Der Dichter zwischen Idealbild und Wirklichkeit

Die Leiden des alten Goethe

Wortdokumente und Portraits der Zeit belegen, wie sehr das Bild des berühmten Dichters Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) zwischen Ideal und Wirklichkeit pendelt. Sie zeigen ganz deutlich, dass Goethe unter qualvollen Zahnschmerzen litt. Jetzt hat das Goethe- und Schillerarchiv in Weimar erstmals Fotos herausgegeben, die dies auch medizinisch beweisen. Der Autor, Dr. Werner Neuhauser, ist Zahnarzt im Ruhestand und passionierter Historiker. Er ist autorisiert, diese Fotos zu veröffentlichen, hat den Zahnstatus Goethes für zm exklusiv dokumentiert und die Fakten noch einmal neu zusammengetragen.

Am 18. März 1999 veröffentlichte die FAZ eine Geheimaktion der DDR vom 2. November 1970: Damals wurde Goethes Sarg geöffnet. Der Bericht über die Besichtigung, Ausbettung, Mazeration und Wiedereinbettung der sterblichen Überreste Johann Wolfgang von Goethes war „über 30 Jahre verschwunden, inklusive Fotodokumentation und Protokoll“. Die Stiftung „Weimarer Klassik“ wollte auch nach der Graböffnung nicht, dass die Bilder publiziert werden – wohl aus Pietät und Respekt vor dem großen Toten. Die Öffnung von Goethes Sarkophag war darin begründet, dass ein defektes Schloss entdeckt worden war und der Deckel bereits klaffte. Warum daraus allerdings ein Geheimnis gemacht wurde, das 30 Jahre lang Bestand hatte, ist heute kaum mehr zu verstehen.

Laut FAZ-Bericht waren es sieben feierlich gekleidete Männer, die sich, mit einem Handkarren bewaffnet, in die Weimarer Fürstengruft begaben, den Deckel öffneten und beratschlagten, was nun zu tun sei. Der Gesamtzustand des Sarges hatte sich seit einer Öffnung im Jahre 1963 deutlich verschlechtert. Man kam zum Entschluss, den Leichnam zu mazerieren. Mazeration ist in der Anatomie ein übliches Verfahren: Man entfernt vom Knochen sorgfältig das gesamte Weichgewebe und präpariert die Gebeine, um den Zerfall für lange Zeit zu verhindern. Darüber hinaus sollte Goethes Leichnam möglichst umfassend fotografiert und dokumentiert werden. Auch das Prozedere der Vorgehensweise sollte auf diese Weise festgehalten werden. Die Herren waren Leute vom Fach: Zwei Pathologen, einer davon Rektor der Universität Jena, ein Archäologe, der Direktor des Nationalmuseums Weimar und drei Restauratoren. Man verpflichtete sich zum Schweigen, das dann auch hielt.

Erst jetzt wurden dem Autor durch den Direktor der Stiftung, Dr. phil. habil. Jochen Golz, 13 Schädelaufnahmen zur Verfügung gestellt, die Anlass sind, sich mit Goethes Zähnen erneut zu beschäftigen. Man staune: Obwohl ein penibel erstelltes Protokoll vorliegt, wurde damals, so betonte Golz, kein Zahnstatus erhoben.

Geschönte Lüge

Dr. Carl Vogel, Leibarzt des Großherzogs von Weimar, betreute Goethe die letzten sechs Jahre seines Lebens. Er berichtet: „Schmerzen waren ihm unter allen körperlichen Leiden am peinlichsten ... und häufig rühmte er als ein gewiss von vielen beneidetes Glück, dass er niemals an Zahn- und Kopfweh gelitten habe. Seine Zähne hattensich bis in das höchste Alter im guten Zustand erhalten.“ Bei der Schilderung des Todeskampfes schreibt der Arzt den Satz: „Die Zähne klapperten ihm vor Frost.“

Vogel, der im Übrigen detaillierte Schilderungen des Gesundheitszustandes seines berühmten Patienten gibt, hat mit seinen Schilderungen zweifelsfrei eine bewusste Lüge kolportiert. Wahrscheinlich wollte er den auch von ihm bewunderten Olympier in Schönheit und Erhabenheit der Nachwelt überliefern.

Goethe jedenfalls hatte über Jahrzehnte grausame Schmerzen durchlitten und lebensbedrohliche Zustände, Eiterungen, Schwellungen und Extraktionen ertragen müssen. Vogel schildert unter anderem auch eine Inspektion der Mundhöhle: „Die Zunge war feucht, hier und da mit zähem, kaffeebraunem Schleime belegt ...“. Das Fehlen der Frontzähne, von Zähnen überhaupt, beziehungsweise das Vorhandensein einer Prothese, hätten dem Arzt spätestens hier, wenn nicht schon in den sechs Jahren zuvor, auffallen müssen. Seine nicht ärztlichen Zeitgenossen hatten davon sehr wohl Kenntnis genommen. Der von ihm so verehrten Charlotte von Stein schickte Goethe die berühmten „Zettelgen“. Vorwiegend dort bezeugt er von 1775 – 1786 immer wieder seine Schwierigkeiten mit den Zähnen. Bis Ende 1785 zählt man 20 Notizen über Zahnschmerzen, geschwollene Backen und Lippen, Knoten, Zahnfleischentzündungen und erschwerten Weisheitszahndurchbruch. Zugleich aber treten rheumatische Beschwerden auf, die sicher als fokal bedingt anzusehen sind.

Ende Februar 1786 beginnt wieder eine lange Periode von Zahnleiden. Die Behandlung bestand außer dem „Aufdrücken von Geschwürgen“, in Mundspülungen und Kräuterpackungen. Kurz vor Goethes italienischer Reise (von September 1786 bis 1788) kommt es zu einer „fieberhaften Krise“; erneut ist von dicken Backen und geschwollener Lippe die Rede. Er fühlt sich stark beeinträchtigt und krank: „ ... und zuckt so, dass ich jeden Augenblick eines üblen Anfalls versehe.“

Dann gibt es eine Pause von vier Jahren. Und wieder beginnen zum Teil deftige Zahnschmerzen, die mit untauglichen Therapien bekämpft werden. 1795 (Goethe ist mittlerweile 46 Jahre alt) kann er sich nicht von Alexander von Humboldt verabschieden, weil ihn „ein Rezitiv des Backengeschwulstes stufenweise“ heftig überfiel. Von Dezember 1800 bis zum 9. Januar 1801 kommt es zu einer dramatischen Verschlechterung seines Zustandes: Ende Dezember 1800 wird Goethe von hohem Fieber befallen, ist neun Tage lang bewusstlos, sogar im Delirium. Es entwickelt sich besonders im Bereich der linken Gesichtshälfte eine starke, entzündliche Schwellung, die auf das linke Auge übergriff und sich im Gaumen, Rachen und anscheinend auch Kehlkopf festsetzte, denn der Kranke hatte unter Orthopnoe und bedrohlichem „Krampfhusten und Erstickungsanfällen zu leiden“ (Oberhofer).

Als am 9. Januar 1801 das alarmierende Krankheitsbild eine meningitische Beteiligung befürchten lässt, wird mithilfe von Packungen, Fußumschlägen, mit Senföl, Aderlässen, eine kritische Entfieberung erreicht. Goethe erholte sich nur sehr langsam. Die Diagnose ist heute umstritten: Bullöses Erysipel, Gesichtsrose oder eine dentogene Osteomyelitis. Seit dieser Zeit hat er immer wieder Schwierigkeiten mit dem linken Auge. 1809 ist ein Schlüsseljahr. Am 11. Januar in der Mittwochsgesellschaft muss Riemer in Vertretung Goethes „lesen“, weil er (Goethe) die Vorderzähne verloren hatte „und unter Schnupfen litt“. Es gibt keine Details, wann und unter welchen Umständen die Zähne extrahiert wurden oder einfach nur verloren gingen.

Beweis: Der Schädelbefund

Die jetzt möglich gewordenen Befunde an Oberkiefer und Unterkiefer, sowie an den überwiegend zerstörten Restzähnen Goethes beweisen ganz deutlich, was auch schon anhand des Studiums von literarischen und bildlichen Quellen ausgiebig verdeutlicht war: Der Dichter litt sein Leben lang unter starken Zahnproblemen (siehe Kästen). Die Stiftung „Weimarer Klassik und Kunstsammlungen“, Goethe- und Schillerarchiv haben insgesamt dreizehn Schädelaufnahmen zur Verfügung gestellt. Davon geben fünf ausreichend Auskunft über Goethes Zähne. Und zwar (siehe Abbildungen):

• Der Schädel: Übersichtsaufnahme von rechts
• Der Schädel: Übersichtsaufnahme von vorne rechts
• Der Unterkiefer von oben: Übersichtsaufnahme
• Der Oberkiefer: Übersichtsaufnahme
• Übersichtsaufnahme von Oberkiefer und

Unterkiefer von vorne rechts Detailaufnahmen der noch vorhandenen Restzähne wurden nicht gemacht. Einen Status vermag man daraus mit letzter Sicherheit nicht zu rekonstruieren, präzise Details der Restzähne nicht zu beschreiben. Immerhin aber ergibt sich eine hohe Annäherung an die Realität.

Unterkiefer:

Der Unterkiefer rechts ist zahnlos bis zum ersten Prämolaren. Dieser hat die Form eines Eckzahnes und steht gedreht in der Alveole. Er zeigt als einziger Zahn keine Kariesspuren. Da er erhöht steht, könnte er auch als Fremdzahn in eine bestehende Alveole eingesetzt worden sein. Der Eckzahn ist stark zerstört, die Alveole rundum abgebaut. Die Frontzähne 31, 32, 41, 42 fehlen. Der Knochen ist stark unregelmäßig. 33, 34, 35 – also Eckzahn und die beiden Prämolaren zeigen Abrasionen bis zum Dentin, 34 Pulpenkavum breit – 35 klein eröffnet. Die Molaren fehlen.

Oberkiefer:

Der Oberkiefer rechts zeigt einen kräftigen Tuber, einen mesialwärts gewanderten und gekippten Weisheitszahn 18, der stark abradiert beziehungsweise kariös ist. Es steht nur die distale Wand. Die beiden Molaren 17 und 16 fehlen. Die Prämolaren, der Eckzahn und der seitliche Schneidezahn, also 12, 13, 14, 15, sind stark durch palatinale Abrasionen und Karies zerstört. Bei 13 ist der bukkale Knochen bis zur Wurzelspitze abgebaut. Der mittlere Schneidezahn 11 fehlt. Es besteht eine relativ große Lücke. Der linke obere mittlere Schneidezahn 21 (oder der mesial gewanderte seitliche Schneidezahn 22) ist nur noch ein Stummelzahn. Die folgenden Zähne 22 bis 28 fehlen vollständig. Im Bereich der Molaren fällt besonders auf, dass sich keine substantia corticalis sive compacta gebildet hat. Die Knochenoberfläche tritt spongiös, schwammartig zutage. Das trifft im Übrigen auch für die Alveolarkämme des Unterkiefers zu, wenn auch nicht so massiv. Der Alveolarkamm in der regio 32, 33 ist deutlich eingefallen. Die fehlenden Zähne sind sicher sehr früh gezogen worden.

Wenn Dr. Vogels Satz über den Todeskampf: „Die Zähne klapperten ihm vor Frost“, stimmt, dann kann sich dies nur im Unterkiefer rechts bei 43 und den zerstörten Gegenzähnen abgespielt haben.

Keine kompetente zahnärztliche Versorgung

Der katastrophale Zustand von Goethes Gebiss ist daraus zu erklären, dass es keine flächendeckende, umfassende, kompetente zahnärztliche Versorgung zu Goethes Lebzeit gab. An eine funktionstüchtige Versorgung des Restgebisses war nicht zu denken. Die schmerzenden Zähne wurden einfach entfernt. Aber, allein der Gebrauch einer Zahnbürste, die es damals schon gab, hätte den Verfall verzögert. Die von Goethe für kurze Zeit getragene Prothese hatte rein kosmetische Funktion. Interessant wäre, nachträglich zu erfahren, wer sie angefertigt hat.

Goethe selbst bezeugt vom Frühjahr 1767 bis zum 4. 9. 1818, also ab seinem 17. bis zum 69. Lebensjahr Schmerzen, Beschwerden und zum Teil lebensbedrohliche Erkrankungen im Zahn-, Mund- und Kieferbereich. Es wäre verwunderlich gewesen, wenn Carl Vogels Beschreibung: „Seine Zähne hatten sich bis in das höchste Alter in gutem Zustand erhalten“ der Realität entsprochen hätte.

Goethe, der große Dichter, das Universalgenie, verehrt von seinen Zeitgenossen und auch bis heute bewundert, war eben auch nur von dieser Erde und der Vergänglichkeit unterworfen, geplagt wie wohl die meisten seiner Zeitgenossen von Schmerzen und bedrohlichen Leiden.

Dr. Werner Neuhauser
Ellharter Straße 49
87435 Kempten/Allgäu

Alle Literatur- und Quellenhinweise
beim Verfasser

INFO

1982 Erster Artikel über Goethes Zähne

Am 22. März 1982 war der 150. Todestag des großen Dichters Johann Wolfgang von Goethe. Aus diesem Anlass veröffentlichten die zm seinerzeit in Heft 16/1982 (28. August) einen Artikel von Dr. Werner Neuhauser („Goethe sprach nie über die Leiden mit seinen Zähnen“), der über die Fachwelt hinaus Aufsehen erregte. Er stellte überzeugend dar, dass Goethe, wie sicher viele seiner Zeitgenossen, ein Leben lang unter Zahnschmerzen litt und mit zunehmendem Alter weitgehend zahnlos war. Sowohl in Worten wie in der bildenden Kunst wurde zu Lebzeiten Goethes ein Portrait des Dichters wiedergegeben, bei dem Idealbild und Wirklichkeit nicht übereinstimmten. Dies arbeitete Neuhauser in seinem Fachbeitrag heraus.

Zahlreiche Zeitungen bedienten sich daraus und schrieben eigene Beiträge, nicht zuletzt die Publikumspresse. Die medizinhistorischen Arbeiten, die Neuhauser als Autor veröffentlicht hat, werden immer wieder ausgegraben, kolportiert und wurden in letzter Zeit auch in Fernsehprogrammen ausgestrahlt. zm/wn


Goethe in Worten

Viele Besucher, die seinerzeit wegen Goethe nach Weimar gekommen sind, berichteten über die äußere Erscheinung des Dichters durchaus konträr. Nur wenige Beispiele seien kurz skizziert:

• David Veit: Er stellte bereits 1793 fest, dass Goethe beim Lächeln durch seine „gelben, äußerst krummen Zähne entstellt ist“.

• Heinrich Heine: Besuchte 1824 den 75 Jahre alten Goethe und schreibt darüber am 26. Mai 1825 an R. Christiani: „Über Goethes Aussehen erschrak ich bis in tiefster Seele, das Gesicht gelb und mumienhaft, der zahnlose Mund in ängstlicher Bewegung, die ganze Gestalt ein Bild menschlicher Hinfälligkeit. Vielleicht Folge seiner letzten Krankheit. Nur sein Auge war klar und glänzend. Dieses Auge ist die einzige Merkwürdigkeit, die Weimar jetzt besitzt.“

• Parthey 1827 (Goethe 78 Jahre alt): „Der ganz zahnlose Mund war das einzige, an dem die 78 Jahre ihr Recht geltend machten; er war beim Sprechen und noch mehr beim Lachen unschön ...“

• Von Stakelberg 1829 (Goethe 80 Jahre alt): „Goethes Gesicht ist, den festen Charakterzug abgerechnet, nicht mehr schön zu nennen.“ Aber auch positive Berichte sind erhalten:

• Graf Hans Gabriel Trolle-Wachtmeister 1804 (Goethe 55 Jahre alt): „... Nie zuvor habe ich ein Antlitz gesehen, welches sich mit dem Goethes vergleichen ließe. So männlich schöne Gesichtszüge, die so deutlich das Gepräge der Elevation, der Energie und der Genialität tragen, oder ein solches Feuer, wie es aus seinen großen, schwarzbraunen Augen blitzt, vermag man sich nicht vorzustellen.“

• Wolf Graf Baudissin 1809 (Goethe 60 Jahre alt): „Ich schwöre, dass ich nie einen schöneren Mann von sechzig Jahren gesehen habe.“

• Anselm Feuerbach 1820 (Goethe 71 Jahre alt): „ ... Welch ein Kopf! ... In seltsamem Kontrast mit der Ruhe jener Felsenstirn steht die gefällige Beweglichkeit des Mundes, durch dessen freundliches Lächeln nicht selten eine gewisse Ironie durchblickt. Ruhe haben diese Lippen nie, auch wenn sie schweigen, sind sie beredt.“

• Kugler 1827 (Goethe 78 Jahre alt): „Das Gesicht ist edel, nicht so verfallen, als Du glaubtest ... um den Mund spielt ein eigenes Lächeln ... königliche Erscheinung ...“

• Deinhardstein 1830 (Goethe 81 Jahre alt): „Sein Kopf ist ganz der eines Jupiters: Die Stirn gewölbt und edel, das Auge voll Glanz und Kraft und eine unnachahmliche Hoheit um den Mund. Alles ist Ordnung und Ebenmaß.“

Aus den Zitaten ergibt sich eine Ambivalenz der Eindrücke auf seine Besucher, die sicher erklärbar ist aus den Stimmungslagen, denen Goethe in hohem Maße unterworfen war und die sich daraus ergaben, ob der oder die Besucher ihn ansprachen oder herausforderten oder nicht. Dann vermochte wohl sein ganzes Wesen aufzuleuchten und die Starre zu durchbrechen, die ihm nachgesagt wurde. Auch seine Krankheitsphasen spiegeln sich in den Urteilen wider. wn


Goethe in Bildern

Goethe wurde sehr häufig porträtiert und saß auch ausdauernd den Malern und Bildhauern als Modell. Sein Aussehen ist also so gut dokumentiert wie bei kaum einem seiner Zeitgenossen. Einige Porträts nach 1814 seien hier wiedergegeben und analysiert.

