Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

die Ermündigung von Patienten – seit Jahren erklärtes, gefordertes und auch aktiv gefördertes Ziel von Ärzte- und Zahnärzteschaft – scheint in der Sozialpolitik mehr und mehr unter die nur ungenügend passende Kategorie „Patientenschutz“ zu fallen. Eigenverantwortlichkeit der Bürger, ein wichtiger Aspekt zur Wahrnehmung von Mündigkeit, läuft Gefahr, im undurchschaubaren Dickicht Tausender von Gesetzen, Verordnungen und Regelungen zu verschwinden. Das alles wirklich zum Schutz des Bürgers? Gerät das Petitum des mündigen Patienten in dieser regelwütigen Demokratie langsam aber sicher ins Abseits?

Eigentlich geht Deutschlands Bevölkerung mit dem Thema Gesundheit bewusster um, als es die Politik ihr zutraut. Die Bereitschaft in der Bevölkerung nimmt zu, sich aktiv mit Vorsorge zu befassen. Nie war das Bedürfnis nach Wissen um Krankheit, Therapie und Genesung so groß wie heute.

Von daher verwundert es, dass in einem der qualitativ hochwertigsten Gesundheitswesen der Welt das Misstrauen und Kontrollbedürfnis des Staates gegenüber Bürgern und Leistungserbringern so hoch ist.

Aus anderer Perspektive betrachtet ist das weitere Hochschrauben der Qualitätsansprüche – und das sollte man sich in unserer Gesellschaft auch vor Augen führen – Ergebnis jahrelanger Fortschritte in Medizin und Lebensqualität. Das ist gut so! Weitere Anstrengungen in diesem Bereich lohnen, lassen sich aber gerade nicht via Reglementierung herbeiführen.

Vor diesem Hintergrund sind Eigeninitiativen sicher der bessere Weg zu mehr Qualität. Deutschlands erste „Patientenuniversität“, ein nach ausländischem Beispiel auf unsere Verhältnisse abgestimmtes Projekt, in diesem Fall getragen von der Hochschule Hannover, ist eine solche Anstrengung zur Ermündigung des Bürgers. Man kann Modellen dieser Art nur Erfolg wünschen.

Dabei darf aber nicht aus dem Blickfeld geraten, dass es in Deutschland nicht nur eigenverantwortlich motivierte Bürger gibt. Nicht nur im Hannoveraner Projekt, auch in anderen Bereichen gilt die Erfahrung, dass der immer kleiner werdende Bevölkerungsanteil, der sich nicht aktiv mit Prävention und Wissen um die eigene Gesundheit befasst, einen verhältnismäßig hohen Morbiditätsfaktor darstellt. Das bestätigen die Ergebnisse der DMS IV genauso wie einschlägige Erfahrungen aus anderen Projekten.

Zweifelsohne sind ein gehöriges Maß an Kreativität und Aufwand erforderlich, hier weitere Erfolge zu erzielen. Aber gerade dazu ist Freiraum unerlässlich. Qualität herbeizubefehlen war, das hat uns die Geschichte immer wieder gelehrt, stets der eindeutig schlechtere Weg zu einem erfolgreichen Miteinander. Größere Bewegungsfreiheit hingegen erlaubt eine Mannigfaltigkeit von Initiativen, die zwar der Koordination bedürfen, letztlich aber eher zum Ziel führen als das wie auch immer geartete „par ordre de Mufti“.

Mut und Kreativität zu freier Initiative, aber
auch viel Spaß mit dem aktuellen Heft
wünscht Ihr

 Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur