Zeckenentfernung schnell und kompetent

Dem Märchen vom Linksgewinde ein Ende

Sowohl die Geschichte vom Rechts- oder Linksgewinde als auch die diversen Geheimtipps von Olivenöl bis Klebstoff sollten Patienten ausgeredet werden. Besser ist, Waldläufern, Gärtnern und Hundebesitzern zu erklären, worauf sie nach einem Zeckenstich achten müssen. Vor allem muss der Blutsauger möglichst schnell entfernt werden. Denn je kürzer die Saugzeit, desto geringer ist die Chance für die infizierte Zecke, die Borrelien weiterzugeben.

Durchschnittlich drei Jahre dauert der Entwicklungszyklus der Schildzecke Ixodes ricinus. Vom Ei führt er über ein sechsbeiniges Larven- und ein achtbeiniges Nymphenstadium zum achtbeinigen Adultenstadium. Die erwachsenen Weibchen erreichen eine Größe von bis zu 4 bis 5 Millimetern (mm) und sind durch einen orangenfarbenen Hinterleib gekennzeichnet. Die schwarzen Männchen sind kleiner und stechen nur akzidentiell. Die Nymphe hat eine Länge von 1,5 bis 2 mm und die Larve, die prinzipiell auch eine Lyme-Borreliose übertragen kann, ist etwa 0,5 mm groß. Wegen ihrer Transparenz sind die Larven mit bloßem Auge praktisch nicht zu sehen.

Entscheidend für die Wahl des Biotops sind für Ixodes ricinus insbesondere Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Dabei ist eine Temperatur zwischen 6 und 20 °C optimal. Zum Überleben benötigt die Schildzecke eine Vegetation, in der sich eine Luftfeuchtigkeit von wenigstens 80 Prozent aufbauen kann. Die Zecken trinken nicht, sondern bilanzieren ihren Wasserhaushalt, indem sie ab 75 bis 80 Prozent Luftfeuchtigkeit aktiv atmosphärischen Wasserdampf aufnehmen. Dies ist auch der Grund dafür, dass sich in Wohnungen keine Ixodes-ricinus-Populationen halten können [3, 6].

Zecken sitzen nicht auf Bäumen

Immer noch weit verbreitet ist die Vorstellung, Zecken säßen auf Bäumen und stürzten sich von dort auf ihre wehrlosen Opfer. Dagegen spricht schon allein die Tatsache, dass die Zecken dort die benötigte Luftfeuchtigkeit nicht finden und auf Trockenheit sehr empfindlich reagieren. Die Zecke würde also bereits auf dem langen Marsch zur Astspitze schlicht und ergreifend vertrocknen. So sitzt der gemeine Holzbock in der bodennahen Vegetation, bis maximal 1,5 Metern Höhe, und lässt sich üblicherweise von seinen Wirten von dort abstreifen. Hierfür verwendet er einen hoch effizienten Halteapparat an seinen Beinspitzen (Abbildung 1a).

Zudem besitzt die Zecke eine gute Ausrüstung an Chemo-, Mechano- und Thermorezeptoren (Haller’sches Organ) am vorderen Beinpaar und ist deshalb durchaus in der Lage, auch ruhende Wirte aufzufinden. Eine klassische Situation dafür ist zum Beispiel das Picknick am Waldrand. Nachdem sie ihr Wirtstier gefunden hat, begibt sich die Zecke zunächst auf die Suche nach einem geeigneten Platz für den Saugakt. Die Suche kann mehrere Stunden in Anspruch nehmen [1, 3, 6]. Für den Stich ritzt sie mit ihren paarig angelegten „Cheliceren“ die Haut ein und schiebt das Hypostom (Stechapparat) in die Wunde vor (Abbildung 1b). Neben Enzymen sowie entzündungs- und gerinnungshemmenden Substanzen wird auch eine Zementsubstanz aus den Speicheldrüsen in die Wunde abgesondert, in der sich die Zecke mit Widerhaken verankert. Da dieser Zement mit der Zeit aushärtet, wird die Entfernung der Zecke immer schwieriger, je länger diese am Wirt sitzt [6].

Die Borrelien werden erst durch das Saugen aktiviert

Normalerweise befinden sich die Borrelien in einem inaktiven Zustand im Darm der ungesogenen Zecke. Erst im Verlauf des Saugaktes kommt es durch die physiologischen Veränderungen (wie pH-Wert und Temperatur) zur Aktivierung der Borrelien, und sie disseminieren in die Speicheldrüse, von wo aus sie auf den Menschen übertragen werden. Bei der Entfernung der Zecke ist also entscheidend, dass insbesondere Darm und Speicheldrüsen entfernt werden.

So entfernen Sie die Zecke richtig

Eine festgesogene Zecke soll so schnell wie möglich entfernt werden, denn die Wahrscheinlichkeit der Übertragung von Borrelien nimmt mit der Dauer des Saugaktes zu [2, 5]. Bei der Entfernung ist darauf zu achten, dass der Zeckenleib nicht gequetscht wird, da dadurch Erreger aus Darm oder Speicheldrüse in die Wunde gepresst werden können. Auch sollten keine Substanzen wie Klebstoff, Alkohol, Nagellack oder Öl zur Entfernung der Zecke eingesetzt werden, da nicht ausgeschlossen ist, dass dies die Sekretion von Borrelien in die Stichwunde induziert [1, 4].

Die Zecke soll (am Besten eine Lupe zu Hilfe nehmen) möglichst dicht über der Haut mithilfe einer spitzen Pinzette gefasst und dann einfach herausgezogen werden (Abbildung 2a). Weit verbreitet ist noch immer die Überzeugung, der gemeine Holzbock müsse rechts- oder linksherum „herausgeschraubt“ werden. Gerade diese falsche Vorstellung führt aber am Zuverlässigsten zum Abreißen des Stechrüssels. Die Zecke hat definitiv weder ein links- noch ein rechtsdrehendes Gewinde. Vorsichtiges Hin- und Herdrehen und vorsichtige Rüttelbewegungen können das Entfernen erleichtern. Steht kein entsprechendes Werkzeug zur Verfügung, kann die Zecke auch unter Zuhilfenahme der Fingernägel oder eines feinen Fadens, der um die Zecke gelegt wird (Abbildung 2b), herausgezogen werden. Insbesondere bei der Entfernung mittels der Fingernägel ist darauf zu achten, dass der Zeckenleib so wenig wie möglich gequetscht wird

Sollte bei der anschließenden Inspektion der Wunde (Lupe!) noch ein Zeckenrest sichtbar sein, kann dieser chirurgisch entfernt werden. Typischerweise handelt es sich hier nicht um den Kopf, sondern lediglich um das Hypostom. Darm und Speicheldrüsen sind im Körper der Zecke lokalisiert und deshalb normalerweise schon entfernt. Abschließend muss die Wunde gründlich desinfiziert werden, unter anderem, um Superinfektionen mit anderen (Haut-)Keimen zu verhindern.

Auf jeden Fall muss der Patient auf mögliche Symptome einer Lyme-Borreliose (gegebenenfalls auch einer FSME) hingewiesen werden [4]. Dabei sollen die verschiedenen klinischen Manifestationen sowie die Inkubationszeiten beschrieben werden. Ein erneuter Arztbesuch ist nur nötig, wenn entsprechende Symptome auftreten. Eine prophylaktische Antibiotikagabe kann nach derzeitigem Wissensstand in Deutschland nicht empfohlen werden. Ebenso sind serologische Verlaufskontrollen oder die Untersuchung der Zecke auf Borrelien nicht indiziert.

Literatur bei den Verfassern

Dr. med. Volker Fingerle
Prof. Dr. med. Bettina Wilske
Nationales Referenzzentrum für Borrelien
Max v. Pettenkofer Institut
Pettenkofersttr. 9a
80336 München
nrz-borrelien@mvp.uni-muenchen.de

Mit Fachwissen gewappnet

Zeckenpanik in der Praxis

Der Website der Europäischen Zeckeninformation weist in der 21. Woche des Jahres 2006 zirka 29,8 Millionen Zugriffe auf. Der Borreliose Bund Deutschland e.V. hat etwa 4000 Betroffene als Mitglieder und führt nach eigenen Angaben jährlich mehr als 20000 Beratungen durch. Diese wenigen Zahlen, aber auch die Erfahrungen der praktizierenden Kollegen sowie die vielen Tipps selbsternannter Spezialisten zeugen davon, dass Zeckenstiche ein sensibles Thema von größter Bedeutung sind.

Eine merkwürdige Melange aus Angst, Ekel und Unsicherheit ruft bei vielen Betroffenen nach einem Zeckenstich manchmal geradezu panikartige Reaktionen hervor. Häufig ereignen sich Zeckenstiche am Wochenende, wenn die Familie ins Grüne zieht. Wird dann am Samstagabend die Zecke entdeckt, ist guter Rat teuer. Die vielen mehr oder weniger seriösen Ratschläge oder im Internet kursierenden und sich widersprechenden Meinungen lassen den Schluss zu, dass Ärzte ihre Beratungsfunktion hier nicht ausreichend erfüllen.

In der kritischen Zeit der ersten Tage nach dem Zeckenstich kommt es darauf an, dem Betroffenen durch kompetente Beratung, bestimmtes Auftreten und zielstrebige Aktion ein Gefühl der Sicherheit zugeben. Grundlage hierfür ist umfassendes eigenes Wissen über die Wahrscheinlichkeit einer Infektion und eine klare Vorstellung über das nötige Vorgehen, aber natürlich auch die Kenntnis der Mythen und Märchen, die gerade zu diesem Thema im Umlauf sind. Bei der erforderli chen Ganzkörperuntersuchung muss man wissen, worauf zu achten ist, da man in der Regel nur das sieht, was man kennt. Die Entscheidung für oder gegen eine antibiotische Therapie sollte auf einem klaren Konzept beruhen. Zugegeben, die Materie ist komplex und gerade für die Epidemiologie und Infektiologie gilt ganz besonders das Wort Platons: „panta rhei”. Daher müssen wir, als Ruderer gegen den Strom, uns immer wieder über den aktuellen Stand des Wissens kundig machen. In diesem Schwerpunkt erfährt der Leser alles Wichtige über die Zeckenentfernung, die Frühdiagnose der Borreliose und die stadiengerechte Therapie. Das ist eine Menge. Dennoch bleiben immer noch zehn weitere Krankheiten, die durch Zecken übertragen werden.

Prof. Dr. med. H. S. Füeßl
Geschäftsführender Schriftleiter
MMW-Fortschritte der Medizin,
Bezirkskrankenhaus Haar


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