• Karl Joseph Raabe, 1814
Karl Joseph Raabe porträtierte Goethe zwischen dem 21. November und 3. Dezember 1814. Es ist eines von drei Bildern seit 1811. Die Oberlippe ist eingesunken. Es fehlen mehrere Frontzähne im Oberkiefer und alle Unterkiefer-Frontzähne. Der Unterkiefer findet keine Abstützung im Backenzahnbereich, wodurch die schmale, strichförmige Lippenpartie deshalb entsteht, weil der Unterkiefer keinen Halt mehr findet und sich dem Oberkiefer annähert.

• Christian Daniel Rauch, 1820
Heinrich Meyer schreibt über die Büste in Gips: „Die Ähnlichkeit dieses Bildes lässt wohl kaum noch etwas zu wünschen übrig...“ Alle beschriebenen Details im Raabe’schen Porträt finden sich hier verstärkt wieder. Besonders auffällig ist die sogenannte Nasolabialfalte, die vom Nasenflügel zum Mundwinkel zieht und sich noch weiter bis zum Unterkieferrand fortsetzt.

• Henri Grévédon, 1823
Eine Lithographie nach dem russischen Maler Kiprinsky. Goethe vermerkt, dem Zeichner sei es gelungen: „Jedermann zufrieden zu stellen, auch den Großherzog, dem nicht leicht etwas in dieser Art genügt.“ Außer den stark ausgeprägten Nasolabialfalten fallen die starken Hängebacken am Unterkieferrand auf. Die Zeichnung ist im Juli 1823 in Marienbad entstanden.

• Pierre Jean David D’Angers, 1829
Hier verschwindet die Oberlippe fast völlig, verursacht durch die fehlenden Frontzähne und die nicht mehr vorhandene Abstützung im Backenzahnbereich.

• Karl August Schwerdgeburth, 1832
Strichförmige Lippenpartie, stark ausgeprägte Nasolabialfalten. Goethe bat den Künstler, weil er sich so gut getroffen empfand, die Zeichnung durch Kupferstich vervielfältigen zu lassen. Es ist das letzte bekannte Portrait vor seinem Tod. Die Vollendung des Stiches erlebte er nicht mehr.

Fasst man das Ergebnis eines Vergleichs der Vielzahl von Abbildungen zusammen, ergibt sich eindeutig, dass der Umfang der Zerstörung von Goethes Zähnen auch in seinen Gesichtszügen dokumentiert ist. Erwähnt sei, dass eine Erschlaffung der mimischen Muskulatur als Verstärkungsfaktor hinzukommt.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Der bayerische König Ludwig I war ein großer Goethe-Verehrer. Er beauftragt seinen Hofmaler Joseph Karl Stieler, Goethe zu malen. Ab 25. Mai 1828 entsteht das wohl berühmteste Bild Goethes, eine Idealisierung des großen Dichters und Denkers: Eine hohe Stirn, klare Augen, die kräftige, wohlgeformte Nase, keine eingefallene Oberlippe, keine ausgeprägte Nasolabialfalte, keine Hängebacken, die Lippen zwar nicht so voll wie auf den Jugendbildnissen, aber auch nicht schmal aufeinander gepresst

In der Tat sieht Goethe ab 1827 für einige Jahre anders aus. Warum? Das Geheimnis hat F. Notter am 4. Mai 1829 dokumentiert. Es ist das bisher einzig bekannte schriftliche Zeugnis über Goethes Zahnersatz: „Der Mund noch alle Zähne zeigend, von welchen jedoch, wie ich später erfuhr, einige eingesetzt sein sollen.“ Das Bild hat großes Aufsehen erregt und Zustimmung gefunden. Nicht zuletzt bei Goethe selbst. Aber es spricht für Goethe, dass er dem König nicht ohne Ironie mitteilt: „Sie zeigen mir wohl, wie ich sein könnte.“ Und: „Er sieht so schön aus, dass er wohl noch eine Frau bekommen könnte.“ wn


 


 

Weitere Bilder
Bilder schließen