Editorial

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

die Inanspruchnahme des heute weitestgehend anerkannten und opportunen Prinzips der „sprechenden“ Zahnheilkunde ist für rund 80 000 Mitbürger nach wie vor kein leichtes Unterfangen: Für viele deutsche Gehörlose bleibt die Suche nach dem Zahnarzt, der ihre Sprache versteht und spricht, immer noch aufwendig. Meist hilft hier nur der „Dolmetscher“, die Begleitperson, die der Gebärdensprache mächtig ist.

Aber es gibt sie, die Zahnärzte, die sich auch dieser Aufgabe stellen und sie im Alltag meistern. Ein imposantes Beispiel präsentiert die Titelgeschichte dieser zm-Ausgabe.

Dieser besondere Beitrag zur Barrierefreiheit in unserer Gesellschaft erfolgt nach bestem medizinischem und ethischem Gewissen, weitgehend abseits jeder öffentlichen Wahrnehmung.

Und er passt in das von der Politik immer wieder geforderte, manchmal auch gefeierte Postulat nach gesellschaftlicher Verantwortung, munter aufrecht erhalten in politischen Lippenbekenntnissen.

Ignoriert wird im Gerangel um noch mehr Ökonomie im deutschen Sozial- und Gesundheitswesen, dass die Schaffung der notwendigen Grundlagen für eine so verstandene medizinische Versorgung selbstverständlich zeitaufwendig ist. Systemisch relevant sind diese Erkenntnisse aus Sicht des Gesetzgebers allerdings nicht.

Gesellschaftliches Engagement dieser Art ist in Deutschland, auch wenn es im eigenen Beruf erfolgt, meist eine Frage der Ehre und wird vorrangig in „Naturalien“ wie Schulterklopfen, freundlichen Handschlägen, in eklatanten Fällen mit öffentlichen Reden oder Auszeichnungen entlohnt. „Überzeugungstäter“ ficht das trotzdem nicht an.

Sicher: Diese Form zahnärztlicher Verantwortlichkeit im weiten Feld besonderer medizinischer Versorgung ist gern gesehen. Sie ist nicht der Regel-, aber auch längst nicht der Ausnahmefall.

Auch der ständige Impetus der Zahnärzteschaft, dass sich die Gesellschaft mit den Besonderheiten von Behinderten- und Alterszahnheilkunde auseinanderzusetzen hat, rührt aus dieser engen Beziehung von zahnärztlichem Beruf und zugrunde liegender ethischer Berufung. Das ist nicht erstaunlich, aber wohlverstanden menschlich.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur