Editorial

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

man rutscht schnell ins Paradoxe, nimmt man Ulla Schmidts „GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz“ wörtlich und will dahinter mehr sehen als nur den Drang des Staates nach „barer Münze“.

Denn jenseits der von den Heilberufen in letzter Zeit so drastisch gebrandmarkten Ökonomisierung des deutschen Gesundheitswesens erzwingt das aktuelle Geschehen in der GKV-Landschaft ganz andere Schlüsse: Da wird unter der ausdrücklich genannten Prämisse eines „Solidaritätsgebotes“ so kräftig an den Grundsätzen der gesetzlichen Krankenversicherung gekratzt, dass es richtig weh tut. Was derzeit aus Angst vor dem „Geschluckt-Werden“ auf dem Weg in eine staatliche Einheitsversicherung möglich ist, kann schwache Gemüter schnell an ein Vexierspiel aus Menschenfang und Menschenverachtung erinnern.

Aber selbst bei nüchterner Betrachtung bleibt: Da werden die Gesunden über Rückboni und attraktive Präsente geködert. Man braucht auch keine zehn Finger, um sich auszurechnen, dass die Gewährung solcher Marketinggelder der Bezahlung von Leistungen für die Prävention oder Heilung von Kranken fehlen wird.

Sicherlich: Der Gesetzgeber hat – übrigens unter Beibehaltung der Systemzwänge – diese Art von Wettbewerb provoziert und damit das aus ökonomischer Sicht vielleicht nachvollziehbare Gestrampel gestartet. Aber schlüssig kann auch eine große Koalition die Argumentation, dass die „Solidarität“ der Gesellschaft mit den Erkrankten über einen Wettbewerb zum Wohle der Gesunden eingeschränkt wird, sicherlich auf Dauer nicht verkaufen.

Letztlich wird der „Erfolg“ dieses manipulierten Wettbewerbs auch nur an Zahlen gemessen werden können. Aber der Umgang mit Menschen lässt sich nun einmal nicht nur auf Zahlen reduzieren. Die Patienten besser heilen helfen wird der im Gesundheitswesen immer eklatanter erkennbare Rationalisierungsprozess sicherlich nicht. Schon gar nicht dann, wenn mit Gutscheinen für Fast-Food und Co. „Kundschaft“ geworben wird.

Auf diesem gewollten Weg zur Einheitsversicherung wird es schmerzliche Verluste geben. Nicht nur für die Angestellten der Krankenversicherer, nicht nur für schon jetzt mit schlechtem Gewissen behaftete Politiker, sondern auch für die GKV-„Kunden“, die trotz kurzfristig eingestrichener Beitragsboni eines Tages dann doch zu Patienten werden.

Bei aller Liebe zum Geld – wofür eine Krankenversicherung da ist, sagt doch eigentlich der Begriff selbst schon zur Genüge.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur