Zahnschmuck fremder Kulturen

Raubtierzahn, Lippenscheibe und Zackenfeilung

Zunehmende Globalisierung und Migration aus Ländern der so genannten Dritten und Vierten Welt bedeuten nicht nur neue spezifische Herausforderungen und einen damit verbundenen Weiterbildungsbedarf für Ärzte, sondern auch für Zahnmediziner. Neben soziologischen Aspekten, religiösen, kulturanthropologischen und ethno-medizinischen Besonderheiten spielt das neue Fachgebiet Ethno-Zahnmedizin eine nicht unwesentlichen Rolle.

Dass sich Ärzte aus eigenem Interesse mit Völkerkunde beschäftigen, hat von alters her eine große Tradition. Schon in den vergangenen Jahrhunderten waren es vor allem Mediziner, zum Beispiel der Nervenarzt Karl von den Steinen oder der Greifswalder Anatomieprofessor Richard Wegner, die sich intensiv und fachübergreifend der Erforschung unbekannter Amazonasvölker widmeten und sogar Standardwerke der Völkerkunde schufen.

An der Zahnklinik der Universität Greifswald befasste sich bereits vor hundert Jahren der Privatdozent Hermann Schröder (der Erfinder der gleichnamigen Knochenlüftung) intensiv mit der künstlichen Deformation des Gebisses.

So exotisch und spannend ihre Berichte über merkwürdige Bräuche, Riten oder anatomische Besonderheiten und Erkrankungen von Naturvölkern in dieser Zeit auch waren, so besaßen diese damals aber noch keine Praxisrelevanz für deutsche Krankeneinrichtungen. Heute ist die Situation anders. Als Beispiel sei die bei vielen afrikanischen Völkern verbreitete rituelle Genitalverstümmelung bei Mädchen angeführt. Vor hundert Jahren in französischen Krankenhäusern noch nahezu unbekannt, sind Infektionen und Nachfolgeschäden dieser Beschneidungen gegenwärtig dort keine Seltenheit mehr. Im Mund oder im Zungenbereich sind es heutzutage oft Infektionen, Blutungen oder Nervläsionen als Folgen unsachgemäßen Piercings, die schließlich in zahnmedizinischen Einrichtungen behandelt werden müssen.

Migration und Tourismus

Immer häufiger kommen heute Menschen aus uns oft noch unbekannten Kulturkreisen mit teils völlig anderen ethischen Normen und hierzulande äußerst seltenen Erkrankungen aus Übersee nach Deutschland. Umgekehrt ermöglicht uns der Ferntourismus seit einigen Jahren den Kontakt zu sogenannten exotischen Völkern. Viele Zahnmedizinstudenten absolvieren ihre Berufspraktika oder Famulaturen nicht mehr in Deutschland, sondern in Tansania, Brasilien, Tonga oder Neuguinea. Und mitunter stoßen sie bei ihrer Arbeit mit Patienten nicht nur auf erbliche oder krankheitsbedingte stammestypische Besonderheiten im Kopf- und Halsbereich oder an den Zähnen. Mitunter sind es massive rituelle Deformierungen, die bei diesen Völkern einen hohen ästhetischen Wert ausdrücken oder ein wichtiges Identifikationsmerkmal darstellen. Allerdings widersprechen sie der westlich geprägten Moralvorstellung und dem ärztlichen Ethos völlig.

Protest und Normverweigerung

Es sind also Umdenken und große Toleranz nötig, obwohl es sich aus hiesiger Sicht um Verstümmelungen handelt. Bekannt ist der vor etwa zehn Jahren aufgekommene Trend bei Jugendlichen des Haut- und Zungen-Piercings, meist kombiniert mit Tätowierungen. Meistens entspricht es einem Symbolwert im Sinne von Normverweigerung oder Protest in sogenannten Anti-Establishment- Subkulturen [G. Bethke, P. A. Reichart, 1999]. Immer wieder tauchen neu erfundene Trends auf, wie das sogenannte Branding, Weichteil-Implants, Silikon-Aufspritzungen bis hin zu Zahnkronen in Raubtierform. Während der eine Extremfall (Dennis Avner aus Großbritannien) wie eine Raubkatze aussehen möchte, um sich „zu verwirklichen“, strebt jemand anderes eine unbedingte Ähnlichkeit mit einer Barbie- Puppe an und lässt etliche chirurgische und zahnmedizinische Eingriffe über sich ergehen (siehe Internet www.stalkingcat.net oder tiger@stalkingcat.net).

Allerdings gibt es außer dem Verlangen, damit in der Gesellschaft Aufmerksamkeit zu erregen sowie einem Mode-Gruppenzwang oder einem krankhaften Drang nach Individualität zu folgen, eigentlich keinen erkennbaren kulturellen Hintergrund. Trotz des Glaubens, damit etwas völlig neues, vielleicht gesellschaftlich Provozierendes geschaffen zu haben und damit als jemand Besonderes zu gelten, muss jedoch festgestellt werden, dass künstliche Deformierungen bereits seit Jahrtausenden von Naturvölkern vorgenommen werden. sie stehen allerdings immer in einem rituellen beziehungsweise kulturellen Kontext. Ein gutes Beispiel sind die gewaltigen Lippenscheiben der Surma oder Mursi-Frauen in Südäthiopien.

Eine durchschnittlich fünf Zentimeter breite Lippe lässt sich innerhalb von nur zwölf Monaten auf 50 Zentimeter Länge dehnen, ohne zu reißen. Nur so gilt eine Surma-Frau im Alter von 20 Jahren als voll heiratsfähig und erzielt den höchsten Brautpreis.

Sie entsprechen einem historisch gewachsenen Schönheitsideal dieser Völker. Dabei wird die perforierte Unterlippe innerhalb eines Jahres um das Vielfache gedehnt. Erstaunlich ist, dass trotz der gewaltigen Dehnung die Sensibilität der Haut und auch eine geringe Motorik der Muskulatur erhalten bleiben. Gingen Histologen bis vor kurzem noch davon aus, dass sich die elastischen Fasern der menschlichen Lippen maximal um das doppelte dehnen lassen, so hat eine aktuelle Studie an der Uni Greifswald unter Leitung von Prof. Fanghänel [Lindemann, S. 2007] durch Vermessungen von Surma-Lippentellern eine Dehnung bis auf das Zehnfache ergeben. Das heißt, dass eine durchschnittlich fünf Zentimeter breite Lippe innerhalb von nur zwölf Monaten auf 50 Zentimeter Länge gedehnt werden kann, ohne zu reißen. Nur so gilt eine Surma-Frau im Alter von 20 Jahren als voll heiratsfähig und erzielt den höchsten Brautpreis.

Ein Zeichen höchster Würde

Bei den Makonde in Tansania und Mosambik und Mobali in Kongo wurden früher sogar Oberlippenpflöcke mit einer Breite von 7,50 Zentimetern und Dicke von fünf Zentimetern von den Frauen getragen [K. Weule, 1906].

Bei den Sara in Ostafrika waren die Oberund Unterlippenteller derart groß, dass sie wie ein Entenschnabel aussahen.

Nicht nur in Afrika war das Tragen von Lippenscheiben aus Ton oder Holz weit verbreitet. Auch in Südamerika galten sie bei einigen Völkern als Zeichen höchster Würde. Neben den ausgestorbenen Fassspundleuten oder Botokuden und den letzten überlebenden Beico de Pau, Tapayuna und Suyá sollen die Kayapó genannt werden, bei denen allerdings nur angesehene Männer die etwa 9 cm breite Holzscheibe in der Unterlippe tragen. Es gilt nicht nur als ein Zeichen des erworbenen Ranges innerhalb der Männerhausgemeinschaft, sondern soll sie bei Frauen männlicher, attraktiver und vor Feinden aggressiver erscheinen lassen. Erst vor wenigen Monaten tauchte im Xingu-Gebiet am Amazonas eine seit den Fünfzigerjahren verschwunden geglaubte Gruppe der sogenannten Metyktire- Kayapó auf. Sämtliche Männer de 87-köpfigen Stammes trugen große Holzscheiben in ihrer Unterlippe. Schon Schröder (1906) staunte darüber und schrieb: „... wenn wir die scheinbar unnatürlichsten Bräuche, die Verunstaltungen des Körpers, ... künstliche Deformation des Schädels und des Gebisses ... bei den abgelegensten und äußerlich am wenigsten sich nahestehenden Menschen wiederfinden.“

Bei den isoliert lebenden Zoé-Indianern am Amazonas tragen sowohl Männer als auch Frauen als Stammeszeichen einen bis zu vier Zentimeter breiten und 15 Zentimeter langen Holzpflock, den sie Embé-po oder Botoru nennen, in der Unterlippe. Sie erhalten ihr erstes Lippenstäbchen im Alter von sieben Jahren.

Erst der Holzpflock macht den Menschen aus

In der Glaubenswelt der Zoé ist nur jemand ein Mensch, der auch so einen Holzpflock trägt. Jeder andere ist ein Fremder, ein Kirahé. Dieser Pflock ist ein sehr wichtiger Teil ihrer Identität und darf ihnen deshalb nicht genommen werden. Im Laufe einiger Jahre passt sich der Unterkiefer halbsymmetrisch an den Lippenpflock an. Es bildet sich ein regelrechtes „Knochenbett“ für den Pflock, das weitgehend infektionsfrei ist. Während die mittleren Unterkiefer-Frontzähne retrudieren und das Parodontium durch den Dauerdruck bis hin zu Lockerung und Verlust dieser Zähne geschädigt wird, setzt bei den Oberkieferfrontzähnen eine Art von Verschachtelung ein [S. Dietze, D. Winkelmann, R. Garve, T. Blens, J. Fanghänel, P. Proff, T. Gedrange, S. Maile, 2007]. Durch die dauerhafte Mundöffnung – etwa vergleichbar mit unseren europäischen Daumenlutschkindern (die es bei Naturvölkern allerdings kaum gibt), haben die Zoé ein relativ hohes Gaumendach und sind sehr anfällig für Infektionen des Respirationstraktes wie Schnupfen und Husten. Das ist einer der Gründe, warum sie auch in Zukunft weiterhin streng abgeschottet von der Zivilisation und isoliert vor deren Krankheiten in einem geschützten Urwaldgebiet leben wollen um ihre eigene Kultur zu behalten.

Selbst in einigen Teilen Deutschlands galt früher ein Kind, das bereits mit Zähnen zur Welt kam, als verhext.

Die Zähne gelten schon von alters her als ein wichtiges individuelles Merkmal eines Menschen und spielen im Dienste des subjektiven Schönheitsgefühls eine besondere Rolle. Schließlich können selbst kleinste Veränderungen an ihnen den Gesichtsausdruck wesentlich beeinflussen.

Aberglaube und Zahnstellung

Nicht nur bei einigen Naturvölkern sind mit den Zähnen, ihrem Durchbruch, ihrer Form, Farbe, Anzahl und Stellung mythologische Vorstellungen, rituelle Handlungen und Aberglaube verbunden. Selbst in einigen Teilen Deutschlands galt früher ein Kind, das bereits mit Zähnen zur Welt kam, als verhext. Ähnlich war es früher in Ostafrika, wenn anstelle der unteren Schneidezähne zuerst die oberen durchbrachen. Es gab laut Zeitzeugen sogar den Brauch, „die Kinder zu ermorden, wenn sie nicht regelmäßig zahnen...“, [L. Storch, 1895].

Nicht nur bei den Pygmäen im Kongo oder Kamerun sind es angespitzte Frontzähne, die neben der erhofften Ähnlichkeit mit einem Raubtier – also einer im Glauben verankerten ästhetischen Verschönerung – als wichtiges Fruchtbarkeitszeichen und Identitätsmerkmal ihrer Stammeszugehörigkeit gelten sollen.

In ihrem Glauben ist nur jemand mit solchen spitzen Zähnen wirklich zeugungsund durchsetzungsfähig (kann sich durchbeißen) und wird gesunde Kinder bekommen. Schon der Arzt und Indianerforscher Hermann von Ihering (1882) versuchte die Verbreitung der verschiedenen Gebissdeformierungen geographisch einzuteilen und ethnographisch zuzuordnen. Trotz über hundertjähriger Weiterentwicklung, Missionierung, Kriegen, Abschaffung von Kolonien und Staatsgründungen sowie massivem Einfluss neuzeitiger Gesellschaftsformen, wie Kommunismus oder Kapitalismus, haben bis heute bei vielen Völkern Deformierungspraktiken, besonders an den Zähnen, überlebt oder erleben aktuell sogar eine Renaissance.

Renaissance der Deformierungspraktiken

In Abhängigkeit von den jeweiligen Völkern unterscheiden wir verschiedene Deformationstypen: es gibt die Spitz-Lücken-Flächenoder Zackenfeilungen, Horizontalfeilungen bis hin zum kompletten Absägen der Zahnkrone.

Hinzu kommen Furchen-, Zellen- und Relieffeilungen. Das Verdrängen von Frontzähnen aus ihrer natürlichen Position, die Schaffung und Vergrößerung von Diastemata beziehungsweise Lücken, das Herausbrechen oder Hebeln einzelner oder mehrerer Zähne mittels Speerspitze oder Steinschlag, die Elongation mittlerer Frontzähne, Zahnschmuck und die künstliche Färbung der Zähne.

Zahnextration als Totenkult

Eine rituelle Zahnextraktion erfolgte bei einigen Völkern aus Trauer, wenn ein naher Verwandter gestorben war. Ähnlich wie bei den Dani in Neuguinea, wo den Frauen ein Fingerglied abgehackt wird, das dann genau wie der Zahn als Grabbeigabe benutzt wird, um mit der Seele des Verstorbenen auch im Jenseits verbunden zu sein.

Auch an der Nase wurden und werden rituelle Deformationen vorgenommen. Neben der in Neuguinea häufigen Form der Perforierung der Nasenscheidewand und der Nasenflügel für die Aufnahme von Schweinezähnen (Dani) oder Muschelscheiben (Asmat) als traditioneller Stammesschmuck, gibt es noch Methoden der Abplattung des Nasenrückens und das Tragen von riesigen Holzscheiben, wie bei den Apatani in Nordost- Indien.

Im Bereich der Ohren sind neben den auch bei uns üblichen Ohrringperforationen gewaltige oft sogar schulterlange Dehnungen bei den Punan und Iban auf Borneo, den Massai in Tansania, den Huaorani in Ecuador oder den Eriktbactsa in Brasilien zu erwähnen. Hinzu kommen Nasenschlitzungen bei Aborigines in Nord-Australien und einigen Inlandsvölkern von Papua-Neuguinea.

Bei den „Giraffenfrauen“ oder Padaung in Burma und Nordthailand erfolgt eine optische Dehnung des Hals-Schulterbereiches durch schwere Messingspiralen beziehungsweise mithilfe von Metallringen bei den Ndebele in Südafrika.

Da diese Deformierungen Elemente einer jeweiligen Kultur und für deren Fortbestand immens wichtig sind, gibt es trotz möglicher medizinischer Bedenken und einem anderen Ästhetik-Empfinden keine Berechtigung für uns, in diese Kultur einzugreifen. Rituelle Deformierungspraktiken des Schädeldaches mittels Bandagen und Holzplatten bei Neugeborenen, die zum Turm- oder Kahnschädel führten und einem sehr alten Schönheitsideal entsprachen, beispielsweise bei den Inka, Azteken und manchen Südsee- Insulanern der Neuen Hebriden (Vanuatu) oder von den Salomonen, gehören dagegen schon lange der Vergangenheit an. Sie werden nicht mehr praktiziert

Schädeltrepanationen nach Schädel-Hirn- Traumen, oder auch um ein vermeintliches Entweichen böser Geister aus dem Kopf zu ermöglichen, werden dagegen auch heute noch gelegentlich von den Kisii in Nordkenia [Lippert,H.1999] durchgeführt. Ohne Narkose versteht sich.

Zahnpflege bei den Naturvölkern

Natürlich haben die meisten Naturvölker auch Karies und Parodontitis – bedingt durch das Kauen von Zuckerrohr, von stärkehaltigen Getränken, den Genuss an Rauschmitteln oder Betel und durch mangelhafte Mundhygiene. Während bei Hochlandpapuas in Neuguinea eine indirekte Plaque-Entfernung durch das gelegentliche Kauen von faserreichen Blattstengeln erreicht wird, verwenden die afrikanischen Völker ganz bewusst kleine Holzstäbchen von bestimmten Baumarten [J. Türp, 1987], um damit täglich ihre Zähne zu reinigen.

Der dabei austretende Baumsaft wirkt adstringierend und desinfizierend, ähnlich wie Inhaltsstoffe einer Zahnpasta. Auch nutzen viele Indigene ihr überliefertes Wissen über Heilpflanzen, Drogen, Hypnose und Schamanismus, um Schmerzen und Krankheiten des Mundraumes zu bekämpfen.

Aber auch der Umgang mit Schmerz ist manchmal sehr unterschiedlich und kulturabhängig. Beim all jährlichem Kin Jae-Festival auf Phuket erreichen taoistische Mönche innerhalb weniger Sekunden durch Selbsthypnose einen Zustand völliger Schmerzausschaltung und eine Drosselung der Blutzufuhr trotz massiver ritueller Durchstichverletzungen im Gesichtsbereich und an der Zunge.

Das gleiche gilt für die Selbstkasteiungen beim Kataragama-Religionsfest auf Sri Lanka. Die wohl kurioseste Form der Zahnschmerz- Selbstbehandlung erlebte der Autor einmal bei den isolierten Suruahá-Indianern in Brasilien: Ein junger Mann hatte sich die Spitze seines Blasrohr-Giftpfeiles in die noch vitale Pulpa seines defekten Molaren gesteckt und dort abgebrochen.

Die Zoé-Indianer reiben bei Fieber und Wundinfektionen ihre Mandeln mit einem roten Rindenbastsaft ein, den sie Sissi-Ih nennen. Mit verblüffendem Erfolg am nächsten Tag.

Martern, Aderlassen, Abschnürungen Skarifikationen und gelegentliches Überschreiten von Schmerzgrenzen zwecks Abhärtung sind oft tief in einer Kultur verwurzelt und dienen dem Überleben im Regenwald.

Anatomische Divergenzen

Wer einmal bei Naturvölkern zahnärztlich tätig war, wird feststellen, dass es tatsächlich Unterschiede im Schmerzempfinden und der Reaktion auf Medikamente, beispielsweise Anästhetika, zu unseren heimischen Patienten gibt. Oft reichen bei der Schmerzmedikation und der Gabe von Antibiotika viel geringere Dosierungen aus, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Selbst die Anatomie der Zähne weist gelegentlich Unterschiede zu der hiesigen Anatomielehre auf, sowohl in der Höckerform der Molaren bei Amazonasindianern, der Größe des Pulpenkavums, der Schmelzdicke oder in der Anzahl von Wurzeln. Bei den behandelten Xingu-Indianern in Brasilien fiel auf, dass beispielsweise untere Sechser nicht selten sogar dreiwurzelig waren und im Gegensatz dazu die Siebener nur eine Wurzel hatten. Und die mittleren oberen Frontzähnen wiesen oft eine starke palatinale Schaufelform und Flügelbildung auf [Vgl. J. Greenberg, C. Turner, 1986]. Es kann vorkommen, dass man beim Bohren unerwartet schnell in die Nähe der Pulpa kommt, da die Dentinschicht (anders als bei uns Europäern) unter dem Schmelz außerordentlich dünn ist.

Sicherlich gibt es noch eine Menge, was Schulmediziner von Naturvölkern lernen könnten. Deshalb ist es sicherlich sinnvoll, zukünftig im Medizin- beziehungsweise Zahnmedizinstudium Fächer wie Völkerkunde oder Ethnomedizin in die Ausbildung mit einzubeziehen, um Patienten, die im Rahmen der Globalisierung aus diesen Regionen auch in unsere Praxis kommen, auch richtig behandeln zu können.

Dr. Roland Garve
Geesthachter Str. 2
21502 Geesthacht
DrGarve@gmx.net

INFO

Dr. Roland Garve – ein Zahnarzt der einfach anders ist

Dr. Roland Garve ist kein Zahnarzt wie jeder andere: Der 52-Jährige aus Lüneburg praktiziert bevorzugt im Urwald. Er hat in Greifswald studiert und die „Enge“ der DDR weckte seine Reiselust. Bei inzwischen gut 40 Naturvölkern hat er schon Zähne gezogen – mit Schraubenzieher und Akkubohrer. Die abgelegensten Ecken der Erde scheinen den Zahnarzt magisch anzuziehen: Der ersten Reise nach Kenia folgte ein Trip nach West-Papua, und schließlich erkundete er nach und nach das riesige Amazonasgebiet in Brasilien. Die Surma in Afrika, die Apatani im Tibet, die Kimyal in Neuguinea und die Zoé im brasilianischen Regenwald: 40 Naturvölker lernte Garve kennen. Hier und da wurde ein Zahnarzt dringend gebraucht. Die Zoé-Indianer zum Beispiel bohren sich traditionell Affenknochen durch den Unterkiefer („Lippenpflöcke“), die Männer im Txucarrame-Volk pressen sich gut zehn Zentimeter breite Holzscheiben in die Unterlippe – da treten schon einmal Probleme mit den Zähnen auf. Seinen ersten indianischen Patienten behandelte Dr. Garve behelfsmäßig mit einer Kombizange und einem Schraubenzieher. Auf späteren Reisen hatte er immerhin Akkubohrer, Haken und Füllmaterial dabei. Wo er konnte, versuchte er, sich nützlich zu machen. Er freundete sich mit vielen Indianern an, studierte ihre Riten und lernte ihre Lebensweise kennen und lieben, schrieb Lars Germann für Stern-TV. sp

 

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