Träume und ihre wissenschaftliche Deutung

Morpheus' Welt

Kunde der Götter, Hinweis zu Gesundheit und Krankheit oder Spiegel der Seele – schon immer galten Träume als höheres Medium und übten eine große Faszination auf die Menschen aus. Neben Religion und Philosophie nutzte insbesondere die Medizin die Träume – seit frühester Zeit deuteten Ärzte die Bilder und Zeichen, um Kranke zu heilen. Jene Ideen, die zwischen dem Glauben an himmlische Mächte und wissenschaftlicher Erkenntnis keinen Widerspruch ausmachten, bereiteten den Boden für die moderne Neurologie und Psychosomatik. Ein Abriss von der Antike bis Freud.

In der Geschichte markierte der Traum in der Regel die Grenze zwischen persönlicher Wahrnehmung und metaphysischer Weisheit. Egal, in welchen Religionen, Mythen und Epen – er galt als Medium, über das dem Schlafenden göttliche Botschaften zugespielt wurden. Nehmen wir die alten Ägypter: Traumkunde und -deutung waren als geheimes Wissen ausschließlich den Priestern vorbehalten. Diese betrachteten die Träume als eine Art Zeichensystem, das sie systematisch entzifferten – ähnlich wie die Hieroglyphen. Oder Buddha. Seine Berufung erfolgte durch einen Traum. In Homers „Ilias“ tritt Agamemnon nach einem von Zeus gesandten Traum seinen Feldzug gegen Troja an – immer maß man den Träumen besondere Bedeutung zu.

Körper- & Seelenlandschaft

Seit Hippokrates (5. Jh. v. Chr.) beschäftigten sich Ärzte gezielt mit dem Traum, um Einblicke in das Innere des Menschen zu gewinnen; in seine physische Verfassung, Verdauung und Psyche. Spiegelten Träume doch den körperlichen und seelischen Zustand des Menschen wider und boten damit Rückschlüsse auf die conditio humana. Hippokrates verstand den Traum als übergeordnetes Modell, dessen einzelne Elemente Hinweise auf die verborgene Landschaft von Körper und Geist gaben. Gemäß der von ihm entwickelten Humoralpathologie, der Lehre von den Körpersäften, verrieten die imaginären nächtlichen Abenteuer, wie es um den Säftehaushalt und damit die Gesundheit des Patienten bestellt war.

Rund 500 Jahre später führte Galen – einer der berühmtesten Mediziner der Spätantike – diese Theorie weiter und wies den vier Körpersäften jeweils die Eigenschaften der vier Elemente zu. Dem Blut entsprach die warm-feuchte Luft und das sanguinische Temperament, der gelben Galle das warmtrockene Feuer und der cholerische Geist, der schwarzen Galle die kalt-trockene Erde und das melancholische Gemüt, dem im Gehirn produzierten Phlegma das kaltfeuchte Wasser und das phlegmatische Temperament. Choleriker träumten darum von Hitze, Melancholiker von Trockenheit, Phlegmatiker von Wasser und Sanguiniker von Wärme. Galens Fazit klang einleuchtend: Die Traumbilder offenbarten, in welchem Zustand sich der Säftehaushalt befand. Träume von Wasser und Feuchtigkeit, von Feuer und Dampf, von Trockenheit und Hitze ließen Rückschlüsse auf die Konzentration der Körpersäfte zu und damit auf mögliche Krankheiten und die gebotenen Therapien. Zugleich galt der Traum auch als Hüter des Schlafs, weil er den Körper reinigt, entspannt und die Seele öffnet.

Rohrpost der Götter

Dennoch schloss die medizinische Analyse der Träume den Glauben an ihre prophetische Bedeutung nicht aus. Diese Vorstellung war damals kein Widerspruch. Im Gegenteil – mythologisches und medizinisches Wissen, beides wissenschaftlich begründet, ergänzten sich. In der Antike trennte man weissagende und natürliche Träume, somnia und insomnia. Später unterschied man dazu noch die dämonischen Träume, in die sich der Teufel einschmuggelte, um dem Schlummernden seine verwerflichen Botschaften einzuimpfen. Von ihnen drohte Gefahr: Denn der Satan steuerte schließlich die imaginative Welt des Schläfers und lockte ihn auf Abwege. Die somnia dagegen erfassten die göttliche Wahrheit. Die insomnia waren ohne Belang, weil sie lediglich die Tageserlebnisse verarbeiteten und weitgehend selbstreferenziell blieben.

