozesse neu aufgerollt? Mussten sie die ganzen Gutachtenprozeduren erneut über sich ergehen lassen?

Zumindest bei falschen Zahnärzten wurden auch vermehrt direkte Schädigungen von Patienten beklagt: abgebrochene Spritzen, unnötige Schmerzen, unsachgemäße Zahnextraktion, durchbohrte Kronen, unnötiges Ziehen aller Zähne, mangelnde Hygiene und Infektionschutz und vieles mehr [11].

Gestörtes Verhältnis zum medizinischen Beruf

Erschleicht sich ein Hochstapler Dienstleistungen im Hotel, entsteht meist nur finanzieller Schaden. Arbeitet er aber jahrelang unerkannt als Arzt, wird in den Medien gleich die ganze Zunft in Frage gestellt.

Die beiden am häufigsten geäußerten Gedanken sind dann: „Wenn ein medizinisch unerfahrener Mensch ‘einfach so’ den Doktor mimt ohne aufzufallen, dann ist die Medizin womöglich kein so hoch qualifizierter Beruf, wie immer behauptet wird.“

So pointiert formuliert ist die Behauptung zunächst falsch; und zugleich liegt auch ein Kern von Wahrheit darin. Dies soll im Einzelnen genauer betrachtet werden.

Die meisten Menschen, also Ärzte wie Patienten nehmen bei einem Menschen primär die soziale Rolle und die Kommunikation auf. Sind diese stimmig, so begegnet man dem Gegenüber nicht mit Misstrauen. Falsche Medizinmänner sind nun Menschen mit besonderer Begabung darin, diese soziale Rolle oder Maske zu manipulieren. Täuschend echt können sie erscheinen und machen uns dabei doch etwas vor. Insofern ist die erste Erklärung für den Erfolg der Hochstapler ihr Geschick im Ausnutzen der unbewussten Vertrauenshaltung vieler Menschen.

Die zweite Ebene ist die der innerärztlichen Kommunikation. Werden bei einem Kollegen mangelnde Fertigkeiten oder Sachkenntnis bemerkt, wird eher „Na der weiß auch nicht alles” gedacht, als „der kann auch gar nichts”, das heißt, man nimmt zuerst an, hier handele es sich um eine punktuelle Schwäche, wie sie keineswegs ungewöhnlich ist. Wird jeder Kollegen in Frage gestellt, bei dem Lücken erkannt werden, könnte die Medizin – wie jeder andere qualifizierte Beruf – schwerlich bestehen.

Jeder, der in seinem Leben einmal Prüfungen abgenommen und Assistenten ausgebildet hat, weiß: Es gibt im Beruf nicht nur Einserkandidaten, nein die Mehrzahl ist leistungsmäßig im Durchschnitt, und eine nicht geringe Zahl von Bewerbern hinterlässt gewisse Bedenken bezüglich der Eignung.

Dieses ist bei Medizinern so, aber auch bei Juristen, Ingenieuren, Bankern, Lehrern, Handwerkern, kurzum überall. Wollten wir es jedes Mal als Grund für eine Sicherheitsüberprüfung nehmen, bliebe alles stehen und liegen. Die zweite Erklärung für den Erfolg der Hochstapler ist also die Gewöhnung Vorgesetzter und Kollegen daran, dass berufstätige Menschen Schwächen auch größeren Ausmaßes haben. Die Devise des Autors als leitender Arzt einer Klinik war: Man bekommt nicht immer die Mitarbeiter, von denen man träumt, sondern muss die nehmen, die verfügbar sind.

Drittens arbeiten Hochstapler meist in einem Team – das heißt, sie profitieren von den Kenntnissen der Fachleute um sie herum, oder benutzen Vorlagen, die von wirklichen Ärzten angefertigt wurden, wie Postel. Die dritte Erklärung für den Erfolg von Hochstaplern ist die Kompetenz des Teams, das viele Fehler erkennt und schnell auf der kollegialen Ebene beseitigt, die der Hochstapler sonst beginge.

Enttarnung nicht leicht gemacht

Einen Hochstapler zu enttarnen, ist schwierig. Jeder kann getäuscht werden, unabhängig von Rang, Ausbildung und akademischer Qualifikation, in allen Bereichen. In 2003 gab es in den Kreiskliniken Sigmaringen einen falschen Klinikdirektor, er hatte sich zu Unrecht als Diplomingenieur ausgegeben. In Italien vermochte ein selbsternannter Priester 17 Jahre lang Dienst in der Gemeinde Alliste in Apulien tun. Bis zum Jahr 2000 hatte er Messen gehalten, Ehen geschlossen, Beerdigungen durchgeführt und mehr. Er fiel letztlich auf, weil sein Lebenswandel doch etwas locker war. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte sich am Amtsgericht Berlin Mitte ein falscher Richter eingeschmuggelt. Er sprach in seiner langen Hochstaplerkarriere über 3 000 Urteile [8]. Zahllose weitere Belege ließen sich anführen. Man blättere nur einmal im Personenlexikon der Hochstapler von Sponsel.

Schutz für Zahnärzte und ihre Patienten

Wer als Zahnarzt einen Praxisvertreter einstellt, kann sich mit wenig Aufwand gegen Betrug schützen – wenn er daran denkt. Es sollte immer, bevor eine Vertretung eingestellt wird, der Ausweis (Arztausweis und Personalausweis) mit Lichtbild überprüft werden, denn oft wird ja die Identität eines anderen vorgetäuscht; Der Praxisinhaber sollte sich Zeugnisse vorlegen lassen und bei Zweifeln vorherige Arbeitsstellen beziehungsweise die Zahnärztekammer, die zuständig ist, kontaktieren. Die meisten Hochstapler können auf diese Weise schon bevor sie tätig werden, enttarnt werden.

Dr. med. Bernhard Mäulen
Leiter Institut für Ärztegesundheit
78050 Villingen-Schwenningen

Weitere Infos unter www.aerztegesundheit.de

2006 falscher Zahnarzt wird nach einjähriger Praxistätigkeit in USA verhaftet

2005 ein sexueller Straftäter untersucht als falscher Arzt Jugendliche in Sachsen-Anhalt/Zerbst intim

2004 ein 46-jähriger vorbestrafter Mann gibt sich in Riedlingen als Dr. Pawlik aus und gibt vor, ein Haus und ein Flugzeug kaufen zu wollen. Am Ende stürzte er mit dem Flieger ab; Suizid?

2004 ein Deutscher (34) wird in Belgien verurteilt, er hatte ein Jahr lang in einer Hausarztpraxis gearbeitet

2003 ein 42-jähriger Mann in England wurde enttarnt, nachdem er mehr als 600 Privatpatienten als falscher Zahnarzt be- und misshandelt hatte

2003 ein 45-jähriger Mann flog als falscher Chirurg in Rom auf; dort hatte er seit

1985 umfangreich operiert und war als Experte im TV

2003 ein 54-jähriger Mann narrte als falscher „Herr Professor Colmar” Patienten im UKE Hamburg und betrog diese um Geldbeträge

2003 ein 37-jähriger Mann hatte über Jahre in Basel als Suchtspezialist mit Drogenpatienten gearbeitet und an einer großen Studie mitgewirkt

2002 28-jähriger Arbeitsloser arbeitete in diversen Zahnarztpraxen in Österreich

2002 ein Mann (37) hatte sich als Mediziner der UNI Göttingen ausgegeben und 23 000 Euro erschwindelt

2002 ein 35-jähriger Rettungsassistent arbeitete zwei Jahre als falscher Notarzt in Erftstadt, er nahm auch Prüfungen ab

2001 ein Friseur aus Traunstein wird verurteilt, nachdem er 20 Jahre als falscher Arzt/ Internist praktiziert hat; der Schaden wird auf über 400 000 Euro geschätzt

2001 ein Mann mit abgebrochenem Medizinstudium arbeitete 7,5 Jahre als Assistenz- und Oberarzt der Gynäkologie an der TU München

2001 ein Krankenpfleger aus Göttingen stellt sich als Prof. Dr. Dr. hc irreführend in der Öffentlichkeit dar

2000 ein 19-jähriger Mann aus Mittelfranken gibt sich vor laufender Kamera als Bundeswehrarzt aus und behandelt einen Mann

1999 ein Schweizer (52) belästigt als falscher Arzt bei vermeintlichen Hausbesuchen Frauen monatelang im Bereich Basel

1997 Ex-Postbote Postel arbeitete von

1995 bis

1997 als Oberarzt in der Psychiatrie in Sachsen, vorher war er als Amtsarzt Dr. Dr. Bartholdy in Flensburg tätig

1997 als Prof. Dr. Dr. Rose hatte ein vermeintlicher Krebsspezialist Patienten in Baden- Baden um über 30 000 Euro betrogen

Fälle von Hochstapelei in Zahnmedizin und Medizin, erstaunlicherweise sind keine Frauen dabei.

Weitere Bilder
Bilder schließen