AIDS und die Medien

Zwischen Hysterie und Aufklärung

Aids ist seit 25 Jahren Thema in den Medien. Von Anfang an bestimmten soziale und politische Konflikte die Debatte über die Krankheit, sachliche Informationen konkurrierten mit irrationalen Ängsten. Wie bei sonst keiner anderen Krankheit bewegt sich das Verhältnis von Aids und den Medien zwischen Hysterie und Ausgrenzung, Protest und Aufklärung.

Ein besonderer Fall machte 1992 in der zahnärztlichen Welt Furore: Ein Zahnarzt aus Florida hatte Aids und steckte damit fünf seiner Patienten an. Wie das passieren konnte, blieb ungeklärt, zumal der Zahnarzt kurz darauf verstarb. Experten gingen davon aus, dass er die Patienten vorsätzlich mit dem Virus infizierte. Auch in der deutschen Presse schlugen die Informationen über das Vorkommnis hohe Wellen. Es wurde aber bald wieder ruhig, da es sich weltweit um einen Einzelfall handelte. Die Öffentlichkeit verstand sehr bald, dass trotz verstärkter Schutz- und Hygienemaßnahmen ein behandelnder Zahnarzt rein statistisch gesehen mehr gefährdet ist als umgekehrt der Patient.

Ende der 80er-Jahre ergab eine Umfrage der WHO in 60 Ländern, dass die meisten Menschen über die Publikumsmedien von Aids erfahren hatten. Die wenigsten kannten einen Betroffenen persönlich. Beides macht deutlich: Aids ist ein mediales Schauspiel.

Die und wir

Am 5. Juni 1981 teilte das amerikanische Center for Disease Control and Prevention mit, ihm seien innerhalb weniger Wochen fünf an einer seltenen Lungenentzündung erkrankte Patienten gemeldet worden. Bei allen fünf handele es sich um junge, homosexuelle Männer. Einen Monat später schrieb die New York Times, bei 41 Schwulen sei eine seltene Krebsart aufgetreten. Da ständig immer mehr ähnliche Fälle hinzukamen, war schnell ein Name für das Phänomen gefunden: Gay Related Immune Deficiency. Lange hielt sich die Bezeichnung nicht, denn schon bald zeigten auch Menschen außerhalb der Homosexuellen-Szene die Symptome. Die Krankheit wurde umbenannt und hieß ab Sommer 1982 Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS). Die Bevölkerung nahm diese Änderung jedoch nicht wahr. Für sie betraf die neue Krankheit wenige „Risikogruppen“, zu denen ihrer Meinung nach vor allem Homosexuelle und Drogenabhängige gehörten. Die Vorurteile, besonders gegenüber Fixern, verschärften sich, als es Mitte der 80er-Jahre zum Blut-Skandal kam: Mit dem Virus infizierte Blutkonserven waren an Hämophile und andere Patienten weitergegeben worden. Da sich viele Drogenabhängige mit Blutspenden Geld verdienten, gerieten sie noch tiefer in die öffentliche Kritik. Im Juli 1985 wurden schließlich HIV-Tests für alle Blutkonserven Pflicht.

Die Konzentration auf die vermeintlich besonders Gefährdeten hielt sich hartnäckig in den ersten Jahren der Berichterstattung. So sprach „Der Spiegel“ 1983 von der „Homosexuellen-Seuche Aids“. Im weiteren Verlauf fasst der Text zwar auch die damals bekannten wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen, ein negativer Unterton bleibt aber trotzdem. Zum Beispiel, wenn der Autor fragt: „Droht eine Pest? Wird Aids wie ein apokalyptischer Reiter auf schwarzem Ross über die Menschheit kommen? Oder werden nur die homosexuellen Männer daran glauben müssen?“ Sätze wie diese schürten nicht nur Ängste, sie zementierten auch die Grenze zwischen Infizierten und Gesunden, Homo- und Heterosexuellen. Kurz: „denen und uns”. In den ersten Jahren nach dem Auftreten von Aids waren Ambivalenzen wie diese in der Berichterstattung – medizinische Fachzeitschriften ausgenommen – an der Tagesordnung. Der Tenor schwankte zwischen seriös und skandalös.

Protest und Provokation

Aids gleich schwul. Gegen dieses Vorurteil liefen Homosexuelle in den 80er-Jahren weltweit Sturm. Um sich Gehör zu verschaffen, setzten viele Aktivisten auf Provokation. Eine zentrale Rolle in der deutschen Protestbewegung spielte der Regisseur Rosa von Praunheim. Er sah im Zuge der Erkrankung eine neue Schwulenfeindlichkeit aufkommen. Mit seinem Film „Ein Virus kennt keine Moral“ (1985) stellte er sich gegen diesen Trend und räumte mit den gängigen Mythen über Ursprung und Verbreitung von Aids auf – Seitenhiebe auf die politische Diskussion in Deutschland inbegriffen. So lässt der Gesundheitsminister in von Praunheims Film alle HIV-Positiven auf eine „Isolationsinsel“ verschiffen. Damit spielte der Regisseur auf den CSU-Politiker Peter Gauweiler an, der inmitten der Aidshysterie nicht nur die Zwangstestung von Homosexuellen forderte, sondern auch öffentlich über Lager für Aidskranke nachdachte.

Um die Öffentlichkeit für ihre Anliegen zu sensibilisieren, lernten schwule Aktivisten schnell, die Medien für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. In den USA bewies besonders die Organisation ACT UP Talent für medienwirksame Aktionen. Im März 1987 unterbrachen sie beispielsweise die Eröffnung der New Yorker Börse, um gegen zu hohe Preise für Aidsmedikamente zu protestieren. Und der französische Ableger von ACT UP verhüllte anlässlich des Welt-Aids-Tags 1993 den Obelisken auf der Place de la Concorde in Paris mit einem rosa Riesenkondom. Zu allen Demonstrationen wurden Journalisten gezielt eingeladen und mit umfangreichen Pressemappen versorgt.

Kommerz oder Solidarität

Soziales Engagement oder clevere Marketingstrategie? In den 90er-Jahren entzündete sich an dieser Frage ein Streit um zwei Werbekampagnen der italienischen Modefirma Benetton. 1992 veröffentlichte das Unternehmen eine Anzeige, die einen sterbenden Aidskranken zeigte. Der ausgemergelte Körper, die Trauer der Familie – für viele hatte das in einer Werbung für ein kommerzielles Unternehmen nichts zu suchen. Sie warfen Benetton vor, das Thema Aids zu instrumentalisieren, um Aufmerksamkeit zu erregen. Firmenchef Luciano Benetton wies die Vorwürfe zurück: „Der Zweck von Werbung ist nicht, mehr zu verkaufen. Sie soll die Werte, für die ein Unternehmen eintritt, kommunizieren.“ Als Anzeige weltweit verbreitet, erhielt das Bild seiner Ansicht nach die Aufmerksamkeit, die es verdiente.

Zwei Jahre später legte Benetton mit einer weiteren Kampagne zum Thema Aids nach. Die Bilder zeigten Körper, die die Tätowierung „H.I.V. positive“ trugen. Laut Unternehmen sollten die Bilder zur Solidarität mit Infizierten motivieren, die wegen ihrer Krankheit häufig „abgestempelt“ und ausgegrenzt würden. Wieder war der Aufschrei groß. Viele Magazine weigerten sich, die Werbung abzudrucken. Sie empfanden die Körper als gebrandmarkt und fühlten sich an die Markierungen von KZ-Häftlingen erinnert. In Deutschland wurde die Werbung vom Bundesgerichtshof verboten. Die Anzeige „benutzt das schwere Leid von Menschen als Werbethema, um das Unternehmen zum Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit“ zu machen, begründeten die Richter. Die Kontroverse zeigt, wie sensibel die Öffentlichkeit auch zehn Jahre nach dem Aufkommen von Aids auf die Krankheit reagierte. Die Meinungen darüber, welche Bilder geeignet, welcher Rahmen angemessen und welches Maß an Provokation das richtige sei, klafften weit auseinander.

Wissen statt Hysterie

Nicht in der Provokation, sondern in der sachlichen Aids-Aufklärung sieht die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ihre Aufgabe. Damit begann sie schon Mitte der 80er-Jahre, als zwar schon viel über die Immunschwäche geschrieben worden war, aber in der Bevölkerung kaum jemand über Ansteckungsrisiken und Infektionswege Bescheid wusste. Als der Schauspieler Rock Hudson 1985 an Aids starb, spekulierten die Medien zum Beispiel darüber, ob er seine Kollegin Linda Evans kurz vor seinem Tod in einer harmlosen Kussszene für den „Denver Clan“ infiziert hatte. Fehlendes Wissen und eine Flut von Berichten über rasant steigende Erkrankungszahlen – in Deutschland verdoppelten sie sich von 1984 bis 1987 jährlich – führten zu einer Massenhysterie.

Den, häufig irrationalen, Ängsten trat die BZgA entgegen. 1985 verschickte sie eine erste Informationsbroschüre an alle deutschen Haushalte; 1987 ging der erste TVSpot auf Sendung. Seine Botschaft war unmissverständlich: Aids ist nicht das Problem einzelner Gruppen, Aids geht uns alle an. Im gleichen Jahr brachte die Gesundheitsorganisation die Kampagne „Gib Aids keine Chance“ auf den Weg. Die BZgA setzt in ihren Kampagnen häufig auf Humor. Etwa in dem TV-Spot „Supermarkt“ (1990), in dem Hella von Sinnen als Kassiererin die berühmte Frage stellt: „Tina, wat kosten die Kondome?“ Auch die aktuelle „Gemüsekampagne“ lässt den Betrachter schmunzeln. „Mit Humor können unter Umständen Hemmschwellen abgebaut und positive Handlungsimpulse gegeben werden“, erklärt BZgA-Direktorin Elisabeth Pott. „Abschreckungsstrategien finden in den Zielgruppen, die es angeht, häufig keine Akzeptanz. Wichtig ist, dass Informationen konkrete Handlungsanleitungen geben, damit Wissen auch in Handeln umgesetzt werden kann.“

Die Medien verhielten sich vor allem in der Anfangszeit kooperativ, erinnert sich Pott: „Fernsehsender, Zeitungen und Kinos unterstützten die Aktionen. Bei den Öffentlich-rechtlichen liefen unsere Spots regelmäßig zur besten Sendezeit.“ Heute sei es schwieriger, die Sender mit ins Boot zu holen. Zwar beteiligten sie sich noch immer an den Kampagnen, die Spots liefen aber seltener und zu ungünstiger Sendezeit.

Die Präventionsfalle

Im europäischen Vergleich haben aktuell nur Finnland, Schweden und Norwegen niedrigere HIV-Infektionsraten als Deutschland. Doch die positiven Zahlen bergen eine Gefahr: Aids wird von vielen als Risiko unterschätzt. Elisabeth Pott nennt das die „Präventionsfalle“. So gehört die Immunschwäche laut einer Studie der BZgA heute nur noch für knapp ein Drittel der über 16-Jährigen zu den gefährlichsten Krankheiten. 1987 waren es noch zwei Drittel.

Die neue Sorglosigkeit der Deutschen erhält indirekt durch die Medien Auftrieb. Aids erscheint dort vorrangig als Problem der Entwicklungsländer. In der Tat ist die Lage in Afrika und Asien dramatisch. Über 34 der weltweit 40 Millionen HIV-Infizierten leben dort – häufig ohne Zugang zu medizinischer Versorgung. Ihnen eine Stimme zu geben, ist Aufgabe der Medien. Aber leicht wiederholt sich so der Fehler, die Immunschwäche als Problem einer bestimmten Gruppe darzustellen. Einer Gruppe, die weit weg ist von Europa. „Deutschland ist keine einsame Insel“, mahnt Pott. „Die vergleichsweise niedrige Zahl der HIV-Infizierten hierzulande darf nicht dazu führen, sich in vermeintlicher Sicherheit zu wiegen unvorsichtig zu werden und auf Schutz zu verzichten.”

Mehr als eine Seite

Als immer einseitiger empfinden Organisationen wie die Deutsche Aidshilfe (DAH) die Berichte über die Krankheit. Nicht nur, weil die Medien sich hauptsächlich auf die besonders schwer betroffenen Regionen konzentrieren. Auch an anderer Stelle wird Kritik laut: „Wenn momentan in Deutschland über HIV-Infizierte berichtet wird, geht es wieder häufig um Schwule. Und zwar jene Gruppe, die riskante Sexpraktiken bevorzugt“, sagt DAH-Sprecherin Ramona Hering. „Dieses Problem existiert zwar wirklich – bei Heterosexuellen übrigens genauso –, es ist aber nur ein Aspekt des Ganzen.“ Von den Medien wünscht sich Hering mehr Solidarität – mit allen Betroffenen.

Viele HIV-positive Menschen fallen durch das Raster der Medien. Die Entwicklung einer gemeinsamen Strategie, um dem vorzubeugen, ist schwer. Die Lebenssituation der Betroffenen unterscheidet sich zum Teil erheblich durch Alter, Geschlecht oder sexuelle Orientierung. „Der Immunstatus ist nur der kleinste gemeinsame Nenner“, erklärt Petra Hielscher von der Aidshilfe NRW. Neben allgemeinen Kampagnen hält sie zielgruppenspezifische Aktionen für unumgänglich – und geht mit gutem Beispiel voran. Um auf die Situation HIV-infizierter Frauen aufmerksam zu machen, startete die Aidshilfe NRW im November 2005 das Projekt „XXelle“. Hielscher: „Man muss die Aufmerksamkeit lenken und gezielt auf Themen hinweisen.“

„Jupo“ – jung und positiv – heißt eine Kölner Gemeinschaftsaktion der Aidshilfe, einer Produktionsfirma und des Jugendzentrums „anyway“ für homo- und bisexuelle Jugendliche. Ziel des Projekts ist es, die Jugendlichen Präventions-Angebote erarbeiten zu lassen, mit denen die sich identifizieren können. 2003 gab es dafür den Medienpreis der Deutschen Aidshilfe. „Gerade homo- und bisexuelle Jugendliche fühlen sich häufig nicht repräsentiert, weil sie sich meistens an Heterosexuelle oder höhere Altersgruppen richten“, erklärt Norenkemper. An den Workshops nehmen Jugendliche aller sexuellen Orientierungen teil und auch HIV-Positive. In der Gruppe können sie ganz offen über ihre Krankheit sprechen. Im Alltag trauten sich das nicht viele, weil sie sich vor Repressalien fürchteten, bedauert der Pädagoge. Durch die kontinuierliche Verbreitung sachlicher Informationen könnten die Medien dazu beitragen, Ängste gegenüber Menschen, die mit HIV und Aids leben, abzubauen.

Austausch weltweit

Die Krankheit öffentlich machen – Was vielen Betroffenen im privaten oder beruflichen Umfeld unmöglich erscheint, können sie im Internet umsetzen. Vor allem in den USA hat sich ein Netzwerk von Blogs entwickelt, in denen HIV-Positive sich auf Webseiten austauschen können. Anonym oder namentlich. Erfahrungen mit Medikation und Therapien, Geschichten aus dem Alltag, Frustration – alles kommt in den Online-Tagebüchern zur Sprache. „Bei mir wurde Aids diesen März festgestellt“, schreibt ein Blogger aus Florida. „Die Therapie schlägt recht gut an und ich hatte keine Probleme mit diesen höllischen Nebenwirkungen. Mehr habe ich über die Therapie eigentlich nicht zu sagen. In diesem Blog soll es nicht um Selbstmitleid gehen, sondern darum, das Leben zu genießen. Ich weiß, das klingt kitschig. Aber man weiß eben nicht was man hat, bis es weg ist. Oder fast weg.“ Blogs dienen Betroffenen auch als Plattform für gemeinsame Aktionen über nationale Grenzen hinaus. Ein Beispiel dafür ist der „International Carnival of Pozitivities“ ein Forum für alle, „die mit HIV/AIDS leben und sich für die Bekämpfung der Krankheit stark machen“. Blogs bieten sich als Informationsquelle für alle an, die mehr über das Leben von Aidskranken erfahren oder sogar persönlich mit Betroffenen in Kontakt treten wollen. In eigener Regie.


INFO

Linkliste

www.bzga.de

• Die TV- und Kino-Spots der BZGA: www.bzga-avmedien.de

• Deutsche Aidshilfe: www.aidshilfe.de

• Präventionsprojekt JuPo: www.jupo.info

• Initiative Frauen und Aids in NRW: www.xxelle-nrw.de

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