Editorial

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

rein fachliches Interesse müsste in erster Linie seinen außergewöhnlichen oberen Canini gelten. Die trägt der Vampir seit Jahrhunderten mit sozusagen cineastischer Würde. Der Mythos vom „untoten“ Blutsauger hat eine lange, immer wieder auch die Medizin befassende Geschichte: 1725 wurde an der damaligen Österreichischen Grenze zu Bosnien erstmals der Fall eines vermeintlichen Vampirs dokumentiert. Was menschliche Phantasie in den kommenden Jahrhunderten aus dieser Geschichte machte, hätte sich die Regierung der damaligen Monarchie kaum träumen lassen.

Seither sind die Versuche Legion, das Phänomen auch medizinisch zu erklären. Und es fehlt, wie die ebenfalls außergewöhnliche Titelgeschichte dieses Heftes aufzeigt, nicht an realistischen Erklärungen für die damaligen Ereignisse.

Heute befassen sich Wissenschaftler ganz unterschiedlicher Profession nach wie vor mit diesem Thema. Das zeigt übrigens eine weit stärkere Überlebenskraft als die ja schließlich „pfählbaren“ Unwesen selbst. Vom tiefsten Transsylvanien ausgehend und von oft bereitwilliger menschlicher Psyche unterstützt zieht so ein Mythos um die Welt, dessen Zentrale inzwischen nach Hollywood verlegt wurde und von dort aus alle Jahre wieder die Kinokassen der wirklichen Welt füllt.

Aber zurück zu den „Beißerchen“ dieser so extrem wandlungsfähigen Monster. So mancher Zahntechniker oder Zahnarzt wird den Wunsch wohl schon gehört, vielleicht auch erfüllt haben: Ein möglichst „echtes“, womöglich sogar individuell angepasstes „Vampir-Gebiss“ gefertigt zu bekommen, hat für Scherzbolde, Film- und Fernsehen, aber auch für den einen oder anderen Freizeit-Grusler ganz besonderen Reiz. Und das, wie Internet-Foren anschaulich belegen, nicht nur zu Zeiten von Halloween und Karneval.

Wer übrigens im Web sucht, der findet. Nicht nur den Spaßartikel aus Plastik, sondern auch das Angebot für Abdruck und Fertigung der selbstredend herausnehmbaren, auf die unversehrten Eigenen aufsetzbaren „Fangs“ vom Fachmann. Skuril? Allemal, aber wohl weniger gesundheitsschädlich als jedes Zungenpiercing. So ausgestattet lässt sich’s viel leichter durch die Gegend fledern, immer im Windschatten von Max Schreck, Christopher Lee, Klaus Kinski, Gary Oldman und wie sie alle heißen mögen.

Apropos fledern: Der in Südamerika lebende, tatsächlich blutsaugende „gemeine Vampir“ hat sichelförmige und an das Aufschneiden seiner Opfer angepasste Canini und Incisivi. Vampirfledermäuse waren aber nicht Vorbild für den im Balkan entstandenen Mythos. Umgekehrt: Die possierlichen Sauger und Säuger verdanken ihren Namen ganz allein Nosferatu und Co.

Aber weshalb eigentlich das ganze Getue um die Schauermärchen? Nun, Blut ist, wie wir alle wissen, ein ganz besonderer Saft, ein Symbol für Lebenskraft, der man nicht beraubt sein möchte.

Und wie heißt es doch so schön im Abspann mancher Filme? Ähnlichkeiten mit damaligen oder gar heutigen Realzuständen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

Ihr

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur