Engpässe im National Health Service

Desolater denn je

Jeder dritte Patient in Großbritannien hat offenbar Probleme, einen staatlichen Zahnarzt zu finden, der bereit ist, ihn zu behandeln. Wie aus einer aktuellen Studie im Auftrag des britischen Citizens Advice (CA) hervorgeht, haben rund 7,4 Millionen Zahnarzt-Patienten im Königreich derzeit Probleme, eine Praxis zu finden, die bereit ist, sie zu behandeln. Die britische Presse nennt die Zustände eine „nationale Schande“. Zahnärztliche Berufsverbände sind ebenfalls empört.

Wie ein Sprecher von CA in London gegenüber den zm sagte, habe sich die zahnärztliche Versorgung im staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) in den vergangenen Jahren „weiter deutlich verschlechtert“. Als die britische Regierung im April 2006 eine umfassende Reform der staatlichen NHS-Versorgung ankündigte, herrschte zunächst große Hoffnung sowohl bei den Zahnärztinnen und Zahnärzten als auch bei den Patienten. Jahrelang hatte es zuvor Versorgungsengpässe gegeben. Die Zahngesundheit war als Folge dieser schlechten Versorgung seit den 60er-Jahren immer schlechter geworden.

Doch die 2006er-Reformen und die Einführung neuer Arbeitsverträge für die staatlichen Zahnärzte erwiesen sich laut CA als „Niete“. „Anstatt die Versorgungsengpässe zu stopfen und dafür zu sorgen, dass britische Patienten wieder guten Zugang zu zahnärztlichen Versorgungsangeboten erhalten, ist die Situation heute desolater denn je“, so die CA. In Zahlen: Rund 7,4 Millionen NHS-Patienten haben seit April 2006 keinen Zahnarzt mehr besucht, weil sie keinen Zahnarzt finden können, der sie auf Staatskosten behandelt.

Aus dem System gekippt

Rund 4,7 Millionen dieser unbehandelt bleibenden Patienten konsultierten laut CA einen privat praktizierenden Zahnarzt. „Einkommensschwache Patienten haben meist nicht die finanziellen Mittel, um sich privatzahnärztlich behandeln zu lassen“, so die CA kritisch. „Das führt dazu, dass diese Patienten unbehandelt bleiben.“ Im Klartext bedeutet das: Millionen Patienten im Königreich sind seit April 2006 gänzlich aus dem zahnärztlichen Versorgungssystem gekippt. Und die Versorgungslücken werden laut CA größer und größer.

So klagen in Südwest-England heute 53 Prozent aller Patienten über mangelnden Zugang zu zahnärztlichen Versorgungsangeboten. Im Nordwesten des Landes sind es dagegen lediglich 39 Prozent. Was die miserable Versorgungslage für Patienten praktisch bedeutet, wird an folgendem Beispiel deutlich: Ein CA-Mitarbeiter posierte als Zahnarzt-Patient in der südenglischen Grafschaft Cornwall.

Die dortige Gesundheitsverwaltung, die immerhin eine telefonische Hotline betreibt, um verzweifelten Patienten Ratschläge zu erteilen, wie sie mit ihren Zahnschmerzen am besten umgehen sollten, teilte dem CA-Mitarbeiter mit, in ganz Cornwall gebe es derzeit keinen Zahnarzt, der neue NHS-Patienten behandele. Immerhin wurde angeboten, den Namen des „Patienten“ auf eine Warteliste zu setzen, sollte sich ein Zahnarzt finden, der bereit ist, in Cornwall neue Staatspatienten zu therapieren. Dem CA-Mitarbeiter wurden keinerlei Zeitangaben mit auf den Weg gegeben. Laut CA ist das kein Einzelfall.

Die CA betreibt in Großbritannien mehr als 3 000 Bürger- und Rechtsberatungsstellen. Die Organisation beschäftigt mehr als 20 000 hauptsächlich ehrenamtlich tätige Mitarbeiter. Jährlich werden rund 5,5 Millionen Beratungsgespräche durchgeführt. Die Organisation legt Wert auf die Feststellung „unabhängig von Regierung und Lobbygruppen“ zu agieren.

Große Unzufriedenheit

Der britische Zahnärztebund (British Dental Association, BDA) kennt die Probleme. „Wir wissen, daß die Versorgung schlecht ist“, so ein Sprecher der Organisation in London. Laut BDA herrscht innerhalb der Zahnärzteschaft außerdem „große Unzufriedenheit“ bezüglich der beruflichen Situation. NHSZahnärzte seien frustriert, weil sie mangels Geld oftmals nicht in der Lage seien, Staatspatienten ordentlich zu versorgen.

Das hat zur Folge, dass sich immer mehr NHS-Zahnärzte auf die Behandlung privat versicherter oder privat bezahlender Patienten konzentrieren. Besonders in den wohlhabenden Gebieten, wie im Großraum London und im Südosten England, sprießen private Zahnarztpraxen seit Ende der 90er-Jahre wie Pilze aus dem Boden. Die Preise für private zahnärztliche Behandlungen im Königreich liegen deutlich über den in Deutschland zu zahlenden Preisen. Folge: immer mehr britische Patienten kommen für ihre Behandlung nach Deutschland. Das gilt vor allem für aufwendige Maßnahmen wie Implantate. Deutsche Zahnmediziner genießen in Großbritannien einen hervorragenden Ruf.

Immerhin kündigte die Regierung Brown kürzlich für das Jahr 2008 an, elf Prozent mehr Geld in die Verbesserung der zahnärztlichen NHS-Versorgung investieren zu wollen. Sowohl BDA als auch CA äußerten sich optimistisch, dass dieses zusätzliche Geld zumindest stellenweise eine bessere Versorgung herbeiführen werde. Allerdings weisen gesundheitspolitische Experten in London darauf hin, dass es nach jahrelanger Unterfinanzierung heute einen enormen Nachholbedarf gebe. „Wir warnen vor zu großen Erwartungen“, so die BDA.

Arndt Striegler
Grove House
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