53. Zahnärztetag Westfalen-Lippe

Unverzichtbarer Treffpunkt

Wo Substanzverlust draufsteht, ist noch lange keiner drin. Bestes Beispiel dafür: der Zahnärztetag Westfalen-Lippe in Gütersloh. Zum wissenschaftlichen Schwerpunkt „Verluste der Zahnsubstanz ohne Karies“ wartete die Kammer mit interessanten Fortbildungen auf. Darüber hinaus lockte das Programm mit einem illustren Festredner auf: Ulrich Wickert.

Als ein unverzichtbarer Treffpunkt der Kollegenschaft habe der Zahnärztetag seiner Kammer die „magische Zahl“ von 4 000 Teilnehmern inzwischen weit überschritten, sagte Präsident Dr. Walter Dieckhoff in seiner Eröffnungsrede. Weniger erfreut blickte er auf die Gesundheitsreform zurück. Deutschland befinde sich auf dem besten Weg in die Staatsmedizin, kritisierte Dieckhoff. Zudem könnten – und wollten – die Bürger die Gesundheitspolitik nicht mehr verstehen. Aber, so das Fazit des Präsidenten: „Politische Auseinandersetzungen sind von kurzlebiger Natur, langlebig dagegen sind wissenschaftlich entwickelte Behandlungskonzepte.“ Darauf müsse die Zahnärzteschaft sich konzentrieren.

Viel Inhalt, gute Stimmung

Gute Konzepte werden nach Einschätzung von Tagungspräsident Prof. Dr. Detlef Heidemann vor allem auf dem Gebiet der nicht-kariösen Zahnhartsubstanzdefekte an Bedeutung gewinnen. „Bei unseren Patienten sind zunehmend Zahnhalsdefekte, verkürzte Zähne im Frontzahnbereich und der Verlust der vertikalen Dimension zu beobachten“, erklärte der Frankfurter Wissenschaftler. „Hier eröffnet sich in den nächsten Jahren ein umfangreiches Gebiet für Aufklärung, Prophylaxe und die Therapie“, fügte er hinzu.

Mit den dazu nötigen Anregungen und Informationen konnten sich die Fachbesucher drei Tage lang in zahlreichen Vorträgen und Seminaren versorgen. Themen waren unter anderem säurebedingte Zahnschäden, Therapien bei Funktionseinbußen und die Behandlung von Zahnhalsdefekten durch Goldhämmerfüllungen. Auch für die zahnmedizinischen Assistenz- und Verwaltungsberufe wurde ein umfangreiches Fortbildungsprogramm angeboten.

Charakteristisch für den Zahnärztetag Westfalen-Lippe sei vor allem eins, sagte Dr. Martina Lösser vom Pressereferat der Kammer: die gute Atmosphäre. „Viele Referenten haben die tolle Stimmung zwischen ihnen und dem Publikum gelobt.“ So waren vollbesetzte Auditorien in Gütersloh die Regel.

Politik und gute Manieren

Für Zustimmung und Diskussionsbedarf gleichermaßen sorgte der Vortrag von Nordrhein-Westfalens Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Karl-Josef Laumann. Darin kritisierte der CDU-Mann das Misstrauen des Bundesgesundheitsministeriums gegenüber der Selbstverwaltung. „Ich bezweifle, dass die Politik die medizinische Versorgung der Bürger besser organisieren kann als die Ärzte und Zahnärzte“, sagte Laumann.

Die im Februar verabschiedete Gesundheitsreform verteidigte er gegen Kritik. Zwar sei keine nachhaltige Finanzierungsgrundlage gefunden worden – für den Minister eine Mischung aus Beiträgen und Zusatzprämien –, dass den Krankenkassen mehr Gestaltungsfreiheit für Zusatzprämien zugestanden wurde, bezeichnete er aber als wichtige Neuerung.

Um die Sehnsucht der Gesellschaft nach verlässlichen Werten ging es im Festvortrag von Ulrich Wickert. Den Deutschen mangele es gegenüber ihren Mitmenschen oft an Respekt, stellte der ehemalige Anchorman der Tagesthemen unter anderem fest. Auch Kinder würden nicht konsequent genug an Tugenden wie Höflichkeit und Pünktlichkeit herangeführt. Ein weiteres großes Problem ist seiner Meinung nach die mangelnde Bereitschaft der Deutschen, Fehlverhalten beim Namen zu nennen – egal, so seine Beispiele, ob es dabei um Steuerflucht oder die falsche Mülltrennung geht. Wickert: „Wir müssen erkennen, dass wir in der Gesellschaft die Verantwortung haben, Klartext zu sprechen. Wir müssen die Gauner Gauner nennen, damit sie sich für ihre Taten schämen. Nur so können Werte funktionieren.“

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