Zahnpflege bei den frühen Hochkulturen

Ein Pharao darf nicht lächeln

Warum durfte ein Pharao nicht lächeln? Weil seine Zähne durch Abrasion zerstört waren. Trotzdem wurde Hygiene bei den alten Ägyptern und weiteren frühen Hochkulturen des Vorderen Orients groß geschrieben – und schöne Zähne erhielten große Wertschätzung. Zahnpflege war für die damalige Zeit schon entwickelt, wie sich aus historischen Quellen erschließen lässt.

Foto: Widmann

Quelle: RPM Hildesheim
Ob Tutanchamun (o. r.), Amenophis III. (l.) oder Ramses II. – den ägyptischen Hochkulturen wie auch dem gesamten Vorderen Orient (siehe Karte) waren schöne Zähne wichtig. Problematisch aber war der Grad der Abrasion durch die Nahrung.
Der Papyrus Ebers – das wichtigste bekannte medizinische Werk des alten Ägyptens Foto: M. Trippel/OSTKREUZ
Die Königin von Saba, deren schönes Gebiss im Hohelied von König Salomo gepriesen wurde. Relief auf der Kopie der Paradiespforte am Baptisterium San Giovanni, Florenz Foto: GNU
Kariogene Speisen der frühen Hochkulturen: Datteln ... Fotos: Wikipedia
... Feigen ...
Foto: FAN/P. Mross
Das half: Bei der Zahnpflege wurden Alaun ...
... und Minze eingesetzt. Foto: GNU
Der Codex des Hammurabi, der heute im Pariser Louvre steht, reformierte die chtsprechung in Mesopotamien. Foto: Wikipedia
Die Zerstörung des Tempels von Jerusalem 70 nach Christus (hier auf einem Gemälde von Francesco Hayez 1867). Nach dieser Zeit findet sich im Talmud der Juden erstmals der Hinweis auf einen Zahnstocher. Foto: akg-images

Die Pflege und Erhaltung der Zähne war den Ägyptern vor Tausenden von Jahren erstrebenswert. So wird von einer Prinzessin im Land am Nil berichtet, die wegen der Schönheit ihrer Zähne gerühmt wurde und Zähne habe, die härter seien als die Feuersplitter der Sichel.

Die Medizin im alten Ägypten war bereits hoch entwickelt. Wie der griechische Geschichtsschreiber Herodot (484 bis 425 vor Christus) berichtete, gab es Ärzte für die verschiedenen Bereiche, so auch Zahnärzte. Die Abbildung des Stoßzahns eines Elefanten in Kombination mit einem Auge war die Hieroglyphe, die im alten Ägypten den Beruf des Zahnarztes symbolisierte. Der sogenannte Papyrus Ebers, das wichtigste der bekannten medizinischen Werke des alten Ägypten, gibt auch über die Pflege der Zähne Auskunft. Der Papyrus enthält Hunderte von Verordnungen, Rezepten, Lehr- und Zaubertexten. Die Schrift zur Heilkunde wird auf das letzte Viertel des 16. Jahrhunderts vor Christus datiert. Der „Papyrus Ebers“ stammte aus einer nicht autorisierten Grabung in einem Grab in Theben und wurde im Jahre 1872 durch den Ägyptologen Georg Ebers für das Museum der Stadt Leipzig erworben. Heute befindet er sich in der Bibliothek der Universität Leipzig.

Zahnpulver zur Reinigung benutzt

Eines der aufgeführten Rezepte ist ein Zahnpulver, das aus einem Puder von Terebinthenharz, Ocker und Malachit bestand und zur Kräftigung der Zähne dienen sollte. Zur Zahnpflege bei den alten Ägyptern gehörte auch die Mundspülung mit Natron am Morgen. Die ägyptische Hochkultur legte generell viel Wert auf penible Hygiene und einen reinlichen Körper. Häufig wurde ein Bad genossen und anschließend der Körper mit duftenden Ölen eingerieben.

Trotz vorhandener Zahnpflege hatten die Zahnärzte im Land am Nil eine schwere Aufgabe. Denn zwischen der Wertschätzung guter Zähne und den tatsächlichen Zahnverhältnissen der Menschen zur Pharaonenzeit klaffte eine große Lücke. Nicht die Zahnfäule war das Hauptproblem, sondern die schnelle und starke Abnutzung der Zähne. Dies betraf nicht nur die einfache Bevölkerung. Auch die höheren gesellschaftlichen Schichten bis hin zu den Pharaonen waren betroffen. Als kürzlich die sterblichen Überreste von Pharao Amenophis III. (14. Jahrhundert v. Chr.), dem Vater Echnatons und Großvater Tutanchamuns, unter dem Röntgengerät der britischen Zahnärztin und forensischen Ägyptologin Judith Miller untersucht wurden, bot sich ein erschreckendes Bild. Die Zähne des ersten Mannes am Nil wiesen abgeschliffene Zahnkronen, Karies, Parodontose und defekte Kieferknochen auf. Auch die Mumie einer seiner Nachfolger, des wohl berühmtesten Pharaos, Ramses II. (Regierungszeit 1279 - 1213 v. Chr.), zeigte, dass dieser am Ende seines Lebens völlig abgenutzte Zähne hatte.

Der Grund dafür lag an der harten Konsistenz der Nahrung. Das Brot wurde aus der Weizenart Emmer gemahlen. Schrotreste beim Mahlen und beigemischter Quarzstaub, der von den Mehlmörsern stammte, beschädigten die Zähne. Zudem gelangten durch die heftigen Winde aus der Wüste Staub und Sand in die Nahrungsmittel. Dadurch wurde die Höhe der Zahnkrone immer weiter verringert, sodass es zur Freilegung des Zahnbeins kam. Der Körper reagierte dagegen mit der Bildung des so genannten Sekundärdentins. Aber wenn sich die Abnutzung der Zähne schneller vollzog als die Schaffung von Sekundärdentin, dann entzündete sich das freigelegte Zahnmark. So konnte die Infektion durch den Wurzelkanal in das Zahnfach gelangen. Es entstand ein Entzündungsherd, der nach und nach das Zahnbett zerstörte. Die befallenen Zähne waren meist verloren.

Karies kam mit den Griechen

Erst als die Griechen mit Alexander dem Großen 332 vor Christus nach Ägypten kamen, besserte sich die Situation. Die Griechen brachten feines weißes Brot aus Hartweizen mit, das die Zähne weniger schädigte. Dafür nahm die Karies zu, da Menschen in Ägypten zur Zeit der Ptolemäer auch noch ihre Vorliebe für süße Sachen wie Datteln, Feigen und Honig entdeckt hatten. Ob im Land am Nil in pharaonischer Zeit Instrumente zur Zahnpflege existierten, ist fraglich. Es gibt bis heute weder schriftliche Quellen noch archäologische Funde, die den Gebrauch von Zahnbürsten, Zahnstochern oder ähnlichen Dingen beweisen. Theoretisch könnten solche Gegenstände über die Jahrtausende verwittert sein. Aber dies ist im Falle Ägyptens unwahrscheinlich. Denn im Boden des Nillandes haben sich andere Holzartefakte durch die Trockenheit des Klimas gut erhalten. Im Toilettenkasten der Königin Mentuhotep, der den hohen Stand der Kosmetik in der damaligen Zeit vor Augen führt, fand sich kein Zahnstocher oder Ähnliches.

Zahnerhalt im Zweistromland

Im Zweistromland, zwischen Euphrat und Tigris, wurde die Erhaltung der Zähne hoch geschätzt. Wer die Zähne eines anderen zerstörte, musste mit harten Strafen rechnen. Ein Paragraf in dem Gesetzeswerk des babylonischen Königs Hammurabi (1792 - 1750 v. Chr.) legte unter anderem fest: „Wenn jemand die Zähne von einem anderen seinesgleichen ausschlägt, so soll man seine Zähne ausschlagen“ (§ 200). Schlug dagegen jemand den Zahn eines Untergebenen aus, so sollte er ein Drittel Mine Silber zahlen. Das war eine hohe Summe, denn sie entsprach dem Sühnegeld für die Tötung eines freigelassenen Sklaven. Diese rechtlichen Vorschriften sind in einen schwarzen, über zwei Meter hohen Dioritblock eingemeißelt, den französische Archäologen zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Susa (heute Iran) fanden. Der restaurierte Block steht heute im Louvre in Paris. Der Codex des Hammurabi, der in 282 Paragrafen unterteilt ist, reformierte die Rechtsprechung im damaligen Mesopotamien. Als medizinische Quelle besitzt der Codex nur geringe Bedeutung.

Die Tontafel-Bibliothek des letzten großen assyrischen Königs Assurbanipal aus dem 7. Jahrhundert vor Christus enthält explizit medizinische Texte. Diese geben auch Auskunft über Rezepte zur Behandlung von Zahnleiden. Die Medizin im Zweistromland hatte noch stark magisch-dämonischen Charakter. Neben den praktischen Ärzten, die auch die Chirurgie ausübten, gab es Beschwörer, die mit magischen Formeln Schutzdämonen, Götter und Geister anriefen, um die Leiden Kranker zu lindern. Auf einer Tontafel aus Assur erfahren wir die Substanz und deren Anwendung zur Zahnreinigung: Man nehme Alaun, Minze und turû-Aroma und reinige die Zähne vor dem Essen damit. Ob die Völker Mesopotamiens auch Instrumente zur Zahnpflege benutzten, ist ebenso wie in Ägypten nicht nachzuweisen.

Sagenhafte Königin von Saba

Das Israel des Altertums, zwischen den beiden grandiosen Kulturen Ägyptens und Mesopotamiens gelegen, hat der Nachwelt nichts Herausragendes im Bereich der Zahnheilkunde hinterlassen. Es existieren für die alten Israeliten keine Quellen, die über zahnärztliches Wirken Auskunft geben könnten. Dennoch gibt es Zeugnisse, die den hohen Stellenwert guter Zähne belegen.

Im Buch Exodus, dem Zweiten Buch Moses (Kapitel 21, Vers 23) des alten Testaments wird der Wert tadelloser Zähne deutlich. Das Gesetz fordert: „Ist Schaden geschehen, so gib Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß“. Im Hohelied der Bibel (Kapitel 6, Vers 6) preist König Salomo die Zähne der sagenhaften Königin von Saba. „Deine Zähne sind wie eine Herde von Mutterschafen, die aus der Schwemme steigen. Jeder Zahn hat sein Gegenstück, keinem fehlt es“. An einer anderen Stelle im Hohelied des Königs Salomo werden schöne Zähne gerühmt als wie in Milch gebadet und festsitzend in der Fassung (Hohelied, Kapitel 5, Vers 12).

Die Wertschätzung guter Zähne lässt annehmen, dass die Israeliten Zahnpflege betrieben haben. Erst für die Zeit nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem, 70 n. Chr. durch die Römer, findet sich im Talmud der Juden der Hinweis auf einen Zahnstocher, der als „quesem“ bezeichnet wurde.

Kay Lutze
Lievenstraße 13
40724 Hilden

INFO

Heute hat jeder Bürger die Möglichkeit, seine Zähne optimal zu pflegen. Aber wie sah die Reinigung der Zähne in den vergangenen Jahrhunderten aus? Die zm werfen – in unregelmäßigen Abständen – einen Blick in die Geschichte. Diesmal geht es um die Zahnpflege bei den frühen Hochkulturen des Vorderen Orients, den alten Ägyptern, den Völkern Mesopotamiens und den alten Israeliten.


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