Hildegard-von-Bingen-Preis 2006

Talk al dente

Als Moderatorin der Gesprächsrunde „Berlin Mitte“ habe sie Maßstäbe gesetzt und das angelsächsische Format des „Talk“ souverän auf ihre eigene Weise interpretiert, begründeten die Juroren ihre Wahl. Mit ihrer Sendung gestalte sie die politische und gesellschaftliche Debatte entscheidend mit.

„Ihr Talk hat Biss, Sie bohren nach und treffen häufig den Nerv – einfach ein Talk al dente“, bescheinigte ihr Sanitätsrat Dr. Otto W. Müller, Präsident der Landeszahnärztekammer Rheinland- Pfalz. „Sie beweisen uns immer wieder, dass Lächeln noch die beste Art ist, seinem Gegner die Zähne zu zeigen.“

Angebot zum Dialog

Müller betonte: „Der Hildegard-von-Bingen- Preis zollt den publizistischen Leistungen der Preisträgerin Anerkennung. Zugleich nimmt die Zahnärzteschaft mit der Auslobung ihren Teil an der Gestaltung unserer Bürgergesellschaft wahr, indem sie – übrigens ganz im Sinne von Hildegard von Bingen – der Gesellschaft den Dialog anbietet.“ Gerade die Heilberufler seien auf das Gespräch mit allen gesellschaftlichen Partnern angewiesen, wollen sie den gestellten Anforderungen gerecht werden.

„Wenn die Wahrheit in diesen Tagen bedroht scheint, brauchen wir Worte des Herzens und Worte der Kommunikation“, machte Prof. Dr. Peter Reifenberg, Direktor der Akademie des Bistums Mainz, deutlich. Illner fühle sich diesem Wort auf besondere Weise verpflichtet und verbunden.

Dass Journalisten vor immer größeren Herausforderungen stehen, weil sie die komplexe Wirklichkeit verständlich machen sollen ohne ihre Kompliziertheit zu verhehlen, stellte der Mainzer Kulturdezernent Peter Krawietz heraus.

Informieren statt berieseln

Politischer Journalismus habe heute eine wichtige Aufgabe, stimmte Illner ihm zu. „Die große Koalition streitet um die Reform – da brauchen wir keine Kuschelstimmung, keine Friedhofslaune und auch keine weitere Sendung mit Volksmusik!“ Sie könne freilich nicht in die Klagen einstimmen, denen zufolge das Volk unpolitisch sei und nur noch mit Seifenopern berieselt werden möchte.

„Jeden Donnerstag erfahren wir, wie diese Republik denkt“, bestätigte Publizist Helmut Ahrens und lobte in seiner Laudatio die Substanz der Sendung. Illner leiste mit ihrem Talk einen Beitrag zur Gesprächskultur in Deutschland, allein durch ihre nimmermüde Bereitschaft, sich auszutauschen. „Ich versuche ein dichtes und konzentriertes Gespräch mit meinen Gästen zu führen – ohne daran zu denken, wie viele Menschen zu Hause zuschauen“, erzählte die Moderatorin.

Dass Politiker heute noch glauben, sie könnten die Bürger mit Phrasen einlullen, hält sie für eine Legende. „Politiker wirken heute nicht mehr wie große Showstars, die sich wie auf einer Bühne präsentieren. Die Wirklichkeit ist komplizierter – faule Kompromisse sind da einfach nicht mehr vermittelbar.

Illners drei Gebote

1. Misstraue immer der ersten Idee

2. Keine Angst vor großen Tieren

3. Fragen sind unser Handwerkszeug, nicht Vorurteile


zm-Info

Ausgezeichnete Fernsehfrau

Nach dem Abitur studierte Maybrit Illner Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Danach arbeitete sie als Sportjournalistin für das DDR-Fernsehen. 1989 wechselte in die Auslandsredaktion des Deutschen Fernsehfunks. Ab 1992 moderierte sie das ZDF-Morgenmagazin, 1998 übernahm sie dort die Leitung. Seit 1999 talkt Illner in „Berlin Mitte“– durchschnittlich 2,41 Millionen Zuschauer schalten dann das ZDF ein.

Im Jahr 2000 erhielt sie den Hanns-Joachim- Friedrichs-Preis für kritischen und unabhängigen Fernseh-Journalismus, 2003 den Bayerischen Fernsehpreis und 2004 den Deutschen Fernsehpreis für die beste Informationssendung. Große mediale Beachtung fand das gemeinsam mit Sabine Christiansen moderierte Fernsehduell zur Bundestagswahl 2002 zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber.