Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

Geschmäcker sind verschieden. Über die Einschätzung, was schön ist, streiten sich selbst in unserer eigenen Gesellschaft die Geister. Gelingt es schon innerhalb unserer Kultur kaum, zwischen beispielsweise jung und alt oder Mann und Frau Übereinkunft zu treffen, was ästhetisch ist, darf es eigentlich nicht verwundern, wie schwer uns Toleranz und Verständnis für das oft ganz anders geartete Schönheitsgefühl anderer Kulturen fallen. 

Schönheitsideale wie Tellerlippen, Halsverlängerungen, Kopfverformungen, Mundund Nasenpflöcke oder Zackenfeilungen, wie sie von Menschen aus anderen Teilen dieser Welt bekannt sind, wirken für uns so befremdlich wie für die Anderen Schuhe mit hohen Absätzen, auf Arme tätowierte Segelschiffe oder gepiercte Augenbrauen.

Zweifelsohne: Bei der Suche nach Grundregeln, was als schön empfunden wird, helfen vielleicht Erkenntnisse der Psychologie, Physik oder anderer Wissenschaften. Aber Stammbücher, in denen grundlegende Wahrheiten alles abdecken, was Menschen warum als schön empfinden, gibt es nicht. Ärzte oder Zahnärzte haben in Sachen Schönheit – über alle Kulturen und Geschmäcker hinweg – aber ein wichtiges Kriterium, das in einer Hinsicht objektive Bedeutung hat: Gesundheit!  

Und da lehrt die Geschichte unterschiedlichster Kulturen, dass bei dem Hang zur Schönheit Gesundheit nicht immer das vorherrschende Kriterium war und ist. Den Blick auf „Raubtierzahn, Lippenscheibe und Zackenfeilung“, den der Ethno-Zahnmediziner Roland Garve in der Titelgeschichte dieser Ausgabe bietet, zeigt auf, was Menschen in anderen Teilen der Welt sich an für uns „absonderlich“ wirkenden Gewohnheiten und Schönheitsidealen geschaffen haben. Garve konnte bei seinen vielen Reisen in andere Kulturen dieser Welt damit umgehen. Vieles davon wirkt auf uns Europäer befremdlich. Wir sind da anders. Wir haben unsere eigenen Ideale, deren gesundheitsschädlichen Folgen allerdings auch in unserer Mitte vielfach in Kauf genommen werden. Weil es schön ist?  

Wer soll das objektiv beurteilen. Wichtig ist, dass der Arzt und Zahnarzt aufklärt; dass er, wo es nötig ist, vor Folgen warnt; dass er versucht, Schäden zu vermeiden oder zu beheben, wenn sie eingetreten sind.  

Überall auf der Welt hat er diese Aufgabe. Nicht nur in Tansania oder im kolumbianischen Urwald. Auch hier, wo nicht nur das ehemals extrem geschnürte Mieder, sondern heute Branding, Piercing und andere Spielarten empfundener Schönheitsmerkmale ihre gesundheitlichen Spuren hinterlassen.  

Eine gute Zeit beim Lesen
und Nachdenken wünscht

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur