Tag der Organspende am 2. Juni

Leben retten nach dem Tod

Die Warteliste ist lang: Für rund 12 000 Schwerkranke in Deutschland fehlen lebensrettende Spenderorgane. Über Ursachen und Lösungen gehen die Meinungen auseinander. Nicht erst seit dem TV-Skandal um die inszenierte Organspende-Show in den Niederlanden.

Tragischer Unfall beim G8-Gipfel: Ein 27- jähriger Polizist stürzte aus einem anfahrenden Polizeibus und starb später im Krankenhaus. Seine Nieren, Leber und Lunge wurden mit dem Einverständnis seiner Frau transplantiert. Der Polizeiobermeister hatte einen Organspendeausweis – mit dieser Entscheidung rettete er noch nach seinem Tod fünf Menschen das Leben.

Jeden Tag sterben drei Menschen in Deutschland, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten. Dies berichtet die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Rund 12 000 Schwerkranke warten auf ein lebensrettendes Herz, eine Niere, eine Lunge, eine Leber oder eine Bauchspeicheldrüse.

Es könnte auch anders sein. „Wir haben die Krankenhausplätze, das Personal und das Know-how. Das einzige, was uns fehlt, sind die Organe“, sagt Günter Kirste, medizinischer Vorstand der DSO. 15 Menschen je eine Million Einwohner spenden derzeit nach DSO-Angaben in Deutschland ihre Organe. Das reicht nicht, um allen zu helfen. Was sind die Ursachen? Kann die Situation verbessert werden? Politiker, Ärzte und Krankenhäuser stellen sich diese Fragen – und kommen zu unterschiedlichen Antworten.

Ethikrat-Vorschlag entzweit

Der Vorschlag des nationalen Ethikrates spaltet die Gemüter. Der Rat will die sogenannte Widerspruchslösung einführen, am Transplantationsgesetz von 1997 rütteln. Bei diesem Verfahren wird in der Bevölkerung grundsätzliches Einverständnis vorausgesetzt. Ausnahme: Jemand hat sich zu Lebzeiten explizit anders entschieden oder seine Hinterbliebenen sind dagegen.

Die Ärzteschaft will den Vorschlag des Ethikrates derzeit nicht vorantreiben. Sowohl der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe als auch der Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. Frank Ulrich Montgomery, bekräftigen, was die Delegierten auf dem Ärztetag in Münster bereits mehrheitlich beschlossen haben: Sie unterstützen zunächst weiter die geltende Zuspruchslösung. Danach muss jeder vorab ausdrücklich sein Einverständnis geben – etwa im Organspendeausweis. Dieser Meinung sind auch die meisten Politiker.

Allein Bayern geht eigene Wege. So begrüßt Sozialministerin Christa Stewens die Ethikrat- Idee und setzt sich für ein „Stufenmodell“ ein: Zuerst die Bevölkerung aufklären, dann den Einzelnen entscheiden lassen. Stewens schlägt dafür ein Pflichtfeld auf der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) vor. Gegenstimmen kommen aus Niedersachsen. Über einzelne Detaildaten auf der eGK zu diskutieren, das sei verfrüht, begründet Christine Hawighorst, Staatssekretärin im dortigen Sozialministerium. Organspende sei eine zutiefst persönliche Angelegenheit, Pflichtangaben könnten den Menschen Angst machen.

Nach Aussage von Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, ist der Vorschlag des Ethikrates auch bei den Ärzten nicht endgültig vom Tisch. Sein entsprechender Antrag werde in der Ständigen Kommission Organspende der BÄK weiter diskutiert und beim Ärztetag 2008 erneut behandelt, sagte Windhorst, der in diesem Jahr mit seinen Forderungen scheiterte.

Kontroverse um Kliniken

Diskutiert wird auch die Rolle der Krankenhäuser. „Was nützt die Widerspruchslösung, wenn ein potentieller Organspender von der Klinik vor Ort nicht an die Koordinierungsstelle gemeldet wird?“, fragen etwa die Grünen. Oder wenn die Refinanzierung der Organentnahme nicht gesichert sei? Sie wollen die derzeitigen Strukturen verbessern, etwa die Meldepflicht im Transplantationsgesetz konkretisieren oder eine bessere Zusammenarbeit aller Akteure fördern.

Einen Transplantationsbeauftragten soll es nach den Forderungen des Ärztetages demnächst in den deutschen Kliniken geben. In Spanien – mit 35 Spendern pro eine Million Einwohner weltweite Spitze in Sachen Organspende – gibt es eine solche Schlüsselfigur in allen Kliniken mit Intensivstation. Der Koordinator muss nicht nur den Überblick behalten und potentielle Spender an die spanische Transplantationsgesellschaft (ONT) melden, sondern führt auch die entscheidenden Gespräche mit den Angehörigen.

Einige Bundesländer unternehmen bereits Anstrengungen, um die Melderate potenzieller Organspender zu verbessern. Nordrhein- Westfalen, gemeinsam mit Hessen deutsches Schlusslicht, hat bereits eine Gesetzesnovelle für den Einsatz von Transplantationsbeauftragten ins Länderparlament eingebracht. In Rheinland-Pfalz existiert auf Länderebene eine Kooperation zwischen Ärztekammer, Krankenhausgesellschaft, Zentrale für Gesundheitsförderung und DSO. Und Niedersachsen hat ein Modellprojekt mit 15 Kliniken gestartet, das Zahlen zu den tatsächlich in Frage kommenden Patienten liefern soll.

Die deutschen Krankenhäuser weisen zurück, dass sie das chronische Defizit an Spenderorganen verschärfen und sehen die Ursache woanders: Etwa 40 Prozent der potenziellen Transplantationen scheitern am Veto der Angehörigen, sagt Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Deshalb aber mit mehreren Organisationen um die Zustimmung der Familien zu kämpfen und den Monopolstatus der DSO aufzugeben, bezeichnet wiederum DSO-Vorstand Kirste als „absoluten Blödsinn“.

Augenmerk auf Aufklärung

Liegt es an einer zu geringen Spendenbereitschaft der Deutschen? Laut einer aktuellen Eurobarometer-Umfrage stehen mehr als 80 Prozent der Befragten dem Thema positiv gegenüber, aber nur etwa zwölf Prozent haben einen Organspendeausweis. Darauf verweist auch Montgomery. Politische Maßnahmen sollen diese Kluft überwinden, fordert er.

Auch Hoppe fordert intensivere Aufklärungskampagnen. Sein Vorschlag: gezielt junge Erwachsene – wie etwa Führerscheinbewerber – ansprechen. In Hessen stellt das Sozialministerium bereits Unterrichtsmaterial für Erste-Hilfe-Kurse und Fahrschulen. Wer seine Fahrprüfung besteht, soll künftig den Organspendeausweis mit dem Führerschein bekommen, sagte Ministerpräsident Roland Koch (CDU). Geplant sei auch, dass die Kommunen den Lohnsteuerkarten Infos und Ausweise beilegen. Eine Repräsentativerhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt, dass junge Menschen offen für das Thema sind. Um sie zu erreichen hat die BZgA bereits Initiative ergriffen. Da sich Jugendliche mehr Informationen in der Schule wünschen, stellt sie Lehrern Arbeitsmaterialien zur Verfügung.

Kritik hagelte es von vielen Seiten für die TV-Organspende-Show in den Niederlanden, die sich als Bluff entpuppte. Den selben positiven Effekt könnte man erzielen, wenn die Medien so viel Energie und Fantasie in die seriöse Aufklärung und das Werben um Organspenden zur besten Sendezeit stecken würden, kommentierte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). „Es kommt darauf an, offen und ehrlich mit Menschen, die Vorbildcharakter haben, für Organspenden zu werben.“ Sie selbst hat einen Organspendeausweis. Über eine Veränderung von Gesetzen könne man erst reden, sagt Schmidt, wenn man von den Regionen in Deutschland gelernt habe, die es gut machen.


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