Neue Studie zur Familienfreundlichkeit

Mit Babyboom zum Wirtschaftsboom

Deutschland braucht mehr Kinder, das ist nicht neu. Betreibt der Staat aber eine nachhaltige Familienpolitik, wächst Deutschland zahlenmäßig gleich zweifach: menschlich und wirtschaftlich. Dies zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen zusammen mit EU-Kommissar Günter Verheugen in Berlin vorstellte.

Mit einer erfolgreichen Familienpolitik kann Deutschland seine wirtschaftliche Entwicklung positiv beeinflussen. Dies prognostiziert die neue Modellrechnung des IW, die künftige Wachstumschancen in Deutschland, der EU und den USA verglichen hat. So ist mittelfristig ein Anstieg des wirtschaftlichen Wachstums um 0,5 Prozentpunkte pro Jahr möglich. Allein staatliche Maßnahmen können eine jährliche Rendite in zweistelliger Milliardenhöhe ergeben. Setzen sich die Unternehmen verstärkt für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, bringt dies eine zusätzliche volkswirtschaftliche Rendite im dreistelligen Milliardenbereich. Zudem können Deutschland und die EU gegenüber den USA aufholen und ihre demografisch bedingte Wachstumsdelle reduzieren. Doch wie können Familienpolitiker diese Ziele erreichen? Allein mit mehr Babys ist es nicht getan, zeigt das IW-Gutachten. Nachhaltige Familienpolitik muss dafür sorgen, dass es einfacher wird, auch mit Kindern berufstätig zu sein. Daneben ist es wichtig, die Kleinen besser frühkindlich zu fördern. Empfohlen wird deshalb, die Kindertagesbetreuung auszubauen und die Betreuungskosten absetzbar zu machen. Deutschland soll zudem beim Elterngeld bleiben – und es weiterentwickeln. Das Gutachten rät aber ebenso, neue Wege zu gehen und Familien mit zusätzlichen Dienstleistungen zu unterstützen.

Handlungsbedarf auch an deutschen Schulen und Universitäten: Der Nachwuchs braucht mehr Kenntnisse, damit er später mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, betont die Studie. Wird das Bildungssystem modularisiert, können mehr Schüler eine berufliche Ausbildung oder ein Studium abschließen. Gleichzeitig befürwortet das Gutachten eine kürzere Ausbildungsphase, damit das Zeitfenster für Familienplanung wieder größer wird. Vorteile für Kinder und (berufstätige) Eltern sollen außerdem mehr Ganztagsschulen bringen.

Einer lernt vom anderen

Auch andere europäische Länder können sich noch verbessern. Einige Nachbarn haben mehr Reformbedarf, andere weniger. So sind Schweden, Finnland, Großbritannien und die Niederlande bereits Vorreiter in Sachen Familienfreundlichkeit, wie das Gutachten zeigt. Frauen bekommen dort mehr Kinder und arbeiten häufiger. Insbesondere hoch qualifizierte Frauen können leichter beides sein – Mutter und berufstätig. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass dort mehr unter Dreijährige als anderswo in der EU betreut werden können. Mit Ganztags- oder erweiterten Halbtagsschulsystemen können die Länder außerdem besser individuell auf Schüler eingehen und auch Jungen und Mädchen aus bildungsfernen Schichten fördern. Am Beispiel dieser „Benchmark- Staaten“ können sich andere Länder wie Deutschland orientieren, rät das IW-Gutachten.

„Die Expertise belegt, dass wir Wachstum und Wohlstand in Deutschland auch mit einer klugen Familienpolitik steigern können“, erklärt von der Leyen. Die Bundesregierung hat bereits Initiative ergriffen und im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft die „Europäische Allianz für Familien“ als Diskussionsforum auf den Weg gebracht. „Von familienpolitischen Erfolgen anderer Länder können alle lernen“, betont von der Leyen. jr

Weitere Infos im Netz unter: www.bmfsfj.de

INFO

Hintergrund: Europa geht der Nachwuchs aus

Beim Wirtschaftswachstum fällt Europa gegenüber den USA zurück. Das liegt zum Teil an Unterschieden im Bevölkerungsaufbau und im demografischen Wandel. So liegt die Geburtenrate EUweit im Durchschnitt bei anderthalb, in den USA bei über zwei Kindern. Außerdem zieht sich ein Trend durch fast alle EU-Länder, berichtet das Bundesfamilienministerium: Die Geburtenrate sinkt seit Mitte der Sechzigerjahre. Immer weniger Europäer wollen Eltern werden. Je höher ihre Bildung, desto eher bleiben sie kinderlos.