Zertifikate: Geldanlage für jedes Temperament

A Star was born

Kein anderes Wertpapier gibt es in so vielen Varianten zu kaufen wie das Zertifikat. Für jedes Risiko, für jede Börsenlage, für jeden Rohstoffpreis und alles miteinander kombiniert – die Möglichkeiten, ein Zertifikat auszustatten, sind unendlich. Für jeden Anleger gibt es das Richtige, nur finden muss er es. Vor Experimenten aber wird gewarnt.

Vom Mauerblümchen zum Weltstar – eine solche Karriere gelingt nur selten. Doch manchmal klappt es mit etwas Geduld. So geschah es in Deutschlands Geldmetropole Frankfurt, als vor 17 Jahren die Dresdner Bank das Zertifikat erfand. Gut ein Jahr sollte vergehen, bis die Fachwelt das revolutionäre Produkt zur Kenntnis nahm. Erst in der Börsen-Baisse im darauf folgenden Jahr entdeckten die Anleger die Vorzüge des Indexzertifikates.

Die steile Karriere nahm ihren Lauf

Seitdem nahm diese Kategorie von Wertpapieren eine rasante Entwicklung. Heute haben Anleger in Deutschland die Wahl zwischen rund 46 000 verschiedenen Zertifikaten mit einem Marktwert von mehr als 100 Milliarden Euro. Dieses Finanzprodukt öffnet den Anlegern Tür und Tor zu ungeahnten Möglichkeiten der Geldanlage – auch zu Bereichen, die ihnen als Privatleute bislang verschlossen waren: Zertifikate zählen zu den sogenannten Derivaten.

Viele private Anleger hätten ohne entsprechende Zertifikate kaum Gelegenheit gehabt, von den steigenden Goldpreisen zu profitieren. Den Vorsichtigen ermöglichen Indexzertifikate ein ziemlich risikoloses Engagement in Aktien.

Die Createure der Zertifikate spielen mit Baukästen, die statt mit Holzklötzen mit vielen verschiedenen Finanzelementen gefüllt sind. Dazu gehören neben den bekannten Wertpapieren auch Termingeschäfte wie Optionen und Futures. Sie entwerfen Produkte, beispielsweise Twin-Win-, Outperformance-, Victory-, Reverse- oder Express-Zertifikate. Dem Laien erschließen sich diese geheimnisvollen Papiere – wenn überhaupt – erst nach gründlichem Studium. Oft sind die Konstruktionen so kompliziert, dass ein Außenstehender sie gar nicht verstehen, geschweige denn ihre Entwicklung verfolgen kann.

Ein gravierender Minuspunkt für diese Gebilde ist ihre Kostenstruktur: Viele Optionskonstrukte dürfen nicht an der Terminbörse gehandelt werden, ihre Preisentwicklung ist deshalb nicht nachvollziehbar. Dass diese mangelnde Transparenz auf die Dauer die Anleger verprellen und die staatliche Aufsicht auf den Plan rufen wird, haben die Emittenten inzwischen gemerkt. Anlegerorganisationen, wie die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), fordern die Geldinstitute nun zu mehr Transparenz auf. Sie verlangen eine staatliche Regulierung des Zertifikatemarktes. Ihrer Meinung nach sei es inzwischen zu Auswüchsen gekommen, die zu Enttäuschungen der Anleger führen können. Der SdK hält für wünschenswert, dass die Kosten auf den ersten Blick zu erkennen sind. Zudem solle den Emittenten die Möglichkeit versperrt werden, Kosten nachträglich auf den Kunden abzuwälzen. Unterstützung erfahren die Verbraucherschützer auch vom Branchenverband Derivate Forum. Der versprach für den Herbst eine Offensive in Sachen Transparenz.

Trotz möglicher Pleiten …

Kunden können sich jetzt schon selber vor Verlusten schützen, indem sie sich vor dem Kauf die nötigen Informationen über die Bonität des Emittenten verschaffen. Zertifikate entsprechen rechtlich betrachtet den Inhaberschuldverschreibungen. Das investierte Kapital wird – anders als bei Fonds – nicht getrennt vom Vermögen des Emittenten verwaltet. Tritt der Worst Case (der schlimmste Fall) ein, weil der Schuldner Insolvenz anmeldet, darf der Sparer unter Umständen sein Geld in den Wind schreiben. Deshalb fordert der SdK ein Gesetz, das die Emittenten dazu zwingt, für jedes neue Zertifikat wie für Fonds einen Prospekt aufzulegen. Damit kann der Anleger sich über die Vor- und Nachteile der Anlage informieren und selbst entscheiden, welches Risiko er eingehen will. Bis es so weit ist, wird sicher noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen. Immerhin befinden sich unter den Emittenten viele seriöse Banken; Branchenführer ist die Commerzbank.

… den Schiffbruch vermeiden

Damit die Amateure unter den Investoren inzwischen nicht Schiffbruch erleiden, tun sie gut daran, sich auf die durchschaubaren und risikoärmeren Varianten der Zertifikate zu konzentrieren. Dazu gehören:

Indexzertifikat

Ein solches Papier der Dresdner Bank war der erste der Zertifikat-Versuch überhaupt. Inzwischen wirkt diese Variante schon fast altbacken. Ohne Schnörkel und eingebaute Haken oder Sicherheitsnetze orientieren sie sich einzig und allein an der Entwicklung eines Index. Das kann der Dax sein oder der EuroStoxx 50. In ihm sind die wichtigsten Aktien aus Euroland enthalten.

Wer es exotischer mag, kauft sich Zertifikate, die chinesische, indische oder mexikanische Indizes als Basis haben. Inzwischen werden auch Papiere angeboten, die dem Kursverlauf bestimmter Rohstoffe folgen. Die Kursentwicklung lässt sich an jedem Börsentag am Index ablesen, der Anleger ist vor bösen Überraschungen gefeit.

Die Bank hat keine Arbeit mit diesen Zertifikaten und verlangt deshalb nur wenig Gebühren, manchmal verzichtet sie sogar ganz. Ebenso geht die Spanne zwischen An- und Verkaufspreis – Spread genannt – gegen Null.

Von den Dividenden sehen die Anleger meistens nichts, weil die meisten Aktienindizes Kursindizes sind. Nur beim Dax profitieren die Anleger indirekt von den Dividenden. Die Deutsche Börse tut bei der Berechnung so, als ob die Dividenden ausgeschüttet und sofort wieder investiert werden. Anleger machen also jede Bewegung des jeweiligen Index nach oben aber auch nach unten mit.

Langweilig werden Indexzertifikate, wenn der Markt sich – so der Fachjargon „seitwärts“ bewegt. Dann passiert nämlich gar nichts.

Die Laufzeit der meisten Indexzertifikate ist unbegrenzt; deshalb eignen sie sich auch für eine längerfristige Anlage. Manche Investoren betrachten sie dennoch als Alternative zu Fonds, wenn sie sich eher kurzfristig in bestimmten Märkten engagieren wollen.

Gewinne aus dem Verkauf sind nach einem Jahr Spekulationsfrist steuerfrei.

Discountzertifikate

Indexzertifikate erfreuen ihre Besitzer nur bei steigenden Kursen. Dümpeln die Kurse vor sich hin, kommt das Discountzertifikat ins Spiel. Als Basis dienen meistens eine Aktie oder ein Index und eine Kaufoption. Der Emittent verkauft die Option und reicht den Erlös abzüglich seines Gewinnanteils an den Kunden weiter. Dank der Option kann er das Zertifikat mit einem Abschlag (Discount) auf den Kurs des jeweiligen Basiswertes erwerben.

Notiert beispielsweise eine Aktie, die wahrscheinlich nicht so bald steigen wird, bei 20 Euro, und ein Anleger erwirbt ein Discountzertifikat mit dieser Aktie als Basis, dann kostet sie ihn mit einem neunprozentigen Discount 18,20 Euro. Dafür akzeptiert er, dass bei steigenden Kursen sein Gewinn mit einem Deckel – Cap genannt – begrenzt ist, in diesem Fall liegt der bei 22 Euro. Klettert der Kurs der Aktie bis zum Ende der Laufzeit des Zertifikats über diese Grenze hinaus, hat der Käufer von diesen Gewinnen über die Cap-Grenze hinaus nichts mehr. Sein Gewinn bleibt auf 3,80 Euro pro Zertifikat begrenzt. Den gibt es nach einem Jahr steuerfrei. Der Discount, mit dem der Anleger das Zertifikat erworben hat, sichert ihm bei fallenden Kursen einen geringeren Verlust zu, als die Aktie tatsächlich aufweist. Da er nur 18,20 Euro bezahlt hat, beginnt für ihn erst dort die Verlustzone für das ehemals 20 Euro teure Papier. Eine Dividende kassiert der Zertifikate-Käufer nicht. Mit diesen Erträgen und dem Cap finanziert der Emittent den Discount.

Discountzertifikate glänzen immer dann, wenn die Kurse an den Börsen auf der Stelle treten oder sich nur leicht nach oben und unten bewegen. Die meisten Discounter haben Laufzeiten von ein bis eineinhalb Jahren. Es gibt aber auch endlos laufende Rolling Discounts. Dabei verknüpft der Emittent die Erträge aus dem Verkauf einzelner Optionen Monat für Monat zu einem Endlospapier.

Garantiezertifikate

Wie schon der Name sagt, eignen sich Garantiezertifikate für sicherheitsbewusste Anleger. Sie setzen sich aus zwei Komponenten zusammen: Zum einen aus einer Anleihe, für die keine jährliche Zinszahlung erfolgt, die Erträge stecken vielmehr im niedrigen Kurs; am Ende der Laufzeit wird die Null-Kupon-Anleihe zu 100 Prozent ausgezahlt. Der zweite Bestandteil des Zertifikats ist eine Kaufoption auf Aktien oder einen Index, die Anleihe garantiert den Erhalt des eingesetzten Kapitals; die Option sorgt für den Gewinn bei steigenden Aktienkursen.

Am einfachsten gestrickt sind Papiere, die an einen bekannten Index wie den Dax gebunden sind. Mit deutlich mehr Risiko verbunden sind Garantiezertifikate, die auf bestimmte Aktien setzen. Rutscht eine davon in den Keller, verabschiedet sich auch der Gewinn.

Erfahrene Anleger halten ihre Garantiezertifikate bis zum Ende der Laufzeit. Sie wissen warum: Die eingebaute Garantie gilt a) nur am Ende und b) meistens nur für das eingesetzte Kapital. Das ist durch die Auszahlung der Anleihe gesichert. Wer zwischendurch seine Papiere verkaufen will, muss mit Verlusten rechnen, wenn der Basiswert ins Minus rutscht.

Bonuszertifikat

Nach unten abgesichert und nach oben Anspruch auf alle Gewinne haben, das ist der Traum aller Anleger. Das Bonuszertifikat kommt dieser Vision ein bisschen näher.

Als Basis dienen diesen Papieren meistens Indizes oder Einzelaktien. Nach unten existiert eine Kursschwelle. Berührt der Basiswert diese Schwelle nicht, bekommt der Anleger am Ende der Laufzeit einen Bonus ausgezahlt. Passiert das Unglück doch, ist der Bonus weg und lässt sich auch durch eine spätere Kurserholung nicht mehr retten: Der Anleger bekommt nur den jeweiligen Kurs des Basiswerts aus- gezahlt, auf die Dividende muss er im Gegensatz zum Aktionär verzichten. Diese Erträge bleiben dem Emittenten vorbehalten, der damit das Zertifikat finanziert. Steigt der Wert höher als der Bonus, kassiert der Anleger den ganzen Gewinn.

Bonuszertifikate eignen sich als relativ risikoarme Anlage. Dabei ist es wichtig darauf zu achten, dass die untere Grenze tief genug liegt. Ein Abstand von mindestens 30 Prozent auf den Kurs der Aktie schützt lange vor bösen Überraschungen. Das ist besonders bei längeren Laufzeiten wichtig; üblich sind drei bis vier Jahre.

Die andere Welt – für Zocker

Die weite Welt der Zertifikate hält für jedes Anleger-Temperament etwas bereit. Ein höheres Risiko versprechen die Outperformance-Zertifikate. Sie steigen mit ihrem Basiswert, aber nicht eins zu eins, sondern etwas mehr, beispielsweise um den Faktor 1,3. Abgerechnet wird am Schluss: Die Differenz aus dem Basispreis der Aktie und ihrem Kurs am Schlusstag wird mit dem angegebenen Faktor multipliziert und dem Basispreis hinzugerechnet. Eine Dividende kassiert der Anleger nicht.

Für die Zocker, die bei der Geldanlage gerne aufs Gaspedal drücken, bieten sich Hebelzertifikate an. Läuft alles nach Wunsch, vervielfachen sie die Gewinne. Schon die Namen versprechen Nervenkitzel: Turbo, Turbo Call, Mini Future, Waves oder Knock Out. Anleger können damit auf steigende oder fallende Kurse setzen. Dreht sich der Markt, ist nur noch eines gewiss: der Verlust. Ihre Funktionsweise ist meist leicht zu durchschauen: Sie verlieren ihren Wert, wenn der Kurs des Basiswerts eine bestimmte Schwelle unterschreitet. Anders als bei direkten Terminspekulationen besteht bei den Zertifikaten keine Nachschusspflicht. Die Zockerpapiere eignen sich nur für Anleger, die den jeweiligen Markt, auf dem sie sich tummeln, genau kennen und über genügend Zeit verfügen, die Kursbewegungen ständig im Blick zu haben – um sofort zu reagieren.

Gewinne zwischen Schutz und Risiko

Anleger können Zertifikate jederzeit kaufen oder verkaufen. Das geht entweder über die Börse oder über den Direkthandel. Bei An- und Verkauf fallen Bankspesen an. Was die steuerliche Seite angeht, so gelten alle Zertifikate, die über einen eingebauten Schutz vor Totalverlust verfügen als Finanzinnovationen. Die Kursgewinne unterliegen der Steuerpflicht. Die anderen Varianten unterliegen der einjährigen Spekulationsfrist – danach sind sie steuerfrei.

Marlene Endruweit

INFO

Zertifikatenachgeschlagen

Wer sich intensiver über dasThema Zertifikate informieren will, findet viele Hinweise und Kurse im Internet unter: http://www.boerse-stuttgart.de

Wer’s lieber Schwarz auf Weiß mag, für den hält die BankHSBC Trinkaus & Burkhardt in Düsseldorf ein gut verständliches Buch über „Optionsscheine, Zertifikate und strukturierte Produkte“ bereit. Zu bestellen unter Tel.: 0211/910 46 36 oder per E-Mail: derivatebuch@hsbctrinkaus.de

INDEX

Stichwort:Derivate

Derviate definiert das Börsenlexikon als „Handelsobjekte,die von Basiswerten abgeleitet sind“. Handelsobjekte sind Optionen oder Zertifikate mit einem Basiswert. Der Preis des Derivats richtet sich immer nach dem Wert des Basisobjekts. Das können neben Aktien auch Indizes, Anleihen, Rohstoffe wie Öl, Edelmetalle oder Weizen, und vieles mehr sein.


 

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