Gesundheitskongress des Westens

Global denken - regional lenken

Das Gesundheitswesen ist eine Zukunftsbranche, das Sorgenkind der deutschen Sozialpolitik hat sich zu einem potenten Wirtschaftsfaktor entwickelt. Zumindest waren dies zentrale Botschaften auf dem "Gesundheitskongress des Westens 2007", der erstmalig vom 28. bis 29. März in Essen stattfand. Vorgestellt wurden nicht nur Visionen und Diskussionen, sondern auch handfeste Modelle und Projekte, die zukünftige Wege in der Gesundheitspolitikund -wirtschaft aufzeigten.

Der ambitionierte Kongress in Essen unter dem Motto "Gesundheitswesen zwischen Regionalisierung und Globalisierung" war eine Premiere. 650 Teilnehmer aus Politik, Industrie, Krankenhauswesen, Verbänden und Wissenschaft, 100 Referenten und eine Fülle von Informationen, die vor allem eines aufzeichneten: zukunftsweisende Tendenzen in der Gesundheitspolitik und -wirtschaft. Wurde in der Vergangenheit das Gesundheitswesen von vielen Seiten der Politik vornehmlich als Kostenfaktor gesehen, so traten in Essen mehr und mehr neue Töne zutage: die Branche wird zunehmend als Wachstumspotential - auch und vielleicht gerade aufgrund des Demographiefaktors - gesehen.

Ganz bewusst war der Fokus über Nordrhein-Westfalen hinaus auf die Bundes- wie auch EU-Ebene gesetzt, als "Leitkongress für die NRW-Wirtschaft und darüber hinaus", wie der Kongresspräsident und Berliner Ex-Gesundheitssenator Ulf Fink betonte. Das bevölkerungsreichste Bundesland habe mit rund 15 Prozent beziehungsweise einer Million Beschäftigten im Gesundheitswesen und 52 Milliarden Euro Umsatz in diesem Bereich ein enormes Potential, das gelte vor allem für die Telemedizin.

Soziale Gesundheitswirtschaft

NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers sprach von der Vision einer "sozialen Gesundheitswirtschaft", neben der Ökonomie dürfe keinesfalls der Faktor Humanität aus den Augen verloren werden. Bis zum Jahr 2015 erwarte er mehr als 200 000 neue Arbeitspätze im Land, das er für eine wachsende Gesundheitsbranche bestens aufgestellt sehe: "In der Gesundheitswirtschaft liegt ein unglaubliches Potential." Die Branche sei ein wichtiger Träger des Strukturwandels im Ruhrgebiet. Den demographischen Faktor mit einer älter werdenden Gesellschaft sah Rüttgers als "Glücksfall" an, der ein "Höchstmaß an Investitionfähigkeit" erfordere. Erwogen werde der Aufbau eines Netzwerks der Exzellenzen in der Medizin, analog dem US-amerikanischen Vorbild der National Institutes of Health, die 27 Forschungseinrichtungen zu diversen Krankheitsbildern erfassen. So solle NRW langfristig zu einem der führenden Gesundheitsstandorte in Europa werden. Prof. Dr. Bert Rürup, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, sprach sich für mehr Wettbewerb und flexiblere Strukturen im Gesundheitswesen aus. Seine Prognose: Der Bereich werde sich nach und nach der Globalisierung öffnen und aus dem Nationalen herauswachsen.

Eine perspektivische Analyse der Gesundheitsreform nach dem neuen Wettbewerbsstärkungsgesetz gab der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium Klaus Theo Schröder. Als einen maßgeblichen Schritt nannte er den weiteren Ausbau der Integrierten Versorgung. Die Einbeziehung der Pflege in diesen Bereich bezeichnete er als einen wichtigen Fortschritt. In vielen Teilen gebe das neue Gesetz Antworten auf dringende Probleme in der Gesellschaft, die GKV beginne, sich an "strukturelle Wirklichkeiten" anzupassen. Als Beispiele nannte er die Veränderung von Arbeitsbiographien, auf die man mit der Einführung von Wahltarifen, Kostenerstattung oder einzelvertraglichen Lösungen reagiert habe. Den Gesundheitsfonds bezeichnete er als ein "stabilisierendes Element" und eine "entscheidende Entwicklung nach vorne". Insgesamt leiste das neue Gesetz einen "Beitrag zum Gesundheitsstandort Deutschland."

Kritische Töne schlug Karsten Gebhardt, Präsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen an. Die Reform sei ein reines Kostendämpfungsgesetz. Allein den Kliniken in NRW würden mit dem nicht zu vertretenden Sanierungsbeitrag für die gesetzliche Krankenversicherung weitere finanzielle Lasten in Höhe von 100 Millionen Euro aufgebürdet.

Soll das Gesundheitswesen mehr durch Eigenverantwortung oder durch Staat geprägt sein? Steuerfinanziert oder durch Sozialversicherung getragen - nach Meinung von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sind die Fragen die gleichen: Es geht in beiden Systemen um Effektivität und Effizienz bei angespannter Finanzlage. Praktische Lösungen seien gefordert, bei denen der Staat den Rahmen setzen müsse, dem Bürger aber Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung überlassen werden müsse: "Freiheit geht vor Gleichheit, Privat vor Staat." Laumann unterstrich die Bedeutung von Prävention und qualitätsgesicherten Vorsorgeprogrammen. Der Versicherte habe ein neues Selbstverständnis seiner Rolle, dazu gehöre auch sein Recht auf Mitsprache und auf entsprechende Informationsmöglichkeiten.

Der Kongress bot eine Fülle von Themenblöcken. Einen großen Bereich nahm die Zukunft des Krankenhaussektors ein, gefolgt von E-Health, elektronischer Gesundheitskarte und Telemonitoring, europäischen Modellen im Krankenversicherungsbereich oder "Gesundheit made in Fernost" am Beispiel Japan.

Euregios sind rührig

Als gelungenes Beispiel grenzüberschreitender Versorgung zeigt sich die Arbeit in den Euregios, die gerade in Nordrhein-Westfalen besonders rührig sind. So hat das Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst NRW allein 300 Projekte in einer Datenbank erfasst, in der "best practice"-Modelle zusammengestellt sind. Dabei geht es um Aus-, Fort- und Weiterbildung genauso wie um die Nutzung gemeinsamer Ressourcen in der Pflege, Reha, im Rettungswesen oder Katastrophenschutz.

Die AOK Rheinland/Hamburg bietet ihren Versicherten mittlerweile eine europaweite Gesundheitsversorgung, basierend auf grenzübergreifenden Kooperationsverträgen mit Krankenversicherungen in Belgien und den Niederlanden, die inzwischen auch mit Österreich und Italien anlaufen. In der Euregio Maas-Rhein/Rhein-Maas-Nord/Rhein-Waal gibt es zusammen mit der niederländischen CZ Actief in Gezondheit ein Modellprojekt "Gesundheitscard International" mit einem erweiterten Angebot für die Versicherten.

Motor Gesundheitswirtschaft

Immer mehr Regionen setzen auf die Gesundheitswirtschaft als Motor für künftige Entwicklungen. Bundesländer, die diese gezielt vor allem in strukturschwachen Gebieten fördern, sind laut Auskunft von PD Dr. Josef Hilbert, Direktor des Forschungsschwerpunktes Gesundheitswirtschaft und Lebensqualität vom Institut Arbeit und Technik , FH Gelsenkirchen, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordhrein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Hier böten sich enorme Entwicklungschancen für so diverse Sparten wie die Integrierte Versorgung, Krankenhäuser, Reha, Heilbäder, Nano-, Bio- und Gentechnologie, Gesundheitsurlaub oder Wellness. Vernetzte Strukturen zeichneten sich dabei als "Innovationstreiber von unten" ab.

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