Wenn der Kollege ein Alkoholproblem hat

Soforthilfe für suchtkranke Ärzte

Höfliche Helferinnen, tolerante Familienmitglieder, mitfühlende Freunde, ignorierende Patienten – auch wenn das Alkoholproblem des Arztes lange schon offensichtlich ist, kann noch viel Zeit vergehen, bis die Fassade zusammenbricht. Um Kollegen beim Ausstieg aus der Sucht zu unterstützen, hat die Ärztekammer Hamburg ein Interventionsprogramm etabliert, das mittlerweile auch von verschiedenen anderen Kammern angeboten wird.

Suchtkranke Ärztinnen und Ärzte standen vor Jahren noch vor großen, fast unüberwindbaren Hürden, wenn sich die Frage stellte, was sie gegen ihre Abhängigkeit tun könnten, ohne ihre Approbation oder den Arbeitsplatz zu gefährden. Die Folge: Man schwieg das Problem tot. Heute droht zwar noch immer der Entzug der Approbation, aber bei Therapiewilligkeit und kooperativem Verhalten ergeben sich mit der Ärztekammer und der Gesundheitsbehörde Chancen für einen Ausstieg aus der Sucht.

Hoher Erwartungsdruck

Ärzte gelten als besonders suchtgefährdet. Sie unterliegen bei ihrer Tätigkeit einem hohem Erwartungsdruck in hierarchischen Strukturen, haben ungeregelte und zu lange Arbeitszeiten sowie lange Aus- und Weiterbildungszeiten. Aber auch die Konfrontation mit Patientenschicksalen im Berufsalltag bringt einen hohen emotionalen Druck. Darüber hinaus kann die pharmakologische Praxis als Katalysator süchtigen Verhaltens wirken. Medikamenteneinsatz und Verfügbarkeit im beruflichen Alltag wirken synergetisch und das vermeintlich genaue Wissen des Arztes um die Risiken führt oft zur Fehleinschätzung beim „Selbstversuch“ beziehungsweise „-gebrauch“.

Es wird lange taktvoll weggeschaut

Bevor nun das Sucht- und Interventionsprogramm der Ärztekammer erkrankten Kolleginnen und Kollegen überhaupt helfen kann, muss die Sucht erkannt werden. Ein Weg mit Hindernissen, denn ein Arzt hat ein im Grunde unverwundbarer Helfer zu sein, der selbst nicht krank wird. So glaubt er auch, sich selbst gut unter Kontrolle zu haben. Die Substanzwirkung selbst tut dabei ihr Übriges, um diese Tendenz zur Einschränkung des Kritikvermögens noch zu vertiefen. So steht das hohe Arztideal in narzisstisch kränkendem Kontrast zur realen ärztlichen Persönlichkeit, die erschöpfbar bleibt und für den bislang selbstlos Helfenden eine Hilfe für sein Selbst erforderlich macht.

Hinzu kommt die Verdrängung, die in der Umgebung stattfindet. Wir treffen häufig auf eine weitgehende, dabei falsch verstandene Kollegialität von ärztlichen und auch nicht ärztlichen Mitarbeitern.

Auch Familienmitglieder und Freunde üben oft Toleranz. Das häufig ratlose Hinwegsehen über die schwache und zunehmend krankhafte Stelle führt zu Koabhängigkeit und für den Betroffenen zur Chronifizierung seiner Erkrankung.

Obwohl also viele Gründe gegen eine Behandlung der Sucht sprechen, kommt es doch regelmäßig vor, dass die Ärztekammer über den Verdacht auf eine bestehende Abhängigkeit informiert wird. Oft sind es Angehörige, Kollegen oder Patienten, die den Verdacht melden.

Oft desolater Zustand

Als erster Schritt findet ein Gespräch mit dem betroffenen Arzt unmittelbar nach der Information statt. Oft ist dieser in einem desolaten, teilweise intoxikierten Zustand.

Häufig gibt es heftige Abwehr- und Verleugnungsreaktionen. Trotz der anfänglichen Aggression gelingt es meist, die Ziele und Inhalte des auf Hilfe und Unterstützung gerichteten Programms zu verdeutlichen. Dabei wird ein konstruktiv nutzbarer Kooperations- und Handlungsspielraum für die Entgiftungs- und Entwöhnungsbehandlung geschaffen. Besteht trotz klarer Abhängigkeit keine Compliance, wird dem Kammermitglied mitgeteilt, dass die Abgabe der Unterlagen an die Aufsichtsbehörde erfolgt. In Zweifelsfällen wird eine Untersuchung durch einen suchtmedizinisch erfahrenen Arzt durchgeführt, gegebenenfalls mit einer Therapieempfehlung. In der Regel schließt sich eine stationäre Entgiftungsund Entwöhnungsbehandlung in einer Suchtklinik für die Dauer von meist sechs bis acht Wochen an. Häufige Probleme dort sind die Akzeptanz der Patientenrolle, eine Krankheitseinsicht mit ausreichender emotionaler Akzeptanz und das Rückfallmanagement. Um die Therapie in der Suchtklinik zu ermöglichen, ist die Ärztekammer bei der Auswahl einer geeigneten Einrichtung, der Organisation einer Praxisvertretung und auch bei der Klärung der Kostenübernahme behilflich.

Unterstützung auch nach dem Entzug

Nach der Entlassung beginnt das Nachsorgeprogramm der Ärztekammer vor Ort auf dem Boden einer „freiwilligen Vereinbarung“, die im Regelfall fünf Punkte enthält und für die Dauer von zunächst einem Jahr gilt:

• Durchführung einer gutachterlichen Untersuchung möglichst in der Entwöhnungseinrichtung unter Einschluss des psychopathologischen Befundes und objektiver Laborparameter

• Wöchentliche Psychotherapie, über die die Ärztekammer nur in Bezug auf die Teilnahme informiert wird

• Regelmäßiger Besuch von (AA)-Selbsthilfegruppen

• Monatliche Vorstellung in der Ärztekammer zur Besprechung der Situation und der Ergebnisse

• Unregelmäßige, von der Ärztekammer initiierte Abstinenzkontrollen (Blutund/oder Urinscreening).

Schon der erste Schritt gilt als Erfolg

Die Ärztekammer Hamburg stuft schon die Teilnahme an einer strukturierten Behandlung als Erfolg ein. Ziel ist es, den Betroffenen an eine therapeutische Chance heranzuführen und gleichzeitig die Patienten in der Phase der akuten Erkrankung vor möglichen negativen Behandlungsauswirkungen zu schützen. Gemessen an den realen Zahlen erreicht das Interventionsprogramm jedoch nur den Gipfel des Eisbergs. Seit Juni 2002 begleitet die Ärztekammer pro Jahr zirka 20 Ärztinnen und Ärzte im Suchtinterventionsprogramm. Den größten Anteil stellt die Alkoholabhängigkeit, gefolgt von Opiatmissbrauch, Crack und Kokain sowie Medikamentenmissbrauch. Bei etwa jedem Dritten verlängert sich das Interventionsprogramm aufgrund von Rückfällen. Vereinzelt musste das Programm vorzeitig beendet werden.

Dr. med. Klaus Beelmann
Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer
Hamburg
Humboldtstr. 56
22083 Hamburg
klaus.beelmann@aekhh.de

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung
aus;MMW-Fortschr. Med. Nr. 27-28 / 2007 (149. Jg.)

Riskanter Konsum:

10,4 Mio. Personen

Missbrauch:

2,65 Mio. Personen

Abhängigkeit:

1,7 Mio. Personen

Geschätzt:

8 300 abhängige Ärzte

(Quelle: Alkoholabhängigkeit, Suchtmedizinische Reihe Band 1, Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren)

INFO

Hilfsangebote für Deutschland

In enger Anlehnung an das Interventionsprogramm der Ärztekammer Hamburg bieten andere Kammern inzwischen vergleichbare Unterstützung. Die Adressen und Ansprechpartner bei den einzelnen Ärztekammern finden Sie auf der Homepage unter Prävention:

http://www.baek.de/page.asp?his=1.117.1504.1578.3913

Eine Nachfrage bei einzelnen Zahnärztekammern ergab, dass diese kein eigenes Suchtprogramm für ihre Mitglieder haben. Es wird empfohlen, sich daher direkt an die Ärztekammer des zuständigen Landes zu wenden.


INFO

Verkehrsdelikt bringt Therapie ins Rollen

Zuletzt trinkt er schon morgens, „um in Gang zu kommen“. Normal sind ein bis zwei Liter Weißwein am Tag. Bis zu dem Tag Ende September 2001, an dem der damals 58-Jährige in eine Verkehrskontrolle gerät. Dr. med. Matthias M., in einer Hamburger Facharztpraxis niedergelassen, hat 2,86 Promille Alkohol im Blut. Das kostet ihn den Führerschein und spitzt die Situation so zu, dass er sich an die Ärztekammer wendet und von seinen Problemen im Umgang mit Alkohol berichtet. Ein Arzt und Mitglied der Geschäftsführung der Ärztekammer spricht bereits am folgenden Tag mit Matthias M. Zeitnah erfolgt die Untersuchung bei einem Suchtmediziner. Der stellt die Diagnose „Alkoholabhängigkeit“ (ICD-10 F 10.2). Matthias M. weiß, dass er krank und behandlungsbedürftig ist. Er hat aber den festen Wunsch, künftig abstinent zu leben. Für das Suchtinterventionsprogramm der Ärztekammer Hamburg ist dies eine gute Ausgangsbasis. Die Kammer bespricht mit ihm die weitere Therapie mit anschließender engmaschiger Nachsorge, die Formalitäten für die Praxisvertretung und hilft ihm bei der Suche nach einer stationären Therapie in einer Suchtklinik. Seine Praxis wird krankheitsbedingt vorübergehend geschlossen. Bereits vierzehn Tage nach dem Erstkontakt zur Kammer beginnt die stationäre Behandlung. Hier ergibt der Münchner Alkoholismustest (MALT) ein Ergebnis von 24 Punkten. Dieser Test gibt ab fünf Punkten Hinweise auf Missbrauch, ab 11 Punkten den Hinweis auf die Abhängigkeit. Nach knapp acht Wochen wird M. entlassen, mit der Feststellung „einer nicht unerheblichen Rückfallgefährdung“. Dennoch arbeitet er bald wieder in seiner Praxis, anfangs mit Ängsten gegenüber Mitarbeitern und Patienten. Doch die sind unbegründet. Er steht klar zu seiner Abhängigkeitserkrankung und erlebt viel Entgegenkommen und Respekt durch seine Patienten sowie große Unterstützung durch sein Personal. Auch seine Familie steht zu ihm. Hier erfährt er positive, wenngleich manches Mal mit Skepsis versehene Begleitung. Die Therapie (Psychotherapie, Selbsthilfegruppe, regelmäßige Untersuchungen) wird ambulant fortgeführt. Schwierigkeiten macht dem Arzt zunächst der Besuch der Selbsthilfegruppe. Durch wiederholtes Insistieren von verschiedenen Seiten besucht er ab Anfang März regelmäßig eine Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker und fühlt sich dort zunehmend heimisch. Durch Umstrukturierungen in der Praxis verschafft er sich mehr Zeit für Familie und Hobbys. Er macht nun Sport und Musik, entdeckt alte Hobbys neu und läuft im späten Frühjahr einen Marathon. Matthias M. bleibt trotz der Rückfallgefährdung abstinent, verspürt allerdings immer wieder den Wunsch nach Alkohol. Der Wunsch wird mit der Zeit schwächer. Nach gut einem Jahr engmaschiger Begleitung durch die Ärztekammer kann sich Matthias M. vorstellen, „wunderbar“ den Rest des Lebens ohne Alkohol auszukommen. Heute, vier Jahre später, lebt er abstinent und arbeitet nach wie vor in seiner Praxis.

INFO

• Das Suchtinterventionsprogramm der Ärztekammer Hamburg hilft seit rund 15 Jahren Ärzten bei der Bewältigung von Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen. Dieses Programm wird derzeit von anderen Ärztekammern übernommen, etabliert ist es bereits in Brandenburg, Thüringen und im Saarland. Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Berlin arbeiten gerade an der Umsetzung. Die einzelnen Zahnärztekammern in Deutschland haben kein vergleichbares Programm. Wie jedoch die Hamburger Ärztekammer den zm gegenüber mitteilte, gibt es eine sehr kollegiale Zusammenarbeit zwischen beiden „Medizinerkammern“, so dass unter Umständen betroffene Zahnärzte der Suchtstelle der Ärzte zugeführt werden. In den anderen Bundesländern soll es vergleichbar gehandhabt werden, so lautet die Auskunft des Leiters der Suchtberatungsstelle.

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