Gesundheitsversorgung 2050

Kosten außer Kontrolle

Gesundheitsversorgung 2050 – ist das nicht viel zu weit weg, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen? Nein, versichert Prof. Fritz Beske. Nur wer die Zukunft im Blick hat, kann das System danach ausrichten. Zusammen mit dem Präsidenten der Bundeszahnärztekammer, Dr. Dr. Jürgen Weitkamp, Ralf Büchner, KV Schleswig-Holstein, und Dr. Dieter Paffrath von der dortigen AOK stellte er in Berlin auf Basis seiner neuen Studie eine alarmierende Prognose.

Bis 2050 legte das Statistische Bundesamt seine Daten zur demografischen Lage vor. Daten, die unabwendbar sind und auf denen die Fritz Beske-Studie „Gesundheitsversorgung 2050“ fußt. „Dennoch fehlt die Zukunftsorientierung im Gesundheitswesen“, verdeutlicht der Kieler Gesundheitsexperte. „Das beklagen wir seit Jahren und deshalb war uns auch daran gelegen, statt der üblichen allgemeinen Formulierungen konkrete Zahlen vorzustellen.“

Zahlen sprechen Bände

Zahlen, die Bände sprechen: Die Bevölkerung geht bis 2050 von über 82 Millionen auf unter 70 Millionen zurück. Zugleich nimmt der Anteil der über 65-Jährigen zu. Die Kosten, die die Erwerbsfähigen für Krankheiten aufbringen müssen, verdoppeln sich hingegen. Und auch die Ausgaben für Pflege werden sich verdreifachen. Ausgelöst wird die dramatische Entwicklung dadurch, dass altersbedingte Krankheiten, wie Demenz, Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zunehmen, während die Anzahl der Erwerbsfähigen im Alter von 20 bis 64 Jahren sinkt. Allein aufgrund der zunehmenden altersabhängigen Krankheiten steigen der Studie zufolge die stationären Behandlungsfälle um 67 Prozent.

Horrende Krankheitskosten

Konkret heißt das: Pro Einwohner wachsen die Krankheitskosten um 47 Prozent auf 3 900 Euro. Von 2000 aus betrachtet müssen die Erwerbsfähigen 2050 für ihre Krankenversorgung durchschnittlich 77 Prozent und für die Pflege rund 240 Prozent mehr zahlen.

„Die Generation der heute 30-Jährigen steht dabei vor besonderen Belastungen: Einerseits muss sie die Lasten der geburtenstarken Jahrgänge tragen, andererseits für die eigene Zukunft vorsorgen“, betonte Beske. Es sei unvorstellbar, dass die zukünftigen Anforderungen ohne Einschränkungen im persönlichen Bereich bewältigt werden können. Bei Gesundheit und Pflege sei es unumgänglich, in puncto Leistungen Prioritäten zu setzen.

Fazit Beske: Das Gesundheitswesen ist ohne klare Kurskorrekturen in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr bezahlbar. Weitere Einschränkungen des Leistungskatalogs der Krankenkassen und eine verstärkte Privatisierung von Gesundheitsausgaben seien unausweichlich. Die Versorgung dürfe nur noch im Krankheitsfall über die GKV laufen, allein die Prävention sei die Aufgabe aller. Beske: „Ich bin immer wieder erschrocken, wie noch draufgesattelt wird!“

Älterer Patient im Fokus

Dass die Rundumbezahlung in der GKV die Solidargemeinschaft überstrapaziert, betonte auch BZÄK-Präsident Weitkamp. „Die Zukunft liegt in der Kostenerstattung und der Ausdehnung der Festzuschüsse. Der Ausbau der Prävention ist dabei der richtige Weg.“ Im Mittelpunkt zahnmedizinischen Handelns stünden schon lange die lebenslange Begleitung und Unterstützung aller Maßnahmen, die die Mundgesundheit fördern. „Dieser präventive Ansatz verlangt nach entsprechenden Behandlungs- und Betreuungskonzepten, speziell auch in der Alterszahnheilkunde“, hob Weitkamp hervor. Die DMS IV zeige, dass gute Konzepte, wie „Prävention ein Leben lang“, greifen. Er forderte die Politik deshalb auf, mit den Heilberuflern Strategien zu entwickeln, wie man Multimorbidität behandelt. Denn: „Gesundheitspolitik für alte Menschen ist auch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.“

Ebenfalls ein Umdenken forderte KV-Chef Büchner. Auch für ihn steht der umfassende GKV-Katalog zur Disposition: „Für ein bestimmtes Geld kann es nur eine bestimmte Menge an Leistungen geben.“ Paffrath, AOK, bestätigt: „Deutschland hat im internationalen Vergleich eines der höchsten Versorgungsniveaus.“ Er sieht einen Lösungsansatz in mehr Anreizen für den Qualitätswettbewerb unter Ärzten: „Kein Grund zur Panik.“ Beske widerspricht: „Der Politik kommt die unangenehme Aufgabe zu, dies der Bevölkerung ehrlich und ohne Umschweife immer wieder zu sagen. Nur so haben wir die Chance, gemeinsam Lösungen zu finden und die Zukunft solidarisch zu bewältigen.“ Weitkamp ergänzt: „Wenn wir die Probleme jetzt lösen, wäre es um einiges einfacher!“

INFO

Das Fritz Beske Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel

Prof. Dr. Fritz Beske gründete das Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel 1975 und ist seither der Direktor. Ein Jahr später wurde die Einrichtung als gemeinnützige Stiftung anerkannt. In den ersten Jahren legte das Institut Studien zu strukturellen Fragen des Gesundheitswesens vor, wie die erste umfassende Bestandsaufnahme des Gesundheitswesens in Deutschland. Weitere Arbeiten behandelten unter anderem Grundsatzfragen der Gesetzlichen Krankenversicherung und die Allgemeinmedizin.

Für Forschungs-, Planungs- und Beratungsaufgaben, die nicht im Rahmen einer gemeinnützigen Stiftung erledigt werden konnten, wurde 1987 die IGSF, das Institut für Gesundheits-System-Forschung als GmbH gegründet. Seit 2001 sind Stiftung und GmbH getrennt. Die Stiftung wurde 2001 in das Fritz Beske Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel umbenannt. Das Institut gibt eine eigene Schriftenreihe heraus. Zum Thema „Gesundheitsforschung 2050“ erschien jetzt der 108. Band.

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