Informationskreis Mundhygiene und Ernährungsverhalten (IME)

30 lange Jahre im Sinne der Zahngesundheit

Im Vorfeld der 14. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde, die Ende September an der Medizinischen Hochschule in Hannover stattfand, feierte der Informationskreis Mundhygiene und Ernährungsverhalten (IME) sein 30. Bestehen. Dieses Jubiläum wurde in ehrwürdigem Rahmen mit einem Vorsymposium begangen.

Namhafte Referenten, die die positive Entwicklung der Karies im Kinder- und Jugendalter der letzten 30 Jahre maßgeblich mitgeprägt haben, trafen sich im Vorfeld der Jahrestagung und referierten vor dem Hintergrund des generellen Kariesrückganges bei Kindern und Jugendlichen über Milchzahnkaries.

Epidemiologische Studien, die in den letzten zehn Jahren in verschiedenen Bundesländern bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurden, deckten eine deutliche Verbesserung der Zahngesundheit an bleibenden Zähnen auf, wie Professor Dr. Klaus Pieper, Marburg, zeigen konnte. Dies gilt zumindest für die Zwölfjährigen, deren Zahngesundheit sich in allen Bundesländern verbesserte. In diesem Kontext stelle sich für den Referenten und seine Arbeitsgruppe die Frage, ob an Milchzähnen von Kindergarten- und Schulkindern eine analoge Verbesserung zu beobachten war. Antwort darauf ergaben die Ergebnisse der bisherigen DAJ-Studien sowie einer Regionalstudie, die im Jahr 2006 in Nordhessen durchgeführt wurde.

Kindergartenzähne werden leider wieder schlechter

Eine detaillierte Analyse der im Kindergartenalter auftretenden Milchzahnkaries konnte Pieper anhand von Daten zeigen, die im Frühjahr 2006 bei Fünf- bis Siebenjährigen im Kreis Waldeck-Frankenberg (Nordhessen) ermittelt wurden. In dieser Altersgruppe hatten 55 Prozent der Kinder keine Karieserfahrung, der mittlere dmf-t für die Gesamtgruppe lag bei 1,88. 45,7 Prozent der kariösen Zähne waren durch Füllungen beziehungsweise Restaurationen saniert.

Die beiden Studien verdeutlichen, dass weiterhin verstärkte Anstrengungen unternommen werden müssen, den Kariesbefall an Milchzähnen zu senken. Nur so lässt sich das ehrgeizige Ziel der Bundeszahnärztekammer („Kariesfreiheit bei 80 Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen im Jahr 2015“) auch tatsächlich erreichen, formulierte Pieper.

Professor Dr. Lutz Stößer, Erfurt/Jena, zeigte, dass der kariespräventive Effekt des Spurenelements Fluor zweifelsfrei erwiesen ist. Der in den letzten 50 Jahren beobachtete Kariesrückgang in der jugendlichen Generation der Industrieländer wäre ohne Fluorid nicht eingetreten. Dies trifft grundsätzlich nicht nur für das bleibende Gebiss, sondern auch für das Milchgebiss zu, wenn auch Einschränkungen aufgrund der Besonderheiten des Milchgebisses zu machen sind, wie Stößer ausführte. Der Referent machte deutlich, dass der Milchzahnschmelz nicht nur dünner ist und deshalb schneller durch den kariösen Prozess zerstört wird, sondern er besitzt auch weitere mikrostrukturelle Schwachstellen, während demgegenüber das kariogene Potential der Plaque nicht limitiert ist. Der Fluoridspiegel in der kindlichen Mundhöhle ist naturgemäß niedrig und nicht ausreichend für einen signifikanten kariespräventiven Effekt. Denn bei der geringen Körpermasse stößt die Fluorid-Verabreichung nicht selten auf Dosierungsbedenken. Aus diesem Grund ist auch die F-Konzentration in den Kinderzahnpasten auf 500 ppm F reduziert worden. Konzentrierte F-Präparate wie Gele und Lacke sind nur mit Vorbehalt und nach Fluoridanamnese durch den Zahnarzt anzuwenden. Somit bleibt die Fluoridzahnpaste die Anwendungsform der Wahl für die Kinderzähne, formulierte Stößer.

Wie das Erlernen von Zahnputzgewohnheiten beim Kleinkind funktioniert, das erklärte die Diplompsychologin Prof. Dr. Almut Makuch, Leipzig. Sie machte deutlich, dass das Ergreifen einer Zahnbürste und das Putzen der Zähne reine Willkürbewegungen darstellen, die erst dann möglich sind, wenn Orientierungsfähigkeit und Körperbeherrschung vereinigt sind. Im Allgemeinen ist das Greifen durch die Auge-Hand-Koordination möglich. Diese erste Willkürbewegung tritt im fünften beziehungsweise sechsten Lebensmonat auf. Zunächst wird mit den Gegenständen unspezifisch manipuliert: Ergreifen, Schütteln, Wegwerfen.

Durch die sich anschließende funktionale Handlung wird der Gegenstand als „Verlängerung“ der manuellen Funktionsmöglichkeiten aufgefasst. Mit dem Übergang zur gegenständlichen Handlung eignet sich das Kind gesellschaftliche Verfahren im Gebrauch der Dinge an. Dies ist spontan nicht möglich, sondern erfordert die Anleitung und Mithilfe von Eltern (und Erziehern). Das betrifft den Gebrauch des Löffels genauso wie den Gebrauch einer Zahnbürste, wie die Referentin demonstrierte.

Parallel zur Entwicklung der motorischen Leistungen muss das Kind in seinem Verhalten bestärkt werden. Im familiären Zusammenleben erlernt das Kind zunächst Verhaltensweisen seiner Eltern und identifiziert sich mit ihnen. Dabei wird das Verhalten der Eltern mit positiven Gefühlszuständen assoziiert und hat so für das Kind Belohnungswert. Immer wiederkehrende Verhaltensweisen bedeuten für das Kind dadurch liebevolle Zuwendung. Das Kind hat Freude am Ritual, also auch an einer regelmäßigen Zahn- und Mundpflege. Allmählich gelingt es dann dem Kind, einzelne Tätigkeiten der Erwachsenen nachzuahmen. Die Nachahmung gewinnt zunehmend an Bedeutung für die Erziehung und sollte deshalb unbedingt genutzt werden, um die Handlung „Zähneputzen“ zu übernehmen.

Gruppenprophylaxe muss weiter ausgebaut werden

Die frühkindliche Karies (ECC) stellt heute nachgewiesenermaßen ein medizinisches und soziales Problem dar, wie sich Helga Senkel, vom Fachbereich Gesundheit beim Ennepe-Ruhr-Kreis, in ihrem Vortrag ausdrückte. Da der Kariesprozess aus heutiger Sicht kontrolliert werden kann, sollte die Gruppenprophylaxe mit evidenzbasierten Maßnahmen als effektivster und effizientester Ansatz in der Kariesprävention deutlich ausgebaut werden. Die Referentin kritisierte, dass die derzeit umgesetzten Programme in den einzelnen Bundesländern auf unterschiedlichen Konzepten und verschiedenen Verantwortlichkeiten basieren. Dadurch weisen sie in der Summe geringere Betreuungsquoten auf als die von den Spitzenverbänden der Krankenkassen im Jahr 2000 gefordert worden waren.

Die Evidenzbasierung und Qualitätssicherung einer gesundheitsbezogenen Primärprävention im Sinne einer Good Practice-Gruppenprophylaxe erfordere damit eine Neubewertung bestehender Programme sowohl in den Bundesländern als auch regional in den Betreuungs-Settings der Nullbis Dreijährigen und Drei- bis Fünfjährigen. Die Referentin bewertete den Ist-Zustand als kritisch und forderte, dass Qualitätsstandards eingeführt werden sollten. Weiterhin sei eine Qualitätssicherung anzustreben und zukünftige Ziele seien zu formulieren, um eine entsprechende Nachhaltigkeit zu garantieren.

30 Jahre Aufklärungsarbeit

Einen wesentlichen Beitrag zum Rückgang der Karies der letzten Dekaden hat auch die intensive Aufklärungsarbeit des IME geleistet. Unter anderem gibt der IME zwei Informationsdienste heraus: den Wissenschaftlichen Informationsdienst und den Pressedienst, jeweils zehnmal im Jahr. Dieser Wissenschaftliche Informationsdienst informiert über Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien aus den Bereichen Zahnmedizin/Zahngesundheit und Ernährungsverhalten. Basis dieses Informationsdienstes sind nationale und internationale Fachzeitschriften, deren Beiträge redaktionell aufbereitet werden. Er richtet sich in erster Linie an Wissenschaftler der Zahnmedizin und Ernährungswissenschaft, Fachjournalisten, Krankenkassen, Kliniken sowie an Gesundheitsämter und -behörden von Bund und Ländern. Der Pressedienst beinhaltet populärwissenschaftlich aufbereitete Themen zur Mundgesundheit und Ernährungsverhalten für Tages- und Wochenzeitungen, Publikumszeitschriften, Fachpresse, elektronische Medien und Institutionen der Gesundheitsvorsorge. Ein weiterer Schwerpunkt der IME-Arbeit ist die zielgruppenspezifische Herausgabe von Informationsmaterialien. Damit wird die Aufklärungsarbeit von Gesundheitsämtern, Zahnarztpraxen und Schulzahnärzten nachhaltig unterstützt. So nutzen zum Beispiel die niedergelassenen Zahnärzte die IME-Zahnputzurkunde für ihre Prophylaxearbeit. Kinder, denen die Urkunde verliehen wird, werden in ihrer Zahnpflege bestätigt beziehungsweise dazu animiert. Um die direkte Kommunikation mit Kindern und Jugendlichen – insbesondere auch mit jugendlichen Kariesrisikogruppen – zu pflegen, wurde die Website http//:www.dentrangers.de eingerichtet. Hier erfahren Sie, wie wichtig regelmäßiges Zähneputzen ist und wie man die Zähne richtig putzt. Für Grundschulen hat der IME in Kooperation mit dem Zeitbild-Verlag die Unterrichtsmappe „Ein schönes Lachen lässt sich machen“ herausgegeben. Für Kindergärten wurde gemeinsam mit Sozialpädagogen ein Bewegungsspiel „Frischgeputzte Blinkezähne“ entwickelt. Nicht zuletzt wurden vom IME in den letzten Jahren zu verschiedenen wissenschaftlichen Themenschwerpunkten Symposien durchgeführt. Alle Publikationen und weiterführende Informationen finden sich unter http//:www.imeonline.de.

zm-Info

Der Informationskreis Mundhygiene und Ernährungsverhalten (kurz IME) wurde 1977 mit dem Ziel gegründet, auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse über Zahngesundheit, Kariesprophylaxe und Ernährungsverhalten aufzuklären. Zu diesem Zweck unterhält der IME ein ständig aktualisiertes, wissenschaftliches Archiv und pflegt den Dialog mit führenden Wissenschaftlern der Zahnmedizin und Ernährungswissenschaft an deutschen Universitäten und Hochschulen. Dem IME gehören führende Verbände der deutschen, österreichischen und schweizerischen Lebensmittelwirtschaft an. Der Verband ist Mitglied der Bundesvereinigung für Gesundheit e.V. in Bonn sowie auf internationaler Ebene Mitglied der Europäischen Organisation für Kariesforschung (European Organisation of Caries Research / ORCA).


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