Wer also zu fett, zu scharf oder zu üppig aß, übermäßig Alkohol trank oder ausschweifend lebte, den überfiel mitunter eine innere Unruhe, die sich in natürlichen Träumen manifestieren konnte. Zeus und seine Boten flüsterten einem eben nur dann ihre Kunde ein, wenn man der Wollust und Zügellosigkeit vollkommen abschwor. Ein Musterbeispiel für die divinatorische Weissagung war Plutarch zufolge der in seiner Zelle schlafende Sokrates: Jener wartete gelassen die Entscheidung der Götter ab und erfuhr im Traum den Tag seines Todes.

Bekannt sind die Traumdeutungen des Artemidor von Daldis (2. Jh. n. Chr.), der im Oneirokritikon das Wissen der Antike über die Träume sammelte und sie anhand von Symbolen ganz pragmatisch deutete: „Gut ist es zu träumen, dass man das gewohnte Brot isst, und zwar sind für einen Armen schwarze, für einen Reichen aber weiße Brote angemessen. Das umgekehrte Verhältnis bedeutet nicht nur nichts Gutes, sondern sogar Schlechtes; denn weißes Brot kündigt Armen Krankheit, schwarzes den Reichen Mangel an. Hingegen bringt Gerstenbrot allen Glück, denn die Legende berichtet, es wäre die erste Nahrung, welche Menschen von den Göttern erhalten haben.“

Insgesamt las die europäische Antike den Traum als Nachricht höherer Instanzen. Das heißt, die nächtlichen Erlebnisse beinhalteten von Anfang an keine persönlichen Erfahrungen, sondern waren Symbol der göttlichen, kosmologischen Ordnung und Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses. Der Traum wird zum Medium der Verständigung mit den Göttern – das Individuum tritt in eine dienende Rolle zurück, es ist nur zufällig Katalysator fremder Energien. Selbst praktisch denkende Mediziner wie Galen stellten den göttlichen Wink der somnia nicht in Frage – auch wenn ihr Augenmerk in erster Linie auf ärztlichem Befund und Diagnose lag.

Noch der römische Kaiser Konstantin der Große (273-337), so hieß es, träumte vor dem Kampf gegen Licinius und Maxentius von einem Engel, der ihm das Kreuz als Siegesfahne entgegenhielt und rief: „In hoc signo vinces“ – unter diesem Zeichen wirst Du siegen. Konstantin zog mit dem Kreuz auf der Fahne in die Schlacht und bezwang seine heidnischen Widersacher.

Selbstverständlich gab es auch in der Antike Kritiker, die die Bedeutung des Traums als göttliches Werkzeug bestritten: Aristoteles etwa hielt sie für Luftspiegelungen der Seele und sprach ihnen jeglichen spirituellen Sinn ab. Im frühen Mittelalter verbot Papst Gregor II (715 – 731) die Deutung der Träume – hinter ihnen steckte der Teufel, ihre Auslegung stand als Hexerei unter Todesstrafe. Auch im späteren Mittelalter drohte den Traumdeutern der Scheiterhaufen.

Nichtsdestotrotz übermittelte selbst der Gott des Alten Testaments den Menschen seine Botschaft zuweilen im Traum. Etwa dem Pharao. Der hatte von sieben mageren und sieben fetten Kühen geträumt und von sieben dünnen Weizenhalmen, die sieben dicke Ähren verschlangen. Er konnte damit nichts anfangen, bis ihn Joseph aufklärte: Sieben gute und sieben schlechte Ernten standen dem Land bevor. Dank dieser Warnung legten die Ägypter genug Vorräte an und überstanden die Hungerszeit.

Bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts hatten die Traumlehren der Spätantike Gültigkeit. Mit der Aufklärung aber, der Epoche der Vernunft, wird die Traumwelt rigoros gegen die reale Welt abgegrenzt. Der Lichtstrahl der Erkenntnis taucht die Welt der Träume vorerst ins Dunkel. Träume, erklärte Descartes (1596-1650), sind nur Schatten und besitzen im Grunde keine klar erkennbare Ursache. Ging man zuvor davon aus, dass der Traum seine eigene Sprache spricht, die jenseits der Vernunft dennoch logischen Gesetzen gehorcht, bringt er nach Ansicht der Cartesianer nur Unfug hervor. „Warum spüren wir keinen Schmerz, wenngleich wir träumen, dass wir in einem gewaltigen Feuer verbrennen?”, fragt der englische Philosoph John Locke (1632-1704) und versucht mit dieser Folgerung die törichte Widersinnigkeit des Traums zu belegen.

Der Weg nach Innen

Parallel zur Welt der gelehrten Wissenschaft existiert jedoch die Welt der Literatur. Anders als die der Ratio verschriebene Philosophie zeigt sie den Menschen, wie sehr er unter der Macht der Träume steht. Während Descartes und Kant (1724-1804) den Traum als Nonsens abqualifizieren, veranschaulicht die Poesie, dass Traum und Wirklichkeit zusammengehören und der Traum das Denken und Handeln in beträchtlichem Maße mitbestimmt. Besonders die Romantik greift den Traum wieder auf und gesteht ihm eine innere Logik und psychische Grammatik zu. In seinem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ beschreibt Novalis (1772-1801) die fiktive Lebensreise des jungen Helden – anhand seiner Träume und der ihnen innewohnenden Logik. Der berühmte Traum von der Blauen Blume – das zentrale Symbol der Romantik – steht dabei für die Sehnsucht, die Liebe und das metaphysische Streben nach dem Unendlichen. Zugleich, davon sind die Romantiker überzeugt, schafft der Traum eine individuelle, weil intime Erfahrung. Damit die Ebenen und Inhalte des Traums aber überhaupt mitteilbar sind, bedarf es freilich eines adäquaten Mediums. Eines Mediums, das die Sinneseindrücke in Assoziationen überführt. Dieses Medium ist die Sprache. Novalis gelingt, woran die Wissenschaft aufgrund ihrer selbst gesteckten Grenzen bislang noch scheitert: Er entblättert das Seelenleben, die Psyche des Individuums. Alles, was im Traum passiert, folgt einem selbstständigen Programm, das in der Psyche abgespult wird. Er greift damit der Psychoanalyse vor. Sie wird diesen Ansatz weiterführen und sich auf die romantischen Ideen berufen. Nur, wo endet die Gegenwart des Schlafenden, der in seinem Bett liegt, und wo beginnt die fiktive Wirklichkeit des Träumers? Wenn sich der Mensch an zwei Orten gleichzeitig aufhalten kann, verliert sich gleichsam die Idee von der eindeutigen, stabilen Realität. „Der Traum“, vermerkt der Dramatiker Friedrich Hebbel (1813-1863), „ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht so fest in unserer Haut eingeschlossen sind, als es scheint“.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts rückt der Traum wieder verstärkt in den Blick der Medizin. Nach und nach entwickelt man die Theorie der „Nervensäfte“, die als eine vom Gehirn ausgeschiedene Flüssigkeit die Lebensgeister neu stimulieren. Träume entstehen dann, wenn der Mensch einschläft ohne wirklich müde zu sein, so dass die noch nicht völlig verbrauchten Nervensäfte weiterhin ausgeschüttet werden und die Einbildungskraft in Gang setzen. Der Träumer erfindet allerdings keine neue Welt, sondern reproduziert die Tageserlebnisse.

Magnetische Kräfte

Das sah Franz Anton Mesmer (1734-1815) anders – empirische Versuche bewogen ihn dazu, dem Menschen ein dynamisches Unbewusstes zuzuschreiben. Mit dem animalischen Magnetismus traf der umstrittene Arzt kurz vor der Französischen Revolution den Nerv der Zeit. Er war überzeugt, dass die Anziehungskräfte der Planeten das menschliche Nervensystem beeinflussen. Magnete sollten ebenfalls eine heilsame Wirkung auf tierische und menschliche Organismen haben. Seine Thesen basierten auf vier Erkenntnissen. Erstens: Ein physikalisches Fluidum erfüllt das Universum und stellt ein Band zwischen Mensch, Erde und Gestirnen her. Zweitens: Krankheiten entstehen, weil das Fluidum im Körper ungleich verteilt ist. Der Mensch wird gesund, sobald das Gleichgewicht wieder da ist. Drittens: Mithilfe bestimmter Techniken lässt sich das Fluidum auf andere Personen übertragen. Viertens: Auf diese Weise kann man Krisen auslösen und Krankheiten heilen. Was der Schlaf vollbringt, leisten laut Mesmer auch Traum und Somnambulismus: Sie schaffen eine permanente Verbindung zwischen Mensch und Natur.

In der Praxis magnetisierte Mesmer seine Patientinnen, indem er mit den Handflächen von oben nach unten über ihren Körper strich oder sie mit Substanzen in Kontakt brachte, die er vorher magnetisiert hatte. Darauf fielen sie in Trance. Oftmals unterhielten Arzt und Patientin eine erotisch geprägte Beziehung: Der Mann galt als aktive Kraft, die Frau war passives Medium. Ihr entlockte der Magnetiseur in der Séance Erkenntnisse, insbesondere über ihre sexuellen Erfahrungen und Wünsche, die sie im Wachzustand niemals auszusprechen gewagt hätte. Der entscheidende Nachhall des Magnetismus besteht fraglos in der Sexualisierung des Traums.

Großes Aufsehen erregte der Fall der Pianistin Maria Theresa Paradis, die durch Mesmer ihr Augenlicht wiederfand, nachdem die besten Augenärzte Wiens vergeblich versucht hatten, ihr zu helfen. Als sie später erneut erblindete, warf man Mesmer vor, er habe nur geblufft. In der Novelle „Der Magnetiseur“ greift E.T.A. Hoffmann das Modethema „Mesmerismus“ auf und bringt dabei die Streitfrage zwischen rationalistischer und romantischer Traumauffassung auf den Punkt: Sind Träume Schäume oder Champagner für die Seele? Diese Kluft tritt auch in der Medizin zutage: Wertete der Rationalismus Traum und Umwelt als konträre Pole, betonte der Arzt und Theologe Gottheit Heinrich von Schubert gerade die Einheit von Träumen und Wachen, Fantasie und Realität. Die antike Idee vom Traum als Gottesgabe taucht wieder auf, zugleich tritt mehr und mehr die Seele in den Blick. Schubert glaubt, dass das Träumen auf das sympathetische Nervensystem zurückgeht, das das zerebrale System wie die Nacht den Tag ergänzt. Erstere sind in ihren Verästelungen („Ganglien“) ungewöhnlich stark in Leber, Milz und Zwerchfell ausgeprägt – dort werden die Träume produziert, und diese Organe muss der Magnetiseur aktivieren.

Am Schlaf der Welt gerüttelt

Während die Schulmedizin bis tief ins 19. Jahrhundert noch davon ausging, dass Träumen weder ein besonderer Sinn noch ein besonderer Nutzen zukommt, setzte Sigmund Freud (1856-1939) voraus, dass sie über das Unbewusste und seine Mechanismen Aufschluss geben. Zur Traumforschung kam Freud, heißt es in der „Traumdeutung“ (1900), nachdem er eine neue Technik zur Erforschung von Neurosen entdeckt hatte: statt Hypnose die freie Assoziation. Um sich zu erinnern, sollten die Patienten nun ihren Gedanken freien Lauf lassen und alles erzählen, was ihnen gerade in den Sinn kam. Was taten die Patienten? Sie berichteten von ihren Träumen.

Was man im Traum erlebt, folgert Freud, ist das Ergebnis der sogenannten Traumarbeit und dient dazu, unbewusste Wünsche verhüllt darzustellen. Die Traumarbeit ist für Freud die Neurose in klein. Normalerweise werden unbewusste Wünsche verdrängt, weil sie verbotene Regungen betreffen, meistens sexueller Art. Im Traum aber lässt die Kraft der Verdrängung nach, so dass die unverarbeiteten Sehnsüchte in abgemildeter, erträglicher Form abgebildet werden können. Mithilfe der freien Assoziation versuchte Freud das Geheimnis der Träume zu lüften und von der Erzählung des Träumers zu den affekt-geladenen Darstellungen vorzudringen. Der Therapeut, so Freud, könne anhand der Träume vergangene Ereignisse rekonstruieren, die möglicherweise für die neurotischen Störungen des Patienten verantwortlich sind. Nach Freud wird der Traum nicht mehr einfach nur auf der Ebene „göttlich“ oder „körpersprachlich“ interpretiert – an Stelle der alten, begrenzt aussagefähigen Kategorien tritt mit dem Begriff des Unbewussten eine neue Matrix, die dem Träumen eine eigene Dramaturgie einräumt. Doch obwohl Freud den Traum wie kein anderer entmythifiziert und neu gedeutet hat – gelöst ist das Rätsel noch lange nicht.

 

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