Gezielte Therapie – „targeted therapy“

Diabetes-Babys vom Insulin befreien

Die molekulargenetische Aufklärung eines Gen-Defekts, der bei Kindern schon in den ersten Monaten zu einer Insulin-abhängigen diabetischen Stoffwechsellage führt, zeigt, dass Sulfonylharnstoffe für bestimmte Gruppen von Diabetikern einen hohen Wert haben. Damit könnte ein Effekt über die kleine Zahl primär betroffener Patienten hinaus erzielen werden.

In seltenen Fällen beginnt der Diabetes mellitus schon in den ersten Lebensmonaten. In der Zeit vor der Verfügbarkeit von Insulin starben diese Kinder binnen weniger Wochen. Heute werden sie meist mit präkomatösen Zuständen einer Hyperglykämie und Ketazidose in die Klinik eingeliefert und können – bei richtiger Diagnosestellung – durch Insulin gerettet werden.

Die extrem frühkindliche Zuckerkrankheit ist selten. In den Jahren zwischen 1995 und 2005 wurden vom (genauesten) Netzwerk für neonatalen Diabetes in Frankreich keine 100 Fälle registriert.

Dennoch kann diese seltene Erkrankung die gezielte Therapie des Diabetes mellitus voranbringen. Wie jetzt Ewan R. Pearson von der Universität in Exeter (UK) zusammen mit Forschern aus mehreren europäischen Ländern herausfand, sind einige dieser Kinder, bei denen eine spezifische Mutation einen der insulinausleitenden pankreatischen Kanäle beeinflusst, besser mit dem simplen Sulfonylharnstoff Glibenclamid als mit Insulin zu therapieren.

Gen-Befunde eröffnen Behandlungsstrategien

Die Forscher wandten sich jenen 49 Kindern aus dem französischen Netzwerk zu, bei denen sich im Gen-Abschnitt KCNJ11 eine spezifische Mutation fand, welche die Kir6.2-Untereinheit des ATP-abhängigen Kaliumkanals (KATP) so beeinflusst, dass eine bedarfgerechte Insulinsekretion der Beta-Zellen nicht mehr funktioniert. Molekularbiologische Analysen und Tierexperimente zeigten, dass die Folgen dieses Gen-Defektes offensichtlich besser durch Sulfonylharnstoff als durch Insulin kompensiert werden können. Tatsächlich war es möglich, bei 44 der 49 Patienten unter der Gabe der Tabletten die Insulininjektionen zurückzufahren. Wie die Abbildung 1 zeigt, war der Effekt umso größer, je schwerer die Stoffwechselentgleisung ist. Abbildung 2 verdeutlicht, dass über einige Monate der Therapieeffekt immer größer wird, so dass die Dosis der eingesetzten Tabletten zurückgenommen werden konnte.

Sollten sich die Analysen dieser Studie auch in anderen Patientenkollektiven bestätigen lassen, so wird man sicher den Test auf Mutationen im Gen-Abschnitt KCNJ11 breiter zugänglich machen, so dass eine leicht handhabbare Gen-Sonde erhältlich wird. Mit diesem Test werden dann die Kinder, die bereits in den ersten Lebensmonaten einen Diabetes entwickelt haben, zu untersuchen sein. Bei positivem Testresultat wird man die Kinder vom Zwang, den Rest ihres Lebens Insulin spritzen zu müssen, befreien können – bei noch besserer Stoffwechselregulation.

In einem zweiten Schritt werden wahrscheinlich auch ältere Patienten mit Typ-1- Diabetes zu untersuchen sein. Auch in dieser Gruppe ist zu vermuten, dass ein gewisser Anteil diese Mutation aufweist und umgestellt werden kann.

Schließlich ist durchaus zu überlegen, den Test auf dieses Gen in neonatale DNA-Analysen mit einzubeziehen, wie sie im vorangehenden Beitrag beschrieben sind. Eine frühe Erkennung dieses lebensbedrohlichen Risikos wäre für die betroffenen Kinder eine große Hilfe.

Generell ist festzuhalten, dass nicht nur in der Onkologie, sondern wie hier gezeigt auch schon bei Stoffwechselkrankheiten die Möglichkeit Realität wird, eine gezielte („targeted“) Therapie einzusetzen, die wesentlich selektiver und effektiver die betroffenen Patienten erfasst und bessern kann.

T. U. Keil


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