Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

„Kunst und Wissenschaft“ kennen wir – in einem Atemzug genannt – aus dem Volksmund: als abschlägiges Urteil nicht gewünschter, weil „künstlicher“, unnatürlicher Qualität. Aber eigentlich sind „Kunst“ – im Sinne von „ars“ – und „Wissenschaft“ im Laufe unserer Kulturgeschichte eine enge Beziehung ganz anderer Art eingegangen. Geistesgrößen wie Friedrich Schiller sahen in der „Kunst“ die „rechte Hand der Natur“, einem Feld, das gleichzeitig ureigenes Metier der Medizin ist.

Rein logisch erklärt sich die enge Verbindung von „Kunst“ und „Wissenschaft“ in der Medizin unmittelbar: Bis zur Erfindung der Fotografie war die bildhafte Darstellung anatomischer Grundlagen nur in der Symbiose zur Kunst möglich. Ob Johann Stephan von Calcar oder Leonardo da Vinci – um nur zwei prominente anatomische Zeichner/Künstler zu nennen –, ohne deren mittels darstellender Kunst tradiertes Wissen wäre die Weitergabe medizinischer Erkenntnisse wohl gescheitert. Bis ins Zeitalter bildgebender Verfahren war die Nähe von Kunst und Medizin damit eine für den wissenschaftlichen Fortschritt ganz entscheidende Kraft.

Anders wurde das erst mit Einzug anderer technischer Hilfsmittel. Fotografie, Film, Röntgen oder Computertomografie haben den Akt des Zeichnens als Partner von Forschung und Lehre obsolet gemacht. Schon die dokumentierende Fotografie beendete weitestgehend die über Jahrtausende genutzte Zweck-Partnerschaft von Medizin und darstellender Kunst. Was bleibt, ist die Auseinandersetzung der Kunst mit menschlichem Leiden, mit Ängsten und Sorgen um Schmerz, Krankheit und Tod. In diesem die menschliche Psyche verarbeitenden und erklärenden Denkansatz bleibt die „Symbiose zweier Künste“, die der Streifzug unserer Titelstory durch die Geschichte der Verbindung von Medizin und Kunst bietet, bis heute erhalten.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur