Krebserkrankungen

Mammakarzinom beim Mann – häufiger als angenommen

Mit dem Begriff „Brustkrebs“ wird automatisch eine Erkrankung der weiblichen rust assoziiert. Doch auch Männer können an einem Mammakarzinom erkranken. Das ist sogar weit häufiger der Fall als gemeinhin angenommen wird.

Mehr als 600 Mal pro Jahr wird in Deutschland die Diagnose „Mammakarzinom“ bei einem Mann gestellt. Tatsächlich dürfte die Zahl der Krankheitsfälle noch weit höher sein, denn es ist mit einer nicht unerheblichen Dunkelziffer zu rechnen. „Die Häufigkeit des Mammakarzinoms bei Männern nimmt außerdem stetig zu“, erklärt Privatdozent Dr. Christian Rudlowski aus Bonn. Ursache ist die steigende Lebenserwartung und die damit steigende Zahl älterer Menschen in der Gesellschaft. Mit dem Alter aber nimmt das Krebsrisiko zu, und das gilt auch für den Brustkrebs beim Mann.

Gefährdet sind nach Rudlowski auch jüngere Männer, wenn in der Familie gehäuft ein genetisch bedingter Brustkrebs vorkommt, wenn also das Brustkrebsgen BRCA1 oder BRCA2 vertreten ist. „Männer, deren Mutter, Großmutter oder Schwester an Brustkrebs erkrankten, müssen deshalb selbst mit einem höheren Krankheitsrisiko rechnen“, sagt der Bonner Gynäkologe. Als weitere Risikofaktoren nennt er Leberfunktionsstörungen bis hin zur Leberzirrhose, da bei diesen Erkrankungen die körpereigenen Östrogene nicht adäquat abgebaut werden. Sie akkumulieren im Körper und können Wachstumsreize auf das Gewebe ausüben. Jede erhöhte Östrogenexposition ist daher mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko für den Mann verbunden. Das ist nach Rudlowski bei einer erhöhten Hormonbelastung der Nahrung der Fall, bei Bodybuildern, die Hormone zur Stärkung des Körpers einsetzen, und ebenso bei Transsexuellen, die vor der operativen Geschlechtsumwandlung hormonell behandelt werden.

So wie bei der Frau, macht sich der Brustkrebs auch beim Mann zunächst durch eine Knotenbildung bemerkbar. Weitere Symptome sind Rötungen, Schuppungen und Verdickungen der Haut, eine Sekretbildung oder Blutungen. Zudem muss das Einziehen der Brustwarze unbedingt als Alarmsignal und als Hinweis auf ein potenzielles Mammakarzinom verstanden werden. Tritt ein Knoten auf, so muss dieser unbedingt diagnostisch abgeklärt werden.

Das aber geschieht häufig nicht, obwohl der Knoten in einer Männerbrust weit besser als bei den Frauen zu tasten ist. Rudlowski: „Ein kleines Knötchen von weniger als einem Zentimeter ist in einer flachen, normal geformten Männerbrust gut zu spüren, während bei der voluminöseren Brust der Frau sogar ein etwa ein Zentimeter großer Knoten schwer fassbar sein kann, wenn er im mittleren Brustbereich liegt.“

Früherkennung muss besser werden

Trotzdem hapert es mit der Früherkennung, wodurch wertvolle Heilungschancen verpasst werden. Beim männlichen Mammakarzinom ist die Lage sogar besonders schlecht. So wird der Brustkrebs bei Frauen in 80 Prozent der Fälle so früh festgestellt, dass noch ein kurativer Ansatz möglich ist. Bei 50 bis 70 Prozent der erkrankten Männer aber wird dieser Zeitpunkt verpasst. „Männer neigen dazu, den kleinen Knoten zu ignorieren“, sagt der Mediziner.

Hinzu kommen Unsicherheiten, welcher Arzt konsultiert werden sollte. Die meisten Betroffenen suchen nicht, wie es sinnvoll wäre, den Gynäkologen auf, der die notwendige Expertise in Sachen Mammakarzinom besitzt, sondern den Dermatologen oder auch den Urologen. „Weit besser wäre es, wenn die Männer sich direkt in einem zertifizierten Brustzentrum vorstellen würden, wo ein interdisziplinäres Team aus Gynäkologen, Onkologen und weiteren Fachdisziplinen die Veränderung begutachten und eine entsprechende Diagnostik mit Mammographie, Ultraschalluntersuchung und Gewebeprobe und Histologie veranlassen kann“, betont der Frauenarzt.

Therapie oft noch zu radikal

Steht die Diagnose, so wird eine adäquate Therapie eingeleitet. Diese unterscheidet sich kaum von der Krebsbehandlung des weiblichen Mammakarzinoms: So wird primär der Knoten zusammen mit den angrenzenden Lymphknoten entfernt, wobei sich im Bedarfsfall ebenso wie bei der Frau eine Chemo- und/oder Radiotherapie anschließt.

Ähnlich wie beim Brustkrebs der Frau vor einigen Jahren wird allerdings aus Vorsicht beim Brustkrebs des Mannes zurzeit oft noch radikaler als nötig behandelt. So reicht es bei der Operation nach Rudlowski meist aus, den Tumor mit entsprechendem Sicherheitsabstand zu entfernen und über den Wächterlymphknoten zunächst zu prüfen, ob die Lymphknoten überhaupt befallen sind, ehe eine radikale Entfernung der axillären Lymphknoten erfolgt.

Größer noch als bei den Frauen ist häufig bei Männern die psychoonkologische Belastung durch den Brustkrebs. Zwar ist nach den Erfahrungen des Bonner Mediziners die Angst vor einer Verstümmelung deutlich geringer, die Männer finden andererseits aber weniger Unterstützung in der Öffentlichkeit und auch bei Selbsthilfegruppen. „Diese richten sich in aller Regel an Frauen, Männer mit Mammakarzinom fühlen sich meist in den Gruppen nicht gut aufgehoben“, schildert Rudlowski die besonderen Probleme der erkrankten Männer.

Register für den Brustkrebs beim Mann geplant

Der Mediziner versucht derzeit, zusammen mit den entsprechenden Fachgremien ein zentrales Register für das männliche Mammakarzinom in Deutschland aufzubauen, das die auftretenden Krankheitsfälle erfasst. Das Register kann dann auch dazu genutzt werden, im Fall des Falles dem betroffenen Mann zur Seite zu stehen und ihn an ein entsprechend versiertes Zentrum in seinem Einzugsbereich zu vermitteln.

Christine Vetter
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