Editorial

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

wer wundert sich eigentlich über die aktuelle Selbstzerfleischungsdiskussion der Sozialdemokraten in Deutschland? Man hätte es doch wissen müssen: In Zeiten großer Koalitionen verlieren altbackene Kategorien gesellschaftlichen Denkens über Politik an Gültigkeit. Es braucht keinen „Navi“, um zu erkennen, dass ehemals bewährte, weil ja so einfache Sortierungsverfahren von „rechts“ nach links“ nicht mehr passen.

„Links“ sind – laut eigenem Anspruch – heute in dieser Republik „die Linken“; „rechts“ ist eine Marke, die für die meisten Bürger auf vieles andere geklebt gehört als gerade auf die sogenannten „C“-Parteien. Die Wahrheit ist einfach: Macht knubbelt sich, damit hatte Ex-Kanzler Schröder recht, in Deutschland ganz klar „mittig“.

Es kann auch nicht erstaunen, dass die früher so hilfreichen Schubladen wie „konservativ“ oder „progressiv“ in unserer Gesellschaft nicht mehr funktionieren. Beispiele? Mediziner und Zahnmediziner, vor Jahrzehnten noch als „Halbgötter in Weiß“ und strikt „konservativer“ Berufsstand gesehen, fallen in Zeiten zunehmender Politikmüdigkeit, in denen nur noch versprengte Minderheiten für ihre Überzeugung auf die Straße gehen, als Protestierende auf: gegen die strikte Ökonomisierung von Sozialpolitik, gegen die Aufweichung von Datenschutz oder mahnend zur Bewahrung einer menschenwürdigen Gesellschaft.

Alles Etikettenschwindel? Zumindest funktioniert der Versuch überpragmatischer Politiker, diese Haltungen als verdeckten Egoismus zu deklarieren, längst nicht mehr so gut wie noch vor Jahren.

Also war früher alles schlechter? Nein, aber der „Niedergang“ der Profession vom ehemaligen „Halbgötter“-Olymp – mal zog es sie, mal gingen sie bewusst – kostete zwar an uneingeschränkter Bewunderung, macht aber zunehmend transparent, was geleistet wurde und wird.

Sicherlich, die Versuche, den Berufstand anhand von Einzelverfehlungen kollektiv zu diskreditieren, hören nicht auf. Aber die Patienten sind mehr und mehr in der Lage, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Und das ist weit differenzierter als die Berichterstattung mancher in altem Denken festgefahrener Medien.

Dem Berufsstand tut es jedenfalls gut, über das, was an Positivem getan wird, zu reden. Mit unserer Titelgeschichte über Stiftungen aus dem Berufsstand gehen wir weiter diesen Weg – jenseits aller angestaubten Marken à la „links“, „rechts“, „konservativ“ und „progressiv“.

Spaß beim Lesen wünscht Ihnen

Ihr

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur