Mythos Vampir

Die Gier nach Blut

Seit Jahrhunderten treiben Vampire ihr Unwesen. Sogar so berühmten Vampirjägern wie Prof. van Helsing und Prof. Abronsius gelingt es nicht, Dracula und seine Brut ein für alle Mal zur Strecke zu bringen. Und als die aufgeklärte Wissenschaft die Blutsauger für tot erklärt, stehen sie in Film und Literatur wieder auf. Dort entsteigen sie weiterhin Nacht für Nacht ihren Gräbern und schlagen ihre Zähne in weiße Hälse, immer auf der Suche nach frischem Blut.

Wir schreiben das Jahr 1725, als in Wien ein Brief eingeht, der von äußerst mysteriösen Vorfällen an der bosnischen Grenze berichtet. In der Ortschaft Kisolova seien innerhalb kürzester Zeit mehrere Dorfbewohner plötzlich gestorben, heißt es in dem Schreiben. Verdächtigt wird ein Mann namens Peter Plogojovic. Er soll die Opfer im Schlaf überrascht und getötet haben. Eigentlich noch kein Grund zur Panik – wäre der vermeintliche Mörder zur Tatzeit nicht bereits selbst tot und beerdigt gewesen.

So aber erscheinen den Wiener Hofräten die Vorkommnisse höchst erklärungsbedürftig. Zwar gehören Serbien, die Kleine Walachei und das Banat seit dem Sieg Habsburgs über das Osmanische Reich 1718 zu Österreich – aber der Balkan, insbesondere seine Menschen und seine Kultur, sind weit weg. Vorerst entsendet die österreichische Militärverwaltung in Belgrad einen Feldarzt in die Ferne – er soll sich vor Ort ein Bild der Lage machen und Bericht erstatten. Was der Mediziner bei der Exhumierung des vermutlichen Täters entdeckt, ist schier unglaublich:

„Der Cörper ausser der Naßen, welche etwas abgefallen, gantz frisch; Haar und Bard, ja auch die Nägel wovon die alte weggefallen, an ihne gewachsen, die alte Haut, welche etwas weißlich gewesen, hat sich hinweggeschellet und eine frische neue darunter hervor gethann, das Gesicht, Hände, s.v. Füsse, auch ganze Leib waren beschaffen, daß sie in seinem Lebzeiten nicht hätten vollkommener seyn können. In seinem Mund habe, nicht ohne Erstaunen einiges frisches Blut erblickt, welches der gemeinen Aussag nach von denen durch ihne Umgebrachte gesogen.“

Die Nachricht von den „sogenante( n) vampyrs, die einige Personen durch außsaugung des Bluts umbgebracht haben sollen“, fegt wie ein Lauffeuer durch Europa. Weitere spektakuläre Vampirheimsuchungen auf dem Balkan machen 1727, 1731 und 1732 die Runde. In fast allen westlichen Ländern diskutieren die Gelehrten nun über das „Kauen und Schmatzen der Toten“. Innerhalb weniger Jahre findet das Wort „Vampir“ Eingang in alle westlichen Sprachen. Und eine der schaurigsten Gestalten tritt aus dem südslavischen Gruftdunkel in die bürgerliche Öffentlichkeit.

Blutsauger ohne Biss

Ein wiederkehrender Toter – das ist der Vampir. Kein Dämon, kein Geist, sondern ein lebendiger Leichnam. Er verlässt sein Grab, um die Menschen zu töten und das Vieh zu morden. Er entzieht die Lebensenergie, hat magische Kräfte und kann sich in andere Wesen, wie Fledermäuse, Wölfe und Ratten, verwandeln. Für plötzliche Todesfälle, aber auch Missernten und die daraus resultierenden Hungersnöte ist er verantwortlich. Äußerlich entspricht der Vampir einem Verstorbenen, sein Leichnam ist weitgehend intakt und unversehrt. Seine Erkennungsmerkmale: Glotzende bluttriefende Augen, rote Wangen, keine oder eine eingefallene Nase, einen mit Blut besudelten Mund, eiserne oder blutverschmierte Zähne, keine oder aber lange Fingernägel. Nach spitzen Zähnen, dem Biss in den Hals und dem Blutsaugen sucht man in den geschichtlichen Zeugnissen freilich vergeblich. Tatsache ist, dass der Vampir im Volksglauben weder beißt noch saugt. Den Blutsauger im wörtlichen Sinn erschafft erst die Literatur. Dagegen ist im Volk die Vorstellung populär, dass der Vampir den Menschen ihre Lebenskraft im übertragenen Sinne raubt, welche sich dann in Form von Blut im Mund der Vampirleiche manifestiert. Wie ein Mensch zum Vampir wird? Ein schweres Unwetter bei der Geburt, die dichte Behaarung des Babys oder eine unverletzte Fruchtblase können Vorboten sein, wissen die rumänischen und slawischen Quellen. Wer von einem Vampir geplagt wurde, transformiert im Grab in einen solchen. Geschieht bei der Aufbahrung oder beim Begräbnis ein Missgeschick, kann sich der Tote ebenfalls in einen Vampir verwandeln. Per se gefährdet sind diejenigen, die von der Norm abweichen, man denke an Mörder, Huren, Diebe oder Konvertiten. Wer sehr alt wurde oder umgekehrt auffallend jung stirbt, ist ebenfalls begünstigt. Mit anderen Worten: Jede Form von Anomalität ist verdächtig.

Vampiren ist bekanntlich nur schwerlich beizukommen – ihre Überlebensfähigkeit gilt als nahezu unbegrenzt. Nur ihre völlige Auslöschung bricht den Bann. Dazu versammeln sich die Dorfbewohner, oft ist auch der Priester mit dabei, an dem Vampirgrab. Der Sarg wird ausgehoben und die Leiche nach Anzeichen für eine Transformation in einen Vampir untersucht. Falls der Tote verwest ist, wird der Sarg wieder geschlossen und das Grab zugeschüttet. Falls nicht, wird zur Vernichtung des mutmaßlichen Vampirs geschritten. Üblicherweise wird dem Toten ein angespitzter Pflock durchs Herz getrieben, dann der Kopf abgehackt. Abschließend wird die Leiche verbrannt und die Asche ins Grab gestreut.

Ratlose Wissenschaft

Begebenheiten, die in der westlichen Welt für Irritationen sorgen. Zweifellos tut man sich schwer damit, die Vampire und ihr Treiben zu erklären. Hält man die Spuren doch anfangs sogar für Zeichen übernatürlichen Lebens. Die Diskussion um den Vampirismus wird durch eine zeitgenössische Debatte über das Wesen des Todes zusätzlich angeheizt. Vor allem die Frage, ob die Leiche eines Verstorbenen sofort ohne Leben ist oder noch eine Zeit gewisse vitale Grundfunktionen aufrechterhält, ist dabei von Belang. Etliche Akademiker jener Zeit arbeiten zunächst Theorien aus, die mehr oder weniger auf eine vorsichtige Verifizierung der untoten Umtriebe, denn auf eine offene Widerlegung hinauslaufen.

Aber auch wenn der Arzt, der 1725 den mutmaßlichen Vampir untersuchte, in seinen Akten festhält, er habe an der Leiche keine Zerfallspuren gefunden, muss man heute einfach davon ausgehen, dass das Wissen über die Prozesse der Verwesung damals mangelhaft war. Gase im Körper des Verstorbenen können diesen aufblähen und einen vollkommenen Leib vorspiegeln. Unverwest, ja sogar rosig frisch. Fäulnisflüssigkeit, die sich in der Brusthöhle sammelt und dann nach Erschlaffung der Muskulatur als Gas durch Mund und Nase entweicht, erweckt eventuell den Eindruck, der Leichnam blute und gäbe Geräusche von sich. Aufgrund postmortaler Prozesse sinkt schließlich die Haut ein, Haare und Nägel treten hingegen umso deutlicher hervor. Die Oberhaut löst sich mitsamt den Nägeln ab, sodass die rosa anmutende Lederhaut und die Nagelbetten freiliegen – die ein oberflächlicher Betrachter für zarte, neue Nägel halten könnte.

Erst mit dem Bericht des Banater Regimentschirurgen Georg Tallar von 1756 ist eine Debatte über ein mögliches Nachleben im Grabe abgeschlossen. Tallar hält die Vorstellung vom Vampir für eine Fehlinterpretation von Krankheiten. Hauptübel sei in Wahrheit die falsche Ernährung der Rumänen in Siebenbürgen. Rohe Zwiebeln, Rettich, Knoblauch, Kürbis und Kohl hemmten die Verdauung und hätten schlimme Folgen für den Körper. Ungesund sei außerdem der übermäßige Genuss von Branntwein. Diese Völlerei werde mehrfach im Jahr mit exzessivem Fasten durchbrochen – ein Teufelskreis, der die Menschen laut Tallar erst recht anfällig macht. Als Beweis für seine Theorie führt er an, dass weder unter den Popen und Mönchen, die sich anders ernähren, noch unter den Deutschen und Ungarn oder den Soldaten aus anderen Teilen des Reiches jemals auch nur ein Fall von Vampirismus aufgetreten sei. Was in ihrer besseren Ernährung, aber auch ihrer höhere Bildung begründet liege. Denn der orthodoxe Klerus sei nicht nur dumm – er befördere sogar den Aberglauben der einfachen Leute. Würden die Menschen aufgrund ihrer unzureichenden Kost nun krank, schlafen schlecht oder leiden an Fieberträumen, entstünde die Mär vom Vampir, der sie in Gestalt einer gerade verstorbenen Person heimsuche.

Der Vampirismus wird damit endgültig nicht mehr als Wiederkehr der Toten, sondern als eine febrile Einbildung im Zuge einer infektiösen Erkrankung der Lebenden klassifiziert.

Darüber hinaus werden zunehmend die damals grassierenden Seuchen auf dem Balkan – Pest und Cholera – für den Vampirismus verantwortlich gemacht. Infektionen durch mangelnde Hygiene und Krankheiten, wie Anämie, liefern für die Wissenschaft ebenfalls eine dankbare Deutung, um den Mythos im Sinne der Aufklärung zu entzaubern.

Zweifellos veranschaulicht der Vampirglaube aber auch, wie man sich das Jenseits früher vorstellte. Die Bedrohung aller durch den Vampir, aber auch der Umstand, dass der Untote jemand aus dem eigenen Dorf sein muss, schweißte die Menschen überdies zusammen, seine einträchtige Vernichtung stellte das Weiterleben in den gewohnten Bahnen sicher. Dabei handelt es sich sicherlich auch um ein sozialanthropologisches Phänomen, wenn für den Schaden infolge von Krankheiten und Missernten ein Verantwortlicher gesucht wird. Aus soziologischer Sicht zeigt sich hier, wie die Gemeinschaft mit von ihr Ausgeschlossenen umgeht: Die wandelnden Toten als Personen, die in Wirklichkeit den sozialen Tod erfahren haben.

Okkultes Geschmäckle

Nachdem nicht die Vampire, sondern die Lebensbedingungen als Ursache der Sterbefälle ausgemacht wurden, erscheint es für die Mediziner nicht mehr akzeptabel, sich mit den jetzt paranormalen Phänomenen wissenschaftlich zu beschäftigen. Ab dem 19. Jahrhundert sind Geister und Gespenster kein Thema mehr – auch nicht für Psychologie und Psychiatrie. Eben erst mit dem Status der Wissenschaftlichkeit ausgezeichnet fürchtet die noch junge Disziplin, sich wieder mit dem okkulten Geschmäckle zu infizieren.

Erst rund 250 Jahre später versucht eine Reihe von Medizinern abermals, den Vampirglauben wissenschaftlich zu erklären. Lionel Milgrom, USA, zum Beispiel. Er veröffentlicht 1984 einen Artikel über die elementare Funktion von Chlorophyll und Hämoglobin für den Stoffwechsel. Als mögliche Ursache für den Vampirismus macht er Störungen bei der Bildung von Hämoglobin aus. Und zwar eine Form der Porphyrie, bekannt als Morbus Günther. Die Stoffwechselkrankheit führt unter anderem zu schwerer Lichtdermatose, Parodontitis, Rotverfärbung der Zähne mit Fluoreszenz unter UVLicht, hämolytischer Anämie und verstärkter Körperbehaarung. Aufgrund der Hauterkrankung meiden Erkrankte überdies das Sonnenlicht. Selbst die berühmte Abneigung des Vampirs gegen Knoblauch kann Milgrom in seine These einbauen: Knoblauch enthält nämlich ein Enzym namens Cytochrom P-450, und das baut alte rote Blutkörperchen ab. Das heißt, isst ein Porphyriekranker Knoblauch, würden sich seine Symptome noch verschlimmern. Problematisch ist freilich, dass bis heute nur etwa 200 Fälle von Morbus Günther insgesamt bekannt sind und die Krankheit für die Vampirfälle auf dem Balkan deshalb nicht herhalten kann.

Nicht anders ergeht es dem spanischen Dermatologen Juan Gómez-Alonso mit seiner Tollwuttheorie (1982). Er vertritt die Ansicht, dass hinter dem Vampirglauben in Wahrheit der Tollwutvirus steckt. Zugegebenermaßen verursacht das Virus eine Encephalitis inklusive Lähmungen, Angst und Verwirrtheit. Die Betroffenen delirieren, halluzinieren, leiden an Schlaflosigkeit und verhalten sich anormal. Haben sie zuerst nur Schmerzen an der Bissstelle, steigern sich bald die Symptome. Es kommt zu einer Lähmung des Rachens, verbunden mit der Unfähigkeit zu sprechen. Weil die Kranken ihren Speichel nicht mehr schlucken können, bildet sich Schaum vorm Mund. Eine plausible Erklärung, zumal die Zahl der Tollwutopfer beträchtlich in Osteuropa war und ist. Zugleich erklärt die Theorie, warum wir es zum Teil mit regelrechten Vampirepidemien zu tun haben – schließlich ist die Tollwut eine Infektionskrankheit, die mal öfter, mal weniger oft auftritt. Dennoch wird die Forschung mit ihren monokausalen Ansätzen der schillernden Figur des Vampirs nicht gerecht.

Totgesagte leben länger

Es ist ihre Wandlungsfähigkeit, die den Vampiren erlaubt, von den Toten wiederaufzustehen. Als nämlich die Aufklärung dem Vampirismus langsam den Garaus macht, flüchten sich die Wiedergänger ins Feld der Literatur. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert setzt der Vampir hier sein unheimliches und subversives Treiben fort. Gerade zum literarischen und filmischen Vampir gehört, dass er sich wie Nebel unter der Tür in jede Kultur einschleichen und sich ihr anverwandeln kann. Waren die romantischen Vampire Byrons noch melancholische Salonlöwen, mutiert der Blutsauger im viktorianischen Zeitalter zum abartigen Monster.

Aber erst mit Bram Stokers Roman „Dracula“ (1875) gelangt das Motiv beinahe vergessener osteuropäischer Kulturgeschichte zurück in das kulturelle Gedächtnis des Westens. Dracula – ein Graf von beeindruckender Erscheinung, verführerisch und furchterregend zugleich. Namensgeber, wenn auch nur bedingt historisches Vorbild für die Figur war der rumänische Fürst Vlad Draculea, auch Vlad Tepes (1431-1476). Vlad Draculea bedeutet „Kleiner Drache“, denn sein Vater wurde 1431 in den Drachenorden aufgenommen, gegründet zum Kampf gegen die Osmanen. Im Johannesevangelium ist der Drache eine Bezeichnung für den Antichrist, im Rumänischen bedeutet „drac“ Teufel. Tepes heißt „der Pfähler“. Nicht ohne Grund. Der Fürst ging als grausamer Herrscher in die Geschichte ein: Fast 24 000 Türken soll er gepfählt haben.

Dracula – ist er nicht in der Literatur nur ein Produkt der Phantasie? Irrtum. Der Grenzgänger Dracula berührt die existenziellen Fragen zu Ernährung, Krankheit und Sex, ja, zu Tod, Macht, Unsterblichkeit und Gott.

Der Vampir ist immer „der Andere“, „the other“, wie es in Stokers Dracula heißt, und als solcher sicherlich ein Phänomen der Ausgrenzung und Abtrennung. Und doch ist er untrennbar mit dem „normalen“, „gesunden“ gesellschaftlichen Leben verbunden. Als Figur der Grenze überschreitet er diese immer wieder in beide Richtungen und mäandert zwischen Leben und Tod, Diesseits und Jenseits, Mensch und Tier, Wachzustand und Traum, Normalität und Perversion, Gesundheit und Wahnsinn. Schon Draculas Wohnsitz in Transsylvanien ist ein Zeichen dieser Gratwanderung. Wie auch die Zeiten des Übergangs, die für seine Aktivität und seine Bekämpfung gleichermaßen maßgeblich sind: Mitternacht und Mittag, Morgen- und Abenddämmerung, der Gezeitenwechsel. Weil der Vampir zeigt, wie eng die sogenannte Normalität mit der Abweichung zusammenhängt, stellt er beständig unsere Normen und unser Wissen auf die Probe. Indem zum Beispiel offiziell für tot Erklärte plötzlich als lebende Leichname wiederkehren, unterminiert der Vampirismus das wissenschaftliche Selbstverständnis der Medizin. Sie wird als Wissenschaft wenn nicht hinterfragt, so doch auf alle Fälle provoziert. Es geht darum, wo das Leben endet und der Tod beginnt, ob es dazwischen eine Sphäre des Scheintoten oder Untoten gibt, welche Rolle Lebenskraft und Blut für den Fortbestand des Lebens spielen und wie sich das Leben fortpflanzt.

Produkt der Prüderie

Das prüde 19. Jahrhundert spielt am Thema Vampirismus das ganze Spektrum sexueller Abweichungen durch, von denen außerhalb der Wissenschaft nur schwer gesprochen werden konnte. Der Vampirismus ist nicht nur sadistische Vergewaltigung, er trägt auch Züge der Nekrophilie in sich und bringt bei seinen Opfern masochistische Neigungen zu Tage. Dass ihm das gelingt, liegt an seiner manipulativen Kraft: Vampire unterwerfen nicht nur den Körper ihres Opfers, sondern auch dessen Seele. Sie schleusen sich via Traum, Trance und Hypnose in die Psyche ein, lähmen jeden Willen und machen sich ein unbewusstes Begehren zunutze. Im Biss des Vampirs liegt häufig ein Moment geheimer Wunscherfüllung.

Am Vampirismus lässt sich darum auch die Geschichte der Psychologie verfolgen, insbesondere die „Entdeckung des Unbewussten“, noch über die hypnotischen Szenen in Stokers Roman hinaus, der sich explizit an der Praxis des Neurologen Jean-Martin Charcot (1825-1893) orientiert. Mit der Manipulation der Seele geht auch die fatale Dialektik von Opfer und Täter einher. Sie gibt Aufschluss über die historischen Geschlechterrollen, wie etwa den im Zeitverständnis tendenziell sadistischen Mann und die masochistische Frau. Das Täter-Opfer-Verhältnis ist eines der Macht und hat als solches auch eine soziale und politische Dimension.

Der Vampir ist allerdings nicht nur der Außenseiter, er kann auch ein Träger sozialer Herrschaft sein. Schon Voltaire verwendete den Begriff des Vampirs metaphorisch für die ganz realen Blutsauger der Gesellschaft – nicht von ungefähr kommen die literarischen Vampire zunächst überwiegend aus dem Adel.

Kernelement im Vampirismus ist das Blut. Dadurch dass der Vampir seinem Opfer das Blut entzieht, zeugt er seine eigene Gattung fort – eine Art pervertierte Zeugung zum Tode, deren Darstellung sich die traditionelle Bedeutung des Blutes für Lebenskraft und Genealogie zunutze macht. Dracula verstößt nicht nur gegen das alttestamentarische Verbot, Blut zu trinken, sondern verkehrt das christliche Abendmahl, indem er die christlichen Riten nicht einfach negiert, sondern sich ihrer bedient und sie übersteigert. Blut ist der Lebenssaft, und der Blutverlust schwächt die Opfer und stärkt den Vampir. Ihn umhüllt ein untoter Körper, er hat allenfalls Geist, aber keine Seele. Als Untoter praktiziert Dracula geradezu jene Auferstehung des Fleisches, die Jesus verheißen ist und führt ein ewiges Leben.

Von diesen zentralen Elementen des Vampirismus – Tod, Blut und Seele – führt die Linie direkt zur Theologie und Metaphysik. Der Vampir erscheint als Ausgeburt der Hölle und dementsprechend rücken ihm seine Gegner mit dem ganzen Instrumentarium eines christlichen Exorzismus zu Leibe: Kreuze, Weihwasser, Hostien. Gerade Stoker stilisiert Dracula zum Widersacher Gottes. Abraham van Helsing versichert uns in dem Roman immer wieder: „Es gibt nichts zu fürchten, Miss Mina. Dracula ist tot auf ewig.“ Wie unrecht er hatte!

Vor seinen Verfolgern proklamiert der unsterbliche Graf aus Transsylvanien: „Ihr bildet euch ein, ihr hättet mich vertrieben, aber ich besitze mehr. Meine Rache hat gerade erst begonnen. Ich verteile sie über Jahrhunderte, und die Zeit arbeitet für mich!“

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