Geldanlage nach islamischem Recht

In Allahs Namen

Der Koran bestimmt nicht nur das religiöse Leben der Muslime in aller Welt. In ihm finden sich auch die Regeln für den Umgang mit Geld für den Fall, dass jemand sich welches leihen oder anlegen will. Inzwischen betreiben etliche Banken und Versicherungen das Finanzgeschäft nach Allahs Regeln – zunehmend auch in Deutschland.

Die westlichen Banken entdecken den Islam. Sie wittern für die Zukunft ein großes Geschäft. Denn schließlich gehören rund 1,5 Milliarden Menschen dem islamischen Glauben an. Schon einen kleinen Teil von ihnen als Kunden zu gewinnen, das ist der Ehrgeiz einer wachsenden Anzahl europäischer und amerikanischer Banken. Allerdings müssen sie ihre Produktpalette gründlich überarbeiten und erweitern, um gläubigen Muslimen den Zugang zu erleichtern. Für sie enthält der Koran viele Einschränkungen im Umgang mit Geld, die ihnen Investitionen in westlich gestaltete Produkte verbieten. Der Glaube aber ist entscheidend bei der Wahl der Anlage.

Die Gläubigen investieren ausschließlich nach den Vorgaben des islamischen Rechts – der Scharia. Sie verbietet Zinsen und Wucher (Riba genannt) genauso wie Geschäfte mit Alkohol, Schweinefleisch, Tabak und Glücksspiel. Der Gesandte Allahs sagte: „Ein Dirham Zinsen, den man wissentlich nimmt, ist schlimmer als 36 unzüchtige Handlungen.“

Ebenso ist es verboten, Kredite zu vergeben. Banken beziehungsweise Investoren dürfen ihr Geld nur in Projekte oder Unternehmen investieren. Der Anleger bekommt sein Geld nur dann zurück, wenn der Mittelabfluss dem Unternehmen keine zusätzlichen Anstrengungen verursacht. Für seinen Einsatz belohnt wird der Investor mit einem Teil des Gewinns, der mit seinem Geld erwirtschaftet worden ist. Kein Wunder, dass die meisten Anleger sich scheuen, ihr Geld längerfristig festzulegen. Fest zugesagte Zinsen gibt es nicht und ob das Unternehmen jemals einen Profit erwirtschaftet, weiß man vorher nicht. Doch auch Muslime möchten ihr Geld Gewinn bringend anlegen. Darin unterscheidet sich Islamic Banking nicht von dem uns bekannten Geschäftsgebaren. Muslime entscheiden sich daher für eher kurzfristige Investitionen. Der Islam-Experte und Journalist Alfred Hackensberger beschreibt den religiös motivierten Handel, bei dem es gerechterweise einen Austausch geben sollte, mit einem Ausspruch (Hadith) des Propheten Mohammed: „Gold für Gold, Silber für Silber, Weizen für Weizen, Gerste für Gerste, Datteln für Datteln, Salz für Salz, Gleiches für Gleiches, Hand zu Hand. Wer mehr gibt oder mehr verlangt, der hat bereits ein Zinsgeschäft betrieben. Der Zinsnehmer und der Zinsgeber sind (in der Schuld) gleich.“

Die Auslegung der im Koran vorgegebenen Prinzipien erweist sich nicht immer als so einfach. Es gibt in der muslimischen Welt keine einheitliche Interpretation, an die sich Banken und Konsumenten halten können. Was das Finanzwesen angeht, muss bei jedem Produkt neu entschieden werden, ob es erlaubt, also halal, oder verboten – haram – ist.

In der Regel lassen sich Banken und auch Versicherungen von einem Komitee beraten, das sich aus religiösen Experten zusammensetzt. Das macht auch die deutsche Versicherung und Finanzdienstleister, die FWU AG in München. Sie bietet als eine der wenigen deutschen Versicherer Schariah-konforme Versicherungen an. Vor ein paar Wochen bekam sie im Rahmen des Islamic Finance Award 2007 die Auszeichnung als „Bester Anbieter islamischer Lebensversicherungen“. Der Firmenname FWU steht für „Facility for worldwide Unit Assurance“ – auf deutsch in etwa Firma für fondsgebundene Lebensversicherungen. In den muslimisch geprägten Ländern, wie Malaysia, Saudi-Arabien und Kuwait, arbeitet das Münchner Unternehmen mit lokalen Partnern zusammen. Diese vertreiben die FWU-Produkte an ihre Kunden. Damit die Policen den Scharia-Regeln entsprechen, sind sie anders gestrickt als herkömmliche Lebensversicherungen. Diese werden von den Muslimen als eine Wette angesehen, wie wahrscheinlich es ist, dass der Versicherte – basierend auf der Sterbetafel – ein bestimmtes Lebensalter erreicht. Daran orientiert sich im Normalfall die Höhe der Risikoprämie. Das FWU-Modell sieht anders aus. Die Takaful-Police (so der islamische Begriff) ähnelt dem deutschen genossenschaftlichen Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit. Die Mitglieder zahlen in einen Fonds ein, dessen Kapital nach islamischen Vorgaben angelegt wird. Die Gewinne werden zum größten Teil an die Anleger ausgeschüttet. Die Versicherung verwaltet den Fonds nur und kassiert dafür Gebühren.

Weder Zinsen noch Wucher erlaubt

So einfach wie bei den herkömmlichen Versicherungen ist das Geldverdienen im Islam nicht. Doch auch die Allianz, Aviva oder die American Insurance Group (AIG) wittern wie die FWU ein gutes Geschäft mit Scharia-konformen Policen. Die französische Axa steht auf dem Sprung. Auch Rückversicherer wie die Hannoversche und die Münchner Rück wollen bei dem Geschäft mit den Takaful-Policen dabei sein. Allein 60 Prozent der 24 Millionen Einwohner Malaysias gehören dem islamischen Glauben an. In Indonesien, wo sich die Allianz breit machen will, leben rund 200 Millionen Menschen. An 15 Millionen von ihnen wollen die Münchner eine Police verkaufen. Weltweit beträgt der Marktanteil an Takaful- Policen nur ein Prozent. Experten erwarten Steigerungsraten von bis zu 30 Prozent pro Jahr.

Nicht nur das Versicherungsgeschäft funktioniert im Islam anders als bei uns. Auch die Bankprodukte müssen Scharia-konform gebaut sein. Wollen Sparer beispielsweise ihr Geld auf die hohe Kante legen, nimmt die Bank zwar das Geld. Sie zahlt aber keine Zinsen. Stattdessen wird der Kunde Teilhaber der Bank. Wirtschaftet das Institut gut, hat der Kunde Glück. Dann bekommt er einen Teil des Gewinns als Belohnung für seine Einlage.

Kredite gibt es selbstverständlich auch nicht im westlichen Sinn. Wer beispielsweise ein Haus kaufen will, kann nicht wie hierzulande üblich, eine Hypothek aufnehmen. Vielmehr muss er die Bank davon überzeugen, dass diese das gewünschte Haus kauft. Die Bank wiederum verkauft das Haus dann an ihren Kunden weiter – mit Aufschlag natürlich.

Das Risiko erlaubt die Aktie

Die Anlage in Aktien hingegen geschieht relativ problemlos. Denn mit dem Kauf der Anteilsscheine beteiligt sich der Anleger am unternehmerischen Risiko. Auf dem Index stehen aber Aktien von Firmen, die in irgendeiner Weise in Schweinefleisch, Alkohol, Tabak, Glücksspiel oder Pornografie investieren. Auch wer seinen Gewinn durch Zinsen erwirtschaftet, gilt als nicht tragbar. Eine Regel dient besonders dem Anlegerschutz. Investoren dürfen sich nicht an Firmen beteiligen, deren Schulden ein Drittel des Firmenvermögens übersteigen. Welche Firmen Schariakonform arbeiten, lässt sich leicht aus der Zusammensetzung der beiden Indizes Dow Jones Islamic Market (DJIM) und FTSE ersehen. Wer sich nicht an die Vorgaben hält, wird ausgeschlossen. So geschah es 1981 mit WorldCom und später mit AT&T sowie Motorola. Zirka 100 islamische Fonds richten sich nach den beiden Indizes. Bevorzugt werden Branchen wie Technologie, Telekommunikation, Bauwesen und Immobilien.

Ferne Financiers

Auf das Geld reicher Muslime setzte auch der ehemalige sachsen- anhaltinische Finanzminister Karl-Heinz Paqué. Um den Länderhaushalt aufzufrischen zog es ihn und seinen Kreditmanager Edgar Kresin an den Golf. Sie platzierten eine 100-Millionen- Euro-Anleihe nach islamischen Anlagegrundsätzen – Sukuk genannt. Der Deal funktionierte so: Damit das Land keine Zinsen zahlen muss, übertrug es die Nutzungsrechte an eigenen Immobilien, darunter an 18 Finanzämtern, in eine landeseigene Stiftung, die aus steuerlichen Gründen in den Niederlanden gegründet wurde. Dafür zahlte die Stiftung 100 Millionen Euro in die Landeskasse. Die Refinanzierung erfolgte über die Anleihe mit einer Laufzeit bis 2009. Am Ende bekommen die Anleger das eingezahlte Geld plus einen Anteil aus den Mieteinnahmen. Die Ratingagentur Fitch bewertete Sachsen-Anhalt mit der Bestnote. Rund die Hälfte der Käufer stammt aus Europa, die andere Hälfte aus dem arabischen Raum.

Kein Wunder, nach den Schätzungen der Deutschen Bank, beläuft sich das Vermögen der weltweit 1,4 Milliarden Muslime auf etwa 1,8 Billionen Euro. Viele von ihnen hatten ihr Geld zu einem großen Teil in den USA investiert. Nach dem 11. September 2001 und aufgrund des Irak-Krieges haben sie das Kapital aus den USA abgezogen.

Die Deutsche Bank gehört zu den westlichen Banken, die mit Scharia-konformen Produkten das Geld der Muslime locken wollen. Sie ist seit 112 Jahren im Nahen Osten präsent und finanzierte einst die Eisenbahn von Istanbul nach Bagdad. Sie unterhält seit 31 Jahren eine Filiale in Bahrain, wo sie heute große Anleihen für den dortigen Markt emittiert.

In Bahrain und Dubai sind Großbanken wie HSCB oder Citibank vertreten. Der schweizerische Finanzkonzern UBS gründete 2002 sogar eine eigene Bank, die Noriba Bank. Bereits nach zwei Jahren warf sie Gewinn ab. Nur in Europa tun sich die Finanzdienstleister schwer mit Scharia-konformen Produkten. Der Markt dafür ist mit 32 Millionen Muslimen durchaus vorhanden, drei Millionen davon leben in Deutschland. Sie müssen sich mit den konventionellen deutschen Angeboten zufrieden geben. Als Alternative bleibt ihnen nur die Wahl, den Strickstrumpf zu füttern oder in der Heimat zu investieren. Nur für die besonders gut Betuchten halten die Credit-Suisse und die BHF-Bank Angebote bereit. Die Commerzbank- Tochter Cominvest startete vor sieben Jahren einen Versuch mit dem europäischen Aktienfonds Alsukoor European Equity. Der wurde wegen Erfolglosigkeit eingestellt. Zurzeit bietet nur die UBS Luxemburg einen islamischen Fonds unter dem Namen Noriba Global Equity an. Die Rendite ist eher abschreckend.

Doch es tut sich was: HSBC plant in diesem oder im nächsten Jahr die Registrierung mehrerer islamischer Aktienfonds in Deutschland. In England kümmert sich die Bank mit ihrem islamischen Zweig Amanah erfolgreich um die zwei Millionen Muslime. Vor fünf Jahren führte sie eine Scharia- konforme Hausfinanzierung ein, bei der sie das vom Kunden gewünschte Haus kauft und an ihn weiter verkauft. Normalerweise kassiert der Fiskus auch dort bei diesem Handel – Murabaha genannt – zweimal. Doch die Bank of England gibt sich generös und wertet die Scharia- Hypothek als einen Vorgang.

Mehr Flexibilität von Seiten der deutschen Aufsichts- und Finanzbehörden eröffnet vielleicht auch den deutschen Finanzdienstleistern bessere Möglichkeiten, den muslimischen Kunden bessere Komplett-Angebote inklusive Girokonto, Kredite und Sparmöglichkeiten anzubieten. Hauptsache, die Produkte sind halal.

Marlene Endruweit
m.endruweit@netcologne.de


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