Hugo Johannes Blaschke

Adolf Hitlers Leibzahnarzt

Neues Licht auf ein dunkles Kapitel der Zeitgeschichte wirft eine gerade erschienene Dissertation über Hugo Johannes Blaschke, den sogenannten Leibzahnarzt von Adolf Hitler. Die Arbeit der türkischstämmigen Zahnärztin Dr. Menevse Deprem-Hennen zeichnet ein differenziertes Bild und legt neue Seiten über Blaschke frei.

Die biographische Forschung auf dem zahnärztlichen Täter/Opfer-Sektor von 1933/45 ist mit einer Arbeit über Adolf Hitlers „Leibzahnarzt“ Hugo Johannes Blaschke einen wesentlichen Schritt weitergekommen. Zeichnet ihn die Hitler-Sekretärin Traudl Junge in ihren Erinnerungen als angeregten Plauderer in den Obersalzberger Teegesellschaften um den „Führer“, stellt ihn der französische Medizinhistoriker Xavier Riaud in die Reihe der Zahngoldräuber der NS-Konzentrationslager („La pratique dentaire dans les camps du III. Reich“) und konstatiert Zahnarzt W. Schulz in seiner Dissertation über die Waffen-SS, sein Schicksal sei nach 1945 unbekannt, so gelingt es der türkischstämmigen Zahnärztin Dr. Menevse Deprem-Hennen in ihrer Arbeit, differenzierter zu urteilen und auch einige neue Seiten im Profil Blaschkes freizulegen.

Über den prominenten NS-Zahnarzt gehen die Meinungen schon lange weit auseinander. So halten ihn die Autoren Maretzky und Venter in ihrem stark revisionsbedürftigen Standardwerk „Geschichte des deutschen Zahnärzte-Standes“ (1974) „im Grunde seines Herzens für einen unpolitischen Menschen“.

Blaschke (1881-1960) studiert 1908-11 in Philadelphia und London Zahnheilkunde und kehrt mit guten Zeugnissen mit dem in Deutschland nicht anerkannten Titel „Dr. dent. surg.“ zurück. Ab 1912 praktiziert er als Dentist in Berlin, gewinnt sofort prominente Patienten. Verbürgt ist seine exzellente Arbeit; in den USA ausgebildete Zahnärzte, wenn auch „nur“ Dentisten, genießen in Deutschland ausgezeichneten Ruf. Joseph Goebbels und Hermann Göring werden seine Patienten aufgrund hoher Empfehlung: „November oder Dezember 1933 wurde ich angerufen und man sagte mir, dass ich in die Reichskanzlei kommen solle. Hitler hätte Zahnschmerzen. Es war abends gegen 7 Uhr. Es wurde ein Wagen geschickt, ich nahm also meinen Instrumentenkoffer und fuhr hin. Ich diagnostizierte richtig, die Schmerzen hörten auf und ich wurde der große Mann. Für mich war es natürlich interessant, ein Staatsoberhaupt zu behandeln“, so Blaschke in der Befragung nach 1945.

Steiler Aufstieg

Blaschke wird von Hitler zum „Dr. med. dent.“, später zum Professor ernannt. Er hat seine Chancen und es ist verständlich, wenn er sie wahrnimmt; die Autorin arbeitet präzise die einzelnen Schritte nach. Der Versucher naht, als der Reichsarzt der SS, Prof. Dr. Robert Grawitz, ihn besucht und drängt, für die SS einen zahnärztlichen Dienst einzurichten. Es folgt ein steiler Aufstieg. Blaschke, schon 1931 Mitglied der NSDAP und zahlreicher anderer NS-Organisationen, wird 1944 schließlich Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS und Reichsarzt der SS. Er baut in Dachau, Oranienburg und Buchenwald Zahnstationen auf, von „Missständen“ dort will er nichts gewusst haben. Seine Karriere wird von SSGrößen „warm“ empfohlen, er sei „fanatisch überzeugt“; in den „Zahnärztlichen Mitteilungen“ schreibt er einmal, Zahngesundheit stärke „die Schlagkraft der Truppe“. Hitler habe „etwas besonderes“, er genießt sein volles Vertrauen, er darf auch nach dem Attentat die Sperrkreise ohne Kontrolle passieren.

Durch seine Karriere zieht sich, wie damals bei vielen (Zahn)Ärzten, tiefe opportunistische Ambivalenz. Der hochdekorierte SS-General wohnt in der Villa eines kranken Juden zur Miete, den er in Bombennächten auf dem Arm trägt. Er hilft Mitbürgern, die dem Regime ablehnend gegenüberstehen. Er hat schließlich „die Gefahren erkannt“, wollte sich aber nicht zurückziehen, „denn ich konnte natürlich die Aufgabe der zahnärztlichen Betreuung nicht einfach fallen lassen“. Aber er ließ sich voll integrieren.

Ungeklärt bleibt seine Rolle in den berüchtigten Zahngold-Raubzügen. Ein Dokument weist ihn klar als „Besitzer von 50 Kilogramm“ Zahngold aus; Zeugen und sein Verteidiger versuchen, diesen kriminellen Ruch zu relativieren. Als US-Ankläger Robert Kempner ihn fragt, ob Zahnärzte vergasten Juden die Zähne herausgerissen hätten, gibt er die seltsame Antwort: „Das ist das, warum wir eigentlich hier sitzen“.

Blaschke wird nach dem Krieg als Hauptschuldiger für drei Jahre in das Arbeitslager Langwasser-Nürnberg eingewiesen. Ein geschickter Verteidiger erreicht, ihm auf dem „Gnadenweg die Bewährungsfrist abzukürzen“ und ihn „ohne weiteres Nachverfahren in die Gruppe IV der Mitläufer einzustufen“. Am 15. Dezember 1948 wird er entlassen.

Es gelingt dem Vermögenslosen in der Nachkriegszeit noch eine recht vorteilhafte Eingliederung. Die Sekretärin beim Militärgericht Erna Böbel, die er während der Verurteilungen seiner SS-Kollegen kennengelernt hat, wird seine Frau. Sie ist wohlhabend und von ihrem neuen Partner begeistert. Nach längerem Hin und Her mit den bayerischen Berufsverbänden kann sich Blaschke in Nürnberg niederlassen und Ersatzkassen- und Privatpatienten behandeln. Auswanderungspläne scheitern, ein von ihm konstruiertes Patent „Ärztliches Gerät zur schmerzlosen Behandlung von lebenden Organen, insbesondere Zähnen“ setzt sich in der Dentalindustrie nicht durch. Am 15. September 1960 stirbt er in Nürnberg. Bei seinen Nachbarn und Patienten steht er bis zum Ende in bestem Ruf.

Mitläufer und Opportunist

Menevse Deprem-Hennen in ihrer abschließenden Beurteilung: „Blaschke hat gesehen, was geschah, aber geschwiegen … (Er war) ein Mitläufer, andererseits war er ganz offensichtlich auch ein berechnender Opportunist, der, um in seinem Berufsspektrum die höchsten Positionen zu erreichen, mit Leuten paktiert hat, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit veranlasst und begangen haben. Dank geschickter Verteidigung gelang es in seinem Berufungsverfahren, seine schweren Verstrickungen in ein verbrecherisches Regime zu verharmlosen.“ Vollständig entschlüsselt ist sein Bild noch nicht.

Die Dissertation Deprem-Hennens basiert auf dem Quellenmaterial des National Archives Washington, Blaschkes SS-Personalakte, der Langwasser-Spruchkammerakte Blaschkes, den Beständen aus den Staatsarchiven München und Nürnberg; dem Dental Record, 1911, University of Pennsylvania, vertraulichen Informationen und persönlichen Mitteilungen von Erna Blaschke, Blaschkes zweiter Ehefrau.

Dr. Ekkhard Häussermann
Greifswalder Str. 9
50737 Köln

INFO

Hitlers Leibzahnarzt – die Dissertation

Menevse Deprem-Hennen: „Hitlers Leibzahnarzt. Hugo Johannes Blaschkes Leben zwischen Politik und Zahnheilkunde – eine Studie nach bekannten und bisher unveröffentlichten Dokumenten“, Dissertation, Institut für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 210 Seiten, 2007. Die erst in Pflichtexemplaren veröffentlichte Arbeit erscheint in Kürze im aktuellen Buchsortiment.

Die Autorin

Menevse Deprem-Hennen stammt aus Elbistan, einer kleinen Stadt aus dem Osten der Türkei. Nach ihrem Studium der Zahnmedizin in Ankara arbeitete sie zunächst dort in einer privaten Klinik. 1996 kam sie nach Deutschland. 2002 erhielt sie auch in Deutschland die zahnmedizinische Approbation. Im April 2007 ließ sie sich in Krefeld als Zahnärztin nieder.


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