Leitartikel

Die Zukunft gemeinsam stemmen

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

es ist noch gar nicht so lange her, dass wir die Ergebnisse der vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS IV) präsentiert haben – mit einer stolzen Bilanz über das, was die Zahnheilkunde bisher erreichen konnte. Quintessenz: Die Prävention ist als Grundlage zahnmedizinischen Handelns im Versorgungsalltag inzwischen erfolgreich implementiert. Dennoch gibt es zahlreiche professionspolitische Herausforderungen, nämlich:

• Mehr Kariespolarisierung bei Kindern:

Da sich die Polarisierung noch verstärkt hat, stellt sich die zentrale Frage, wie man die entsprechenden Risikogruppen, vor allem Kinder, besser erreichen kann. Wir brauchen Projekte mit begleitender wissenschaftlicher Evaluation. Programme zur effektiven Vernetzung von bevölkerungs-, gruppen- und individualprophylaktischen Ansätzen müssen weiter entwickelt werden. Ein entscheidender Ansatz kommt der zugehenden Betreuung zu, auch was kulturspezifische Ansätze betrifft. Wichtig ist die Unterstützung durch die zahnärztlichen Berufsorganisationen wie auch durch die beteiligten Partner in der Gruppenprophylaxe. Vernetzung ist das Stichwort: Der öffentliche Gesundheitsdienst, Pädagogen, Erzieher und Betreuer spielen als Partner der niedergelassenen Zahnärzteschaft eine vornehmliche Rolle. Erfolgreiche Projekte sollten den Beteiligten zur breiten Umsetzung empfohlen werden. Und um positive Erfolge bei Kindern und Jugendlichen auch langfristig zu erhalten, ist es wichtig, gruppenprophylaktische Aktivitäten zu verstetigen und intensivprophylaktische Bereiche auszubauen.

• Mehr Wurzelkaries bei Erwachsenen und Senioren:

Die beeindruckenden Fakten zum Zahnerhalt bei Erwachsenen und Senioren haben eine (in der Natur der Sache selbst liegende) Kehrseite. Mit fortschreitendem Alter steigt auch das Risiko einer Wurzelkaries. Hier gilt es, die Bedeutung individualprophylaktischer Ansätze (wie Mundhygiene, professionelle Zahnreinigung, elektrische Zahnbürste) herauszustellen. Ernährungsempfehlungen und die wachsende Co-Morbidität bei älter werdenden Menschen sind Faktoren, die zunehmend in die zahnärztliche Diagnose und Therapie mit einbezogen werden sollten.

• Mehr schwere Parodontalerkrankungen bei Senioren:

Der Anstieg schwerer PAR-Erkrankungen wirft versorgungspoltische Fragen auf. Zunehmend zeigen sich Zusammenhänge zwischen allgemeinmedizinischen Erkrankungen (Herz-Kreislauf, Diabetes mellitus, Fehlgeburtenrisiko oder Magen-Darm-Störungen) und Parodontitis.Verhaltensabhängige sowie soziale Faktoren und genetische Ursachen kommen hinzu. Um präventive Potentiale zu heben, sollte in erster Linie mehr Aufklärung über Ursachen und Symptome einer Parodontalerkrankung erfolgen. Hinzu muss eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Medizin kommen. Wichtig ist es, eine konsequente Präventionsstrategie vom Jugendalter bis hin zu den Senioren zu verfolgen. Dazu gehört ein regelmäßiges Recall und parodontales Screening unter Beachtung der medizinischen Anamnese.

• Die Bedeutung von Risikofaktoren:

Risikofaktoren wie das Rauchen haben wissenschaftlich belegt Einfluss auf die Entstehung von Parodontalerkrankungen. Raucherberatung und -entwöhnung sollte deswegen in die Verbesserung der oralen Mundhygienesituation integriert werden. Sinnvoll ist es, wenn auch bei öffentlichen Kampagnen gegen Tabakmissbrauch das Thema PAR miteinbezogen würde. Ein weiteres Feld ist Adipositas. Hier zeigt sich zwar nicht wissenschaftlich eindeutig der Zusammenhang zur PAR, jedoch erscheint es sinnvoll, das Thema Fehlernährung bei bevölkerungsweiten Aufklärungskampagnen auch unter zahnmedizinischen Gesichtspunkten mit der Medizin zu vernetzen.

Wir müssen uns hier und jetzt aufstellen, um künftige Handlungsbedarfe rechtzeitig aufzufangen. Der Ausschuss Präventive Zahnheilkunde der Bundeszahnärztekammer ist aktiv, politische Konsequenzen aufzuzeigen und neue Strategien zu entwickeln. Die Professionspolitik, Wissenschaft und auch die einzelne Zahnarztpraxis sind herausgefordert, die Aufgaben der Zukunft gemeinsam zu stemmen.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Dietmar Oesterreich
